Sinkende Kosten: Warum Restmüll bringen in Bonn wirklich mehr kostet

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Bonn – Um 200 Pro­zent stie­gen im Ja­nu­ar die Prei­se für all­je­ne, die ih­ren Rest­müll di­rekt zu den Wert­stoff­hö­fen in Bonn und Go­des­berg brin­gen möch­ten. In Zah­len: von 5,- auf 15,- Eu­ro. Da­bei sin­ken seit Jah­ren die Bon­ner Ab­fall­ver­wer­tungs­ge­büh­ren. Zu­dem hat bon­noran­ge, der Bon­ner Müll­ver­wer­ter in kom­mu­na­ler Hand, seit sei­nem Be­stehen ei­nen Über­schuss er­wirt­schaf­tet (2015: 1.907.591,42 Eu­ro, auch für das Jahr 2016 sind die Aus­sich­ten rosig).

Wenn die Ge­win­ne stei­gen, er­öff­net sich die Fra­ge: Gibt es al­so ei­nen wirt­schaft­li­chen Grund für die Er­hö­hung die­ser Ab­ga­be­ge­büh­ren? Die Hintergründe.

Saubermann-Bonn: Fakten zur Bonner Müllmenge

Die Bon­ner pro­du­zie­ren ei­gent­lich im­mer we­ni­ger Rest­müll: War­fen sie 2013 noch 57.669 Ton­nen in ih­re grau­en Re­st­ab­fall­be­häl­ter, wa­ren es 2016 nur noch 55.997 Ton­nen, die von den Müll­wer­kern ein­ge­sam­melt wur­den. Gleich­zei­tig stieg aber die Re­st­ab­fall­men­ge, die durch Pri­vat­per­so­nen zu den Sam­mel­stel­len ge­karrt wur­de, von 4.848 auf 7.193 Tonnen.

Die Ein­spar­nis von 1672 „re­gu­lä­ren“ Ton­nen wur­de dem­nach durch die  2345 Extra-Tonnen auf­ge­fres­sen. Pri­vat­per­so­nen brach­ten mehr Müll zur Sam­mel­stel­le und war­fen we­ni­ger in ih­re Tonne.

Preis­lich gibt es laut bon­noran­ge kei­nen Un­ter­schied bei den Ver­bren­nungs­kos­ten, egal ob pri­vat an­ge­lie­fert oder von Müll­wer­kern ge­holt. Sie san­ken um rund 23 Pro­zent, von 2013 193,42 Eu­ro auf 148,75 Euro.

Wenn die Müll­men­ge al­so leicht stieg, die Kos­ten für die Ver­bren­nung aber deut­lich san­ken, war­um müs­sen Pri­vat­brin­ger nun mas­siv mehr löhnen?

Gebührengerechtigkeit“ als Schlagwort

Bon­noran­ge be­grün­det die­sen Schritt un­ter dem Stich­wort „Ge­büh­ren­ge­rech­tig­keit.“

Die Ent­sor­gungs­kos­ten für den Rest­müll sind zwar ge­sun­ken, aber die ehe­ma­li­ge Ge­bühr von fünf Eu­ro pro Kof­fer­raum­la­dung war seit Ein­füh­rung des Eu­ro im Jahr 2002 un­ver­än­dert und in­zwi­schen nicht mehr kostendeckend.

Das be­deu­te­te, dass die Dif­fe­renz zwi­schen ge­zahl­ter Ge­bühr und tat­säch­li­chen Ent­sor­gungs­kos­ten in die Müll­ge­büh­ren ein­ge­flos­sen ist und so­mit von al­len Ge­büh­ren­zah­lern mit­fi­nan­ziert wurde.

Seit dem 1. Ja­nu­ar 2017 be­zah­len die Ab­fall­be­sit­zer an den Sam­mel­stel­len nun ver­ur­sa­cher­ge­recht für den an­ge­lie­fer­ten Müll.

Wenn aber be­reits seit 2002 die ge­sam­te Müll­men­ge und die Kos­ten für die Ver­bren­nung im­mer­zu san­ken, wie kann dann die Ge­bühr dann nicht mehr kos­ten­de­ckend sein? Auf Nach­fra­ge be­tont ei­ne bonnorange-Sprecherin, pri­vat ge­brach­ter Müll sei noch nie kos­ten­de­ckend ge­we­sen, auch vor 2002 nicht.

Frü­her (Vor 1993, Anm. d. Re­dak­ti­on) konn­te man die Ab­fäl­le ge­büh­ren­frei ab­ge­ben. Als dann durch Weg­fall der De­po­nie­rung die Kos­ten für die Ab­fall­ent­sor­gung sprung­haft an­stie­gen und die Nut­zung der Sam­mel­stel­len da­zu führ­te, dass Ei­gen­tü­mer Rest­müll­ton­nen kom­plett ab­be­stel­len woll­ten, hat man am 1. Ja­nu­ar 1993 ei­ne Pau­schal­ge­bühr von 10,– DM ein­ge­führt, die aber auch nicht kos­ten­de­ckend war.

