Es rumort. Poetik, Sprache und Musik verschränken sich ineinander. Es entfalten sich leuchtende Passagen von entrückender Zartheit. Revueartige Szenen mit spielfreudigen Figuren berühren in ihrer expressiven Gestik und ihrem vorwärtsdrängenden Impetus. Eine verschlungene und schräge Handlung voller Täuschungen, Sinnlichkeit und schwarzen Humors sorgt für farbenfrohe, witzige und grotesk überzeichnete Unterhaltung.

Peter Ronnefeld (1935-1965), der 1961 mit 26 Jahren als Chefdirigent an der Oper Bonn amtierte, verstarb jung an einer Krebserkrankung. Seine umfangreichste und bekannteste Komposition ist die dreiaktige Oper Die Ameise, die 1961 in Düsseldorf uraufgeführt wurde. Das lange vergessene Werk des Ausnahmetalentes wird an der Oper Bonn noch an zwei Abenden in der beachtlichen Adaption der Ukrainerin Kateryna Sokolova gezeigt.
Die neue Einstudierung unter der musikalischen Leitung von Daniel Johannes Mayr entstand im Rahmen der 2023 mit dem Opera Award ausgezeichneten Reihe Fokus `33. Boris Kahnerts Lichtsetzung und Nikolaus Weberns Bühnenbild legen einen klaren Fokus auf die komplexe Handlung, wenn sich links und rechts Tribünen mit sensationslüsternen Zuschauern einer Gerichtsverhandlung eröffnen. Später wird die Bühne mit nur wenigen Veränderungen zum Musikzimmer oder zum Gefängnisraum. Während sich eine üppige Klangfülle und rhythmische Schlagabtausche ausbreiten, lässt sich kaum auf den Grund der Wahrhaftigkeit der Erzählung tauchen:

Der Gesangslehrer Maestro Salvatore steht wegen des Mordes an seiner Schülerin Formica vor Gericht. Mit den Worten „Ich bin kein Mörder.“ betont er seine Unschuld, doch die Staatsanwältin (Svenja Wasser) hält teilweise diffus an seiner Schuld fest. Vergangenes und Gegenwärtiges fließen voll geheimnisvoller Andeutungen zusammen. Zeitzonen und eine Chronologie der Geschehnisse lösen sich auf, wenn in Rückblenden die Schauplätze wechseln, Salvatore am Ende jedoch wieder vor Gericht steht.
Bariton Dietrich Henschel gestaltet Salvatore eindringlich und obsessiv, wenn er mit brüchiger, dann mit warmer und getragener Stimme seinen inneren Impulsen folgt. Henschel verkörpert seine widerstreitende Gefühlswelt mit beklemmender Präsenz. Sein Bariton strahlt empfindsam, schlank und kraftvoll, wenn er die große Verletzlichkeit seiner Ameise in musikalischen Bildern fokussiert.

Nicole Wacker mimt die Formica (lateinisch für „Ameise“) wandlungsfähig und sehr bestimmt mit lyrischer Emphase und dramatischen Zuspitzungen. Die Beziehung Salvatores und Formicas bildet emotional wie dramaturgisch den Kern der Inszenierung. Die Schülerin Formica, die vielleicht als Ameise wiedergeboren wird, scheint mit ihrer List Salvatore zunächst überlegen. In einer Art Machtspiel setzt sie sich auch mal während ihres intensiv leuchtenden, beweglichen Soprangesangs wirkungsvoll auf einem mittig platzierten Flügel in Szene. Formica bleibt während der Vorführung jedoch auch als Projektion Salvatores deutbar, da ihr Verschwinden nicht aufgeklärt wird. Als Partner auf Augenhöhe tragen Henschel und Wacker hier die fantastische Produktion.
Auch andere Akteure geben faszinierende und differenzierte Einblicke in ihre Figuren. Der von Constanza Meza-Lopehandia liebevoll kostümierte Chor unter der Leitung von André Kellinghaus und Ana Craciun ist in den szenischen Bewegungen von Sebastian Eilers sorgfältig choreographiert. Carl Rumstadt und Tae Hwan Yun erzählen als zwei Sträflinge mit sichtbarer Lust und virtuosem Spiel von amourösen Verwicklungen. Sie brillieren im hymnischen Gestus mit packender Spannkraft und sorgen für witzige Momente. Susanne Blattert bringt als Mutter ihre Tochter Formica zum Gesangsunterricht und umgarnt Salvatore derbe mit fokussierten Gesangslinien und -flächen. Sie klagt während des Prozesses eindringlich um ihren Verlust. Ján Rusko agiert als Gefängniswärter Melter markant mit feiner Ironie, sich wohlüberlegt mit dramatischem Tenor an seinem Schützling Salvatore reibend.
Während Mayrs unaufdringlicher Spielführung wechseln behutsam Arien, Zwischenspiele mit Instrumentensoli, Sprechgesang, A-cappella-Chorsätze und Zwölfton-Passagen. Das agile Beethoven Orchester Bonn glänzt mit einem aktiven und spielfreudigen Klang voll Schattierungen, Transparenzen und satter Farben. Eine komplexe Leitmotivik mit leise anklingenden Zitaten fesselt. Intime, zärtliche und fragile Klänge erzählen von leisen und verborgenen Dingen. Eine sich zuspitzende Rhythmik sorgt hingegen mit ihrer prägnanten Reibungsfläche nahezu für Raserei. Die eindringliche Klangregie, der absurde Humor und die starken Bilder lehren uns loszulassen und zu staunen.
DIE AMEISE (Oper Bonn, 15.01.2026)
Musikalische Leitung: Daniel Johannes Mayr
Regie: Kateryna Sokolova
Bühne: Nikolaus Webern
Kostüme: Constanza Meza-Lopehandia
Licht: Boris Kahnert
Choreografie: Sebastian Eilers
Choreinstudierung: André Kellinghaus, Ana Craciun
Besetzung:
Maestro Salvatore … Dietrich Henschel
Formica … Nicole Wacker
Mutter Formicas … Susanne Blattert
Diener Salvatores … Ralf Rachbauer
Melter, Gefängniswärter … Ján Rusko
Professor Mezzacroce … Mark Morouse
Fassadendieb … Carl Rumstadt
Taschenkletterer … Tae Hwan Yun
Verteidiger / Gefängnisgeistlicher / Gefängnisdirektor … Roland Silbernagl
Staatsanwalt / Ausrufer / Geschäftsführer … Svenja Wasser
Chor des Theater Bonn
Statisterie des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Premiere an der Oper Bonn war am 14. Dezember 2025.
Nächste Termine: 02. und 06.02.2026







