Nur noch kurz die Welt retten – so lautete der Titel der Medien-SommerAkademie 2016 (MSA) der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) an der Godesberger-Allee in Bad Godesberg. Aber nicht wie in Tim Bendzkos Song wurden 14.8713 Mails gecheckt, sondern der konstruktive Journalismus und die Flüchtlingsdebatte fokussiert. Am Wochenende durfte ich mich zwei Tage mit erfahrenen Journalisten und über 50 jungen Medienmachern austauschen.

Die FES ist die älteste politische Stiftung Deutschlands und bietet viele Seminare und Workshops unter anderem zum Thema Politik, Medien, Wirtschaft und Gender an. Das Programm richtet sich an alle Altersklassen, von jungen Erwachsenen bis zu Menschen mit langjähriger Berufserfahrung. Alle Veranstaltungen findet ihr hier: www.fes.de/de/veranstaltungen

Begrüßt wurden wir vom FES-Vorsitzenden Kurt Beck. Er äußerte sich darüber, dass junge Journalisten gut ausgebildet werden müssen und dies heutzutage leider nicht immer der Fall ist. Journalismus ist zu einer Darstellungsform ausgeartet, in der es nicht mehr um Qualität, sondern Quantität gehe. Getreu dem Motto: Content is king. Denn wer viel Content liefert, suggeriert viele Klicks. Immer mehr Journalisten mutieren zu Zeilenfüllern, haben kaum noch Zeit für Recherche. Darunter leidet die Qualität des Mediums.

Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen appelliert, zuzugeben, wenn man etwas nicht weiß

Besonders beeindruckt waren meine Mitteilnehmer und ich von Dr. Eckart von Hirschhausen. Der Kabarettist und Publizist, bekannt aus etlichen TV-Formaten, hielt einen Vortrag über den Perspektivwechsel im Journalismus. Obwohl laut Programm nur 15 Minuten für ihn vorgesehen waren, sprach er etwa doppelt so lange. Doch er hätte noch viel mehr sagen können, alle hingen gebannt an seinen Lippen. So appellierte er an uns, uns zu trauen in ein Thema einzusteigen und uns nicht von Ungereimtheiten oder zu vielen unterschiedlichen Quellen abschrecken zu lassen. Denn der Mensch sei von Natur aus ein ängstliches Wesen. „Wir haben nur die Gene der vorsichtigen und ängstlichen Vorfahren abbekommen. Von denen, die gesagt haben ‚Lass die ruhig draußen die Blumen pflücken, wir gehen erst raus, wenn der Löwe satt ist‘.“

FES MSA
An beiden Tagen wurden wir fotografiert und mit der Kamera begleitet. Die Ergebnisse wurden live verbloggt. © fes.de

Für mich persönlich war folgende Aussage besonders wichtig: „Traut euch zu sagen, wenn ihr etwas nicht wisst. Oft wird erwartet, dass Journalisten Checker sein müssen“, legte uns Hirschausen nahe. „Das ist der ehrlichste Satz, den ein Journalist sagen kann.“ Denn es gibt keinen Journalisten, der Experte jeden Themenbereichs ist. Nicht-Wissen ist menschlich.

Dann ging es los: Wir teilten uns für sieben Workshops auf. Von Radio über Mobile Reporting bis hin zu Scroll-Reportage, alles war dabei. Mein Workshop: Live-Online-Journalismus mit Leiter David Röthler. Er ist Unternehmensberater mit Schwerpunkt Social Media in Journalismus, Bildung und Politik.

Streaming-Plattform Periscope erreicht mehr Menschen als Facebook-Live

An nächsten Tag wurde hitzig diskutiert. Wie stellen wir das Thema Flüchtlingsdebatte am besten live dar? Welche Plattformen nutzen wir? Und wer stellt sich vor die Kamera? Wir haben uns für eine Diskussion entschieden, die wir live per Periscope und Facebook-Live streamen. Aus aktuellem Anlass hieß unser Thema: Burka oder FKK? Da gerade eine hitzige Debatte in Nizza über das Tragen von Burkinis (Ganzköper-Badeanzüge) geführt wird, dachten wir uns, dass dieses Thema einige User anlocken würde. Mithilfe einfacher Mittel, nämlich dem Smartphone, haben wir eine Diskussionsrunde nachgestellt. Moderiert wurde die 30-minütige Show von Teilnehmerin Juliane Jesse. Mitdiskutiert hat Marc Mudrak, Volontär bei der Badischen Presse in Offenburg. Natürlich war diese Diskussion völlig inszeniert, denn Marc und ich vertraten dieselbe Meinung. Doch dies ließen wir nicht durchblicken. Denn wir wollten herausfinden: Wer beteiligt sich online an dieser Diskussion und welche Plattform zieht mehr Zuschauer an? Periscope oder Facebook-Live? Das Ergebnis: Gerade einmal sechs Zuschauer verfolgten den Stream bei Facebook, obwohl wir vorab auf unseren privaten Accounts Werbung machten. Kommentiert hat niemand. Bei Periscope sah das ganz anders aus: etliche Kommentare und auch Kritik an unserer Argumentation