Simple Minds Frontmann Jim Kerr
Simple Minds Frontmann Jim Kerr rockt die Bühne in Bonn. (Foto: Sebastian Derix)

Kunstrasen, 25.07.2018: Fischer Z und Simple Minds. Zwei Legenden, die den Soundtrack der 80er bis heute wesentlich geprägt haben. 18:30 Uhr, Sonnenschein, kein leichter Job für John Watts (63), aber er macht ihn gerne und gut. Es gibt zeitlose Songs, die live und von Hand von großartigen Musikern gespielt werden.

Watts strahlt gleichzeitig Würde und eine jugendliche Schelmenhaftigkeit/ Verschmitztheit aus (weiß jemand, ob es „Verschmitztheit“ im Schottischen gibt?). Hat Spaß an der Sache und ist zufrieden, heute hier, in diesem Leben und auf genau diesem Kunstrasen mit genau diesen Menschen lebendig zu sein.

Obwohl durchaus vom Punk beeinflusst, hat seine Musik durchweg eine positive, konstruktive Energie. Positive Energie, die sich von Anfang an von den Musikern auf das begeisterte Bonner Publikum überträgt. Dazu hat es reichlich Genie, Professionalität, Witz, aber nicht zwingend Perfektion.

Da darf Watts kurz vor dem Song („wild, wild“) nochmal den Bassisten nach den Akkorden fragen. Oder es darf der Gitarrensender kaputtgehen. Da wird gelacht, das Publikum freundschaftlich zum Überbrücken aufgefordert: „clap for me“. Und dann während der Song in improvisierter Form „läuft“, die Gitarre wieder ans laufen bzw. klingen gebracht. So sieht Souveränität und Liebe zum selbst gewählten Beruf aus.

Fischer Z (Foto: Sebastian Derix)

Fischer Z (ja, wirklich mit „sch“) rollt gut, groovt und rockt. Als Zeit- und Ortsgenossen von „The Police“, mit denen sie früher auf Festivals zusammengespielt haben, gibt es viele Ska- und Reggae-Elemente. Eine großartige Rhythmus- Zusammenarbeit von Watts an der Gitarre, Matthew Waer (Bass) und dem energiegeladenen Sonias Banovic (Drums) braucht keinen Sequenzer, keine vom Band abgespielten Komponenten, kein Pfusch. Irgendwie sind es auch diese minimalen, musikalischen Schwankungen, Timingwechsel und lebendigen -nicht computerisierten Grooves, die anstecken und bewegen.

Für den überragend klingenden, teils sehr verzerrten, teils cleanen Gitarrensound, der bei allen Songs eine tragende Rolle spielt, braucht Watts am ganzen Abend genau eine Gitarre. Der Mann weiß, wie man gute Songs mit Allgemeingültigkeit und bleibendem Wert macht. Watts hat sich mit seinen Kompositionen einen festen Platz in der Musikgeschichte dieses Jahrhunderts erspielt. Wenn er singt, erzählt er eine Geschichte (nebenbei studierter Psychologe). Man wird gefangen und hört zu, wird abgeholt und überallhin mitgenommen und findet es gut dort.

Das Songwriting, die Lyrics sind so schlüssig und überzeugend, dass vor dem geistigen Auge Bilder entstehen, live und in Farbe, in Echtzeit. Hier braucht es auch keine Riesen- Videomonitore mit austauschbaren Zusatzstimuli. Hier entstehen die Bilder und die Gefühle alle individuell in den Köpfen der Zuhörer, alleine durch die Musik.

Eine Stimme, die unter die Haut geht, die man unter tausenden Sängern unmittelbar erkennen würde: dieser abrupte Wechsel zwischen tiefer Stimme und Kopfstimme. Oft sehr hohe Töne, die gesungen werden: Trotz der vergangenen Zeit bez. des Alters (die Stimme wird im allgemeinen mit der Zeit tiefer, siehe z.B. Sting) bezaubert Watts Stimme auch in anhaltend höchsten Lagen noch mit Ausdruck, Präsenz, Kraft, Präzision und Charakter.
Respekt: Sowohl vor der Lebensleistung, als auch vor dem heutigen Konzert. Hier stimmte alles.

Nach einer geplanten, aber eigentlich überraschend kurzen Umbaupause (Dank an die hervorragenden Bühnentechniker): Simple Minds.

