Foto (c) Max Borchardt

Bühne frei für Trümmer? Vorab zur aktuellen Debatte um Traditionsstandorte

Die bestehenden Spielstätten des Theaters Bonn sind seit längerem marode und können voraussichtlich nur noch rund fünf Jahre betrieben werden. Die Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Guido Déus erwägt deshalb einen Neubau in modularer Bauweise im Stadtteil Beuel. Dies würde deutlich weniger Kosten verursachen als eine Sanierung des Schauspielhauses in Bad Godesberg und der Oper in der Innenstadt, so ein Gremium der Stadtverwaltung.
Da hierdurch die bisherigen Standorte und das lokale Kulturleben stark abgewertet werden dürften, gibt es hier derzeit hitzige Diskussionen. Eine Petition der ‚Bonner Opernfreunde‘, die sich für den Erhalt der seit 1965 am Rhein ansässigen Oper einsetzt, erhielt bereits über 3.000 Unterschriften. Die SPD spricht sich auch für den Erhalt des Schauspielhauses in Bad Godesberg aus, das dort bereits seit über siebzig Jahren beheimatet ist.

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Theaterhäuser als Wahrzeichen von Bonn, Siddharthas Weg zum Buddha als kulturelles Erbe Indiens

In mancher Hinsicht passend zur prekären Situation des städtischen Theaters wird seit Monatsbeginn Awakening vom indisch-britischen Komponisten Param Vir an der Oper Bonn gezeigt. Das Werk erzählt den Werdegang des Prinzen Siddhartha Gautama zum ersten Buddha, der im 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr. im Nordosten Indiens lebte und wirkte. Viele ikonische Statuen locken Pilger als zentrale Wahrzeichen in diese Region, etwa die Buddha-Darstellungen und Tempel in Sarnath, Kushinagar oder Bodhgaya. Der erste Buddha erlangte die Erleuchtung in Bodhgaya bei Patna, hielt seine erste Lehrrede in Sarnath und starb in Kushinagar im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh.

Awakening wurde im Rahmen der verdienstvollen Reihe Fokus 33 umgesetzt, welche sich seit 2024 verstärkt avantgardistischen Werken widmet und 2023 durch eine Jury aus Fachjournalisten mit dem renommierten Oper! Award ausgezeichnet wurde. In dem Stück geht es um widrige Umstände und einen leisen, geistig begründeten Widerstand gegen Begrenzungen von außen. Die Uraufführung, in der auch Kriegsmotivik eine Rolle spielt, fand an der Oper Bonn am Folgetag des Angriffs Israels und der USA auf den Iran statt:

Schnell wechseln fragmentarisch anmutende Bilder mit Traumszenen. Das Geschehen ist philosophisch aufgeladen, bleibt über weite Strecken jedoch abstrakt und schwer verständlich. Maskierte Figuren stehen häufig frontal zum Publikum. Die Gesichtsabdeckungen erinnern an Strumpfmasken oder Totenköpfe und sind oftmals kunstvoll verziert. Es gibt wenig Bewegung und szenische Dramatik auf der Bühne. Die vielköpfigen Personenkonstellationen auf der Bühne erscheinen mitunter überladen, grotesk oder plakativ.

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Spirituelle Suche in traditionellen, buddhistischen Gewändern

Der 1952 in Delhi geborene Param Vir studierte in London Komposition und ist bekannt dafür, dass er westliche und östliche Klangwelten in seinen Werken verbindet. Der Brite David Rudkin besorgte das ambitionierte Libretto, während Vasily Barkhatov eine etwas verworrene und spannungsarme Inszenierung umsetzte.

Es wird irritierenderweise keine klassische Handlung erzählt. Durchgehend sehen wir in einer trostlosen, eisernen Fabrikkammer die Improvisation eines Stückes im Stück. Karge Aufgänge führen zu einer Empore, auf der Wachleute mit Gewehren ausharren. Eine Theatergruppe spielt derweil Stationen im Leben des Prinzen Siddhartha Gautama, der vor 2500 Jahren aus seinen Palast aufbricht, um den Zweck des Leidens zu ergründen. Kleinteilig fließen Realität und Fiktion ineinander. Der Protagonist wird mit Krankheit, Tod und dem Altern konfrontiert, wenn er etwa Asketen begegnet, die aus dem Chor-Kollektiv hervortreten. In ihm wächst sein Entschluss, zum Buddha zu werden. Symbolische Szenen wirken jedoch oft konstruiert, da die Akteure mal Schauspieler oder Widerstandskämpfer und mal Figuren auf dem Lebensweg des Erleuchteten mimen. So tragen sie mal Alltagskleidung, dann wieder historische Gewänder und schließlich sogar die Kesa, die traditionellen orangefarbenen Roben der Buddhisten.

