Grisha Martirosyan als ‚Der Barbier von Sevilla‘ an der Oper Bonn | Foto (c) Bettina Stöß

Das dargebotene Straßengeschehen scheint inspiriert von der Bonner Altstadt: Figuren fahren entlang eines Mehrparteienhauses mit E-Scootern über die Bühne. In einer Nudelbar treffen sich eine Frau und ein Mann in der Mitte einer Nudel, die sie von den beiden Enden her essen. Ein tätowierter Friseur redet seinen Kunden gut zu. Vor dem Eingang seines Salons hängt das Poster „25 classic haircuts“. Auf einem Laptop läuft operavision.eu. Wir sehen Bonner Lokalkolorit mit einem Kiosk, einem Schlüssel-Schnelldienst und Bierkästen, die vor einem Lokal abgestellt sind. Eine zentral positionierte tragbare Litfaßsäule hilft der Hauptfigur bald zu ihren Schwarm romantisch emporzuklettern, um mit ihr erste Liebesbekenntnisse auszutauschen.

Gioachino Rossini (1792–1868) gilt als Meister des Belcanto (italienisch für „schöner Gesang“), eine im 17. Jahrhundert entstandene italienische Gesangstechnik und Ästhetik, die den europäischen Operngesang prägte und fließende Legati, klangschöne Koloraturen und eine kontrollierte, tiefe Zwerchfellatmung betonte. Seine 1816 in Rom uraufgeführte Oper Der Barbier von Sevilla ist sein bis heute populärstes Werk. Sie spielt eigentlich in der andalusischen Metropole. Rossini orientierte sich bei dieser Oper am Wandertheater, damit sich leicht Lokalbezüge zu Orten der Aufführungen einbinden lassen. Das zweiaktiges Melodrama steht exemplarisch für die opera buffa. Die komische Oper des damals 23-jährigen Maestro Rossini gilt heute als eine der meistgespielten Opern. Das Libretto von Cesare Sterbini beruht auf der Erfolgskomödie Le Barbier de Séville ou la Prévaution inutile des Autors Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, in dem Versatzstücke der Commedia dell´Arte Verwendung finden.

Inhaltlich dreht sich das Geschehen im atemlosen Tempo um die Themen Geld und Liebe. Der alte Schwerenöter Doktor Bartolo will seine reizende Nichte Rosina heiraten, die zugleich auch sein Mündel ist. Er hat es auf ihre Mitgift abgesehen. Diese ist jedoch in den Startenor Almaviva verliebt, dem sie einen glühenden Verehrer-Brief schreibt. Almaviva verkleidet sich als junger Student Lindoro, um Rosina inkognito in Augenschein zu nehmen. Begleitet wird er von Figaro, dem gewandten und scharfsinnigen Titelhelden der Geschichte. Doch auch Bartolo hat einen wichtigen Vertrauten, den hinterlistigen und heuchlerischen Musiklehrer, Notar und Priester Basilio.

‚Der Barbier von Sevilla‘ an der Oper Bonn | Foto: Bettina Stöß

Während der Ouvertüre wird ein Video von Clemens Walter bühnenbreit eingespielt, das die Charaktere und das Setting vorstellt. Wir sehen, wie Rosina den Tenor Almaviva auf ihrem Laptop anschmachtet. Almaviva findet Rosinas Brief und spricht in der Kantine der Bonner Oper eher widerwillige Musikanten an. Er engagiert sie als Begleitband, um mit Liebessonetten in Bardenmanier um Rosina zu werben. Während die Musikanten im Tourbus zu Rosinas Adresse reisen, schnappt sich Almaviva ein kariertes Hemd und entleiht einen E-Roller.

Hier verweist der junge, südafrikanische Regisseur Matthew Wild auf unsere Jetztzeit. Nach der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang. Dirk Hofackers bewegte Drehbühne zeigt ein Haus aus mehreren Perspektiven. Figaro unterhält einen Barber Shop neben der Zahnarztpraxis Bartolos. Rosina assistiert Bartolo im Kittel als Zahnarzthelferin. Direkt über der Zahnarztpraxis sehen wir die Mehrzimmerwohnung Bartolos und Rosinas.

‚Der Barbier von Sevilla‘ an der Oper Bonn | Foto (c) Bettina Stöß

Aufgelockert wird das Geschehen bereits zu Anfang durch vier junge Hip-Hop-Tänzer. Jessica Alino, Gabriel de Freitas Rolfs, Kacper Iwanow und Corina Wodwarka übernehmen ausdrucksstark kleine Rollenparts. Sie zeigen auf der Bühne beweglich und rhythmisch präzise mitreißende Choreografien der südafrikanischen Hip-Hop-Größe Rudi Smit zu Rossinis Partitur. Auch die übrigen Akteure steigen beweglich mitunter in die synchronen Choreographien mit ein.

Ensemblemitglied Charlotte Quadt verkörpert die Rosina mit leichtem, flexiblen Mezzosopran und virtuosen Koloraturen während der Cavatine „Una voce poco fa“ (Eine Stimme vor kurzem). Sie überzeichnet ihre Figur als naive, verträumte und wenig weltmännische Tochter aus wohlhabenden Hause.

Gastsänger Anton Rositskii mimt temperamentvoll ihren Schwarm, den bekannten Tenor Antonio Almaviva. Er gestaltet mit Quadt harmonisch klangschön das bekannte romantische Duett „O istante d’amore“ (O Augenblick der Liebe) und meistert auch sonst seine leidenschaftliche und impulsive Figur mit lyrischen Melodiebögen und kraftvollem Tenor.

‚Der Barbier von Sevilla‘ an der Oper Bonn | Foto (c) Bettina Stöß

Der armenische Bariton Grisha Martirosyan nimmt als schillernder Titelheld bereits mit seiner bekannten Vorstellungsarie „Largo al factotum“ (Platz da für den Alleskönner) lyrisch und mit stimmlich rasanter Beweglichkeit für sich ein. Der Barbier behauptet hier, er sei ein Mädchen für alles und wäscht allen dabei den Kopf. Charmant und ein wenig eitel hilft er Almaviva mit strategischer List.

Der Italiener Enrico Marabelli gibt den herrschsüchtigen Vormund Dr. Bartolo, der seine Figur während der Arie mit geschmeidig forcierten Bariton „A un dottor de la mia sorte“ (Einen Doktor meinesgleichen) wirkungsvoll karikiert.

Bemerkenswert ist auch Pavel Kudinov als Don Basilio, der in der Arie „La calunnia è un venticello“ (Die Verleumdung ist ein Lüftchen) mit resonantem, leicht metalischem Bass die Verschlagenheit und Hinterlist seiner Figur eindrücklich offenlegt.

Charlotte Quadt als Rosina mit Grisha Martirosyan als ‚Barbier von Sevilla‘ an der Oper Bonn | Foto (c) Bettina Stöß

Nicole Wacker wertet ihre schrullige Nebenfigur der Rezeptionsdame Berta mit kunstvollen Niesanfälle und der Arie „Il vecchiotto cerca moglie“ (Das Männlein sucht ein Weibchen) auf. Sie singt diese im hohen Tempo rhythmisch lebhaft während eines Essens in der Noodle-Bar. Hier klagt sie spöttisch über die Turbulenzen im Haus des Bartolo, der sich eine junge Frau sucht, während auch die junge Rosina sich nach einem Ehemann sehnt.

Seogjun Jang lässt schließlich als Polizeioffizier mit volltönendem Bass aufhorchen.

Der Italiener Matteo Beltrami dirigiert das Beethoven Orchester Bonn harmonisch präzise. Es spielt die prägnanten Rhythmen, eingängigen Melodiebögen und rasanten Stimmungswechsel schwungvoll und kontrastreich. Der Chor lässt unter der Leitung von André Kellinghaus während lebhafter Ensemble-Szenen aufhorchen. Im Finale vom ersten Akt trägt er die Staccati, Crescendi und Accelerandi eindrücklich mit.

In die durch Situationskomik durchdrungene Geschichte passen auch melodische Einfälle, wie eine kleine Beethoven-Referenz während der Aufführung in der Geburtsstadt des Wegbereiters der Romantik. Beethoven hatte seinerzeit den Italiener Rossini 1822 geraten, dass er sich auf das Genre der komischen Oper beschränken möge. Er neckte Rossini mit den Worten, dass Italiener ja gut im Fach der vergnüglichen Opera buffa seien, ihnen ernste Opern jedoch weniger liegen würden.

Matthew Wilds Inszenierung unterhält mit pointiertem Tempo, amüsant überzeichneten Figuren, einer Vielzahl ebenso kurzweiliger wie glanzvoller Arien und musikalisch unbeschwerter Leichtigkeit. Insbesondere Verweise auf unsere heutige Zeit wirken erfrischend, etwa wenn ein großräumig projizierter Feed auf der Mikroblogging-Plattform X mit Fake News momentartig für fatale Verwirrung sorgt.

DER BARBIER VON SEVILLA (Oper Bonn, 25.01.2026)

Musikalische Leitung: Matteo Beltrami

Regie: Matthew Wild

Bühne: Dirk Hofacker

Kostüme: Raphaela Rose

Videodesign: Clemens Walter

Licht: Max Karbe

Dramaturgie: Polina Sandler

Choreografie: Rudi Smit

Choreinstudierung: André Kellinghaus

Besetzung:

Graf Almaviva … Anton Rositskii

Rosina … Charlotte Quadt

Figaro … Grisha Martirosyan

Dr. Bartolo … Enrico Marabelli

Don Basilio … Pavel Kudinov

Berta … Nicole Wacker

Fiorello … Miljan Milovic

Ein Offizier … Seogjun Jang

Ambrogio … Volker Hoeschel

Tänzer … Gabriel de Freitas Rolfs, Kacper Iwanow, Jessica Alino, Corina Wodwarka

Statisterie des Theater Bonn

Chor des Theater Bonn

Herren des Chores des Theater Bonn

Beethoven Orchester Bonn

Premiere war am 25. Januar 2025.

Nächste Aufführungen: 08., 22., 27.02./ 08.03./ 25.04./ 10., 24.05./ 06., 16., 17.06.2026

Weitere Infos hier.

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