Auch nicht ganz aktuell, gegründet 1978 in Glasgow. And then there were two: Von der ursprünglichen Besetzung sind nur noch Frontmann/ Sänger Jim Kerr und Gitarrist Charlie Burchill übrig. In der zweiten Hälfte des Abends ein sterilerer, zwar gut groovender, aber konstruierterer, kühlerer Sound. Hier jetzt leider wieder alle „Slave to the Rhythm“, d.h. im Takt und synchron zu einem Teil-Playback. Alle Akzente, alle Tempi auf die Millisekunde ohne Schwankungen, da getaktet vom Sequenzer.

Simple Minds Urgestein Charlie Burchill (Foto: Sebastian Derix)

Exkurs: Eigentlich mag ich Computer und Sequenzer bei Aufnahmen sehr gerne. Gerade beim Komponieren hilft und stabilisiert die künstliche Taktung ungemein. Aber Live im Konzert hat man sich doch immer einiger Freiheitsgrade beraubt, und eigentlich tendieren alle dazu, nur eingeschränkt mitzuschwingen und etwas schauspielerisch zu posen, den externen Rhythmus als ihren eigenen auszugeben. „Wir sind doch im 21. Jahrhundert angekommen“, wie ein kritischer Kommentator auf meinen kritischen Kommentar bez. Steve Wilson in der letzten Woche anmerkte. Und ich muss leider manchmal sagen: ja, leider.

Gegen diese fest gefasste Taktung hilft hier nur eines, genauer gesagt, Eine: Cherisse Ossei (drums). Eine Naturgewalt. Vielleicht die am stärksten, je in einem menschlichen Körper kondensierte rhythmische Energie:) Im Alter von 5 Jahren hatte sie ein rosa Micky Mouse Drumset vom Onkel geschenkt bekommen.

Ob der geahnt hat, was er damit (gutes) in der Welt anrichtet? Der perfekte Ausdruck in jedem Abschlag. Perfektes Timing bei den alles dominierenden Snareschlägen. Wie eine rennende Löwin im Gegenwind (jetzt denken alle, ich spinne bzw übertreibe: Cherisse hat aber wirklich eine kräftige Gegenwindanlage auf dem Drumraiser und bei der wehende, dichten Föhnfrisur ist die Assoziation gar nicht so spinnert, vielleicht sogar gewünscht).

Foto: Sebastian Derix

Allerdings auch hier ein bisschen Schauspielerei: die schnelleren regelmässigen Schlaginstrumente wie 16tel Hi-Hat oder 8tel Becken sowie Tambourin und natürlich Congas usw. kommen durchweg vom Band, sodass Ossei mit ihren Energien auch etwas haushalten kann und diese für die langsameren Snare/ Bassdrumschläge, sowie für ihren energischen Gesichtsausdruck aufbewahren kann. Alles perfekt synchron zum Sequenzer jedoch, eine beeindruckende Weltklasse- Schlagzeugerin.

Auch er kann es noch: Jim Kerr. Ein Rock Poser, der zwischendurch gerne mal in die Knie geht, mit den hautengen Jeans und dem kräftigen, sehr markanten Schottischen Tonfall („insaäa“ anstatt „inside“ oder sein Jagdruf: „rrrrrrauu“. „Jeder lebt mit seiner Geschichte, mit seiner Figur, die er verkörpert“ (Jim Kerr, 08.02.2018 im Interview mit der Kronen- Zeitung).

Eine Stimme, die in der Lage ist, tausende von Assoziationen und Jugenderinnerungen bei allen im Publikum hervorzurufen. (Wie zu erwarten, kaum jemand unter 40 da, aber alle voller guter Energie, jetzt noch mehr).

Einfach gestrickt zwar, aber so sind sie wohl immer, die bleibenden, guten Dinge im Leben: „La, lalala, lalalala, lalala lalalalalala“ (Wiederholen ad. lib, Zitat aus dem Welthit „Don´t you“).

Jim Kerr im Interview: „Die Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, wir sind finanziell unabhängig und haben uns einfach die Zeit genommen, um uns wieder in der Musik fallen zu lassen. Wir wollten wieder gut werden. Nicht reich oder erfolgreich, sondern einfach gut.

Gastautor Johannes Kuchta ist ein Bonner Songwriter und Musikproduzent. Neben seinem Hauptberuf als Neurochirurg betreibt er das Tonstudio und Label “Phonosphere“.

Ein aktuelles Interview mit ihm gibt es hier: www.rheinexklusiv.de/parallele-welten-johannes-kuchta/

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