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Philosophische Gesänge von der Bewahrung kultureller Werte

Die einzelnen Blöcke der Vorführung sind rituell beziffert. Philosophische Dialoge erscheinen wenig linear, während chorische Kommentare wechseln. Blitze deuten eine Erleuchtung an, während später über der Bühne schwebende, menschengroße Bomben einen Kriegszustand suggerieren. Bücher werden verbrannt, die Bühne bebt und mit imposanter Wucht stürzen Gegenstände der Kulisse ein. Nach einer unmittelbar daran anschließenden Pause bewegen sich die Akteure auf einem Trümmerfeld aus Schutt. Am Ende stehen die zentralen Lehren Buddhas und die sogenannten „Vier Edlen Wahrheiten“, die heute vielleicht arg gutgläubig anmuten.

In komplexen Harmonien schichten sich tonale Klänge übereinander, als würden sie einer Art Traumlogik folgen. Klangflächen oszillieren und zerdehnen sich unter der musikalischen Leitung von Daniel Johannes Mayr. Das Beethoven Orchester Bonn bringt Virs Partitur mit ausgewogen gesetzten Streichclustern luzide zum Aufleuchten. Gespenstisch tönen aus der Ferne zudem Harfen und Schlagwerk.

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Der amerikanische Gastsänger Cody Quattlebaum lässt als Prinz und späterer Buddha mit zurückhaltender Intensität, Flexibilität und Emphase aufhorchen. Mark Morouse gestaltet den Theaterdirektor kraftvoll mit dynamischem Bariton.Yannick-Muriel Noah verkörpert die Tante und Ziehmutter des Prinzen einfühlsam mit schön gefärbtem Sopran. Katerina von Bennigsen schildert als trauernde, haltlos wirkende junge Frau, wie sie ihren Bruder in Flammen aufgehen sah. Es berührt emotional, wenn sie hochdramatisch und mit klangschöner Strahlkraft davon singt, dass er sich für die Bewahrung von Sprache und Kultur opferte, um sich so einem Unterdrückerregime zu widersetzen.

Das Geschehen von Awakening hat trotz farbenreich schwebender, eindrücklicher Klangteppiche kleine Längen. Pathos und Erschöpfung liegen hier nah beieinander. Am Ende steht ein Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart und ein stilles, aber entschlossenes Aufbegehren – mit einer Mischung aus Melancholie und Widerstandskraft.

Die Oper Bonn liefert mit Awakening ein klangmächtiges und suggestives, inszenatorisch stellenweise redundantes Werk, das die zeitlosen Fragen nach kultureller Identität und geistigem Widerstand stellt. Inmitten der hitzigen Diskussionen um die Zukunft der hiesigen Theaterlandschaft wirkt Param Virs Parabel über Verfall, Zerstörung und den Erhalt von Werten fast wie ein unfreiwilliger Kommentar zur Lage der Stadt: Während auf der Bühne Trümmer den Weg zur Erleuchtung ebnen, kämpfen Bürger und Politik vor der Tür um das Fundament der Bonner Kultur.

AWAKENING (Oper Bonn, 01.03.2026)

Musikalische Leitung: Daniel Johannes Mayr
Regie: Vasily Barkhatov
Bühne: Zinovy Margolin
Kostüme; Olga Shaishmelashvili
Co-Kostümbild: Arina Slobodianik
Video: Ruth Stofer
Licht: Olaf Winter, Jorge Delgadillo
Choreografie: Sommer Ulrickson
Choreinstudierung: André Kellinghaus
Einstudierung Kinder- und Jugendchor: Ekaterina Klewitz

Besetzung:

Director / Anand … Mark Morouse
Prince Gautam, later The Buddha … Cody Quattlebaum
Kanthak, his horse / The Celestial / An agnostic philosopher … Ralf Rachbauer
Messenger of Age / Mara / A Ploughman / An amoralist philosopher … Martin Tzonev
Messenger of Sickness / A fiery priest … Giorgos Kanaris
Messenger of Death / A Sister … Susanne Blattert
Channa / Angulimala / A Warrior King … Christopher Jähnig
Lady Gautami, Later Sister Gautami … Yannick-Muriel Noah
Princess Yasodhara / Young Mother … Katerina von Bennigsen
A Boy from the Company / Rahul / A new born Child … Noah Werfel
A Young Actor, Later Sunita / A fatalist philosopher … Tae Hwan Yun
An Extreme Asketic / A Vexed Monk … Johannes Mertes
A Girl Player … Ida Rausche
A Girl / A Child Refugee 1 … Elisabeth Kravchenko
A Boy / A Child Refugee 2 … Clara Teschner
A Priest in White … Miljan Milovic
A Randomist Philosopher … Nicholas Probst
Tänzerinnen und Tänzer … Natsuki Katori, Andras Sousa, Davide Degano, Jule Niekamp, Francesca Merolla

Chor des Theater Bonn
Kinder- u. Jugendchor des Theater Bonn
Statisterie des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn

Uraufführung an der Oper Bonn war am 1. März 2026.

Nächste Vorführungen: 17., 19.04./ 02.05.2026

Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de/de/programm/awakening/227938

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