Ge­büh­ren­ge­rech­tig­keit hat mög­li­cher­wei­se auch ei­nen an­de­ren Hin­ter­grund: bon­noran­ge ver­mu­tet, dass es Fremd­brin­ger gibt. Al­so Nicht-Bonner und Un­ter­neh­mer, die ih­ren Müll auf die­se Wei­se entsorgen.

Es wird ver­mu­tet, dass auch ein gro­ßer Teil Nicht­bon­ner und/oder Un­ter­neh­mer die Wert­stoff­hö­fe nut­zen. Wir fra­gen zwar im Zwei­fels­fall nach ei­ner ent­spre­chen­den Le­gi­ti­ma­ti­on (Aus­weis, Mel­de­be­schei­ni­gung, etc.), aber ei­ne lü­cken­lo­se Kon­trol­le ist prak­tisch nicht mög­lich, zu­mal ja in­zwi­schen bei ei­nem Um­zug das vor­han­de­ne Kfz-Kennzeichen mit­ge­nom­men wer­den kann.

Bonner Müllkosten müssten demnach deutlich sinken

Folgt man die­ser Lo­gik, dürf­te die Bon­ner Müll­ge­bühr üb­ri­gens im nächs­ten Jahr DEUT­LICH sin­ken, und zwar um et­wa 10 Pro­zent. Auf so die­se Men­ge be­läuft sich die pri­vat an­ge­lie­fer­te Müll­men­ge schließ­lich. Die sol­len ja dem­nächst ver­ur­sa­cher­ge­recht be­zahlt wer­den. Und nicht mehr vom Ge­büh­ren­zah­ler mit­fi­nan­ziert, was of­fen­bar der­art zu Bu­che schlug, dass ei­ne Preis­er­hö­hung nö­tig wurde.

FAZIT: Was es mit den Kostensteigerungen wirklich auf sich hat

Die Ar­gu­men­ta­ti­on der Ge­büh­ren­stei­ge­rung 2017 mit Ver­weis auf ei­ne Nicht­an­pas­sung der Ge­bühr seit 2002 ist aus preis­li­cher Sicht nicht zu fol­gen, viel­mehr müss­te auch die Kof­fer­raum­la­dung preis­lich sin­ken, statt teu­rer zu werden.

Mit dem Be­griff „Ge­büh­ren­ge­rech­tig­keit“ tritt bon­noran­ge dem ent­ge­gen­tre­ten. Der Ver­ur­sa­cher, be­zie­hungs­wei­se der Vor­bei­brin­ger, soll mehr zah­len. War frü­her die Ver­brin­gung des zu­sätz­li­chen Mülls ein­ge­preist, so wur­de sie jetzt ar­gu­men­ta­tiv aus den Ge­samt­kos­ten herausgehoben.

Es han­delt sich da­her um ein ab­fall­po­li­ti­sches Steue­rungs­in­stru­ment, wel­ches we­nig mit den tat­säch­li­chen Ent­sor­gungs­kos­ten, son­dern mit der Art der An­lie­fe­rung zu er­klä­ren ist. Wer ab­lie­fert statt ab­ho­len lässt, muss mehr zahlen.

Das er­mög­licht mög­li­cher­wei­se mehr Kon­trol­le über den an­ge­lie­fer­ten Müll. Bis­lang brach­ten vie­le Bon­ner si­cher­lich oft nicht nur Rest­müll, son­dern meist auch Sperr­müll, Alt-Elektrogeräte, Farb­res­te und Grün­ab­fäl­le zu­sam­men mit. Wer fuhr schon ger­ne zwei­mal? Und mög­li­cher­wei­se ver­steck­ten sich un­ter Grün­ab­fäl­len auch der ein- oder an­de­re Restmüllsack.

Jetzt sinkt zu­min­dest der Restmüll-Anteil, der laut bon­noran­ge vor­bei­ge­bracht wird. Das er­ge­ben ers­te Zah­len aus 2017. Da­für steigt die Zahl der Bei­stell­sä­cke im Ja­nu­ar 2017 um das Vier­fa­che im Ver­gleich zum Vor­jah­res­mo­nat. Sie wer­den eben­falls ex­tra („ge­büh­ren­ge­rech­ter“) berechnet.

Sprich: Die Um­stel­lung ist ei­ne Ge­büh­ren­er­hö­hung für die­je­ni­gen, für die die Ton­ne nicht reicht oder die plötz­lich zu­sätz­li­chen Müll ha­ben. Sie wird über Bei­stell­sack und pri­va­te Ver­brin­gung ge­zahlt, und nicht mehr der All­ge­mein­heit auf­ge­la­den wird.

Das be­deu­tet, im Um­kehr­schluss, dass die Müll­prei­se in der nächs­ten Pe­ri­ode noch deut­li­cher sin­ken müs­sen als die Über­schüs­se 2016 bis­lang an­deu­ten. Man darf dar­auf ge­spannt sein.

Zusätzliche Infos für Qualitätsleser

Wie sahen die Gebühren im Jahr 2002 aus?

Seit Jah­ren sinkt die Rest­müll­men­ge in Bonn, und auch die Kos­ten für ei­ne Ent­sor­gung des Mülls. Im Jahr 2002 be­lief sie sich auf ins­ge­samt 77.994 Ton­nen. Die Ver­bren­nungs­kos­ten für ei­ne Ton­ne la­gen bei rund 181 Eu­ro. Zwei Jah­re zu­vor lag man noch bei rund 200 Euro.

Die Ab­ga­be­kos­ten wur­den da­mals üb­ri­gens nur im Fak­tor 2:1 auf den Eu­ro um­ge­stellt, und so­mit nur mi­ni­mal er­höht, seit 2000 und noch da­vor kos­te­ten sie 10 DM, ge­mäß § 6 Abs. 2″ der Ge­büh­ren­ord­nung un­ab­hän­gig vom Ge­wicht. Ei­ne Stei­ge­rung hat es dem­nach nicht wirk­lich gegeben.

Gebührengerechtigkeit und Kofferraumladung

Der Be­griff „Kof­fer­raum­la­dung“ ist et­was dif­fus. Bon­noran­ge de­fi­niert ihn nicht in Ton­nen, son­dern als Raum­vo­lu­men mit ma­xi­mal 1 Ku­bik­me­ter. Für den Bon­ner Müll­ent­sor­ger sind Men­gen bis 200 kg de­fi­niert als pri­vat, aber mehr als Kof­fer­raum­la­dung. So kann man die In­ter­net­sei­te herauslesen.

Laut Bon­noran­ge ist ei­ne Kof­fer­raum­la­dung de­fi­niert mit 107 Ki­lo. Da­mit sind die 15 Eu­ro Ge­bühr tat­säch­lich kostendeckend.

Zum Ver­gleich: An­de­re Ver­bren­nungs­an­la­gen ver­lan­gen für Kof­fer­raum­la­dun­gen et­wa  nichts (Ra­tin­gen, Wer­heim), Min­den 5 Eu­ro. Cel­le ver­langt bei 210 Eu­ro pro Ton­ne Ent­sor­gungs­kos­ten bei ei­ner Kof­fer­raum­la­dung un­ter 190 Ki­lo 12,60 Eu­ro. Nideg­gen 10 Eu­ro für ei­nen Kombi-Kofferraum.

Ent­sor­ger ha­ben hier ei­nen ge­wis­sen Spiel­raum, so­lan­ge §6, Ab­satz 2 der Kom­mu­na­len Ge­büh­ren­ord­nung er­füllt ist: Kos­ten­de­ckend zu ar­bei­ten, Kos­ten­un­ter­de­ckun­gen der letz­ten drei Jah­re in den nächs­ten vier auszugleichen.

Keine Lust auf Gebührenfrust? Beistellsack für 3,50 Euro

Üb­ri­gens: Für al­le, die nur zu­sätz­li­chen Haus­müll nach ei­ner Fei­er ab­ge­ben möch­ten, gibt es den Bei­stell­sack (70 Li­ter)  für 3,50 Eu­ro. Die­ser wird am Ab­fuhr­tag ne­ben die graue Ton­ne ge­stellt. Bon­noran­ge er­klärt: „Die Pra­xis hat bis­her ge­zeigt, dass be­reits vie­le Bür­ge­rin­nen und Bür­ger Ge­brauch von die­ser kom­for­ta­blen, kos­ten­güns­ti­gen Lö­sung ma­chen.“ Ver­gli­chen mit den Zah­len vom Ja­nu­ar 2016 sei­en im Ja­nu­ar 2017 die ver­kauf­ten Bei­stell­sä­cke fast um das Vier­fa­che ge­stie­gen, so ei­ne Sprecherin.

 

2 Kommentare

  1. Lei­der muß ich fest­stel­len, dass die wil­den Müll­hal­den im Raum Bonn Bad Go­des­berg, nach der Ge­büh­ren­er­hö­hung, wie­der stark zu­neh­men. Wer be­zahlt schon 15 Eu­ro, wenn er zwei Reg­al­bret­ter, ei­nen an­ge­bro­che­nen Sack Ze­ment oder die Res­te sei­ner Zim­mer­re­no­vie­rung ent­sor­gen will. Lei­der be­wirkt die Ge­büh­ren­er­hö­hung ge­nau das Ge­gen­teil, es wird wie­der mehr Müll il­le­gal in den Wäl­dern und auf den Stra­ßen ent­sorgt. Scha­de, so ent­ste­hen der Stadt Bonn dann wie­der Mehr­kos­ten, die der Bür­ger zah­len muß. Sehr kurz ge­dacht, Bonn Oran­ge ! Danke !

  2. Die Bon­ner Bür­ger sind größ­ten­teils rich­ti­ge Um­welt­schwei­ne. Im­mer häu­fi­ger neue Sa­chen kau­fen und die Al­ten mög­lichst di­rekt aus dem Fens­ter „ent­sor­gen“. Für die rich­ti­ge Ent­sor­gung ist je­der ein­zel­ne selbst ver­ant­wort­lich. Nur wahr­ha­ben möch­te das kei­ner, sie­he dem Kom­men­tar von Ha­rald. Es sind im­mer die An­de­ren Schuld (Staat, Stadt, Nachbarn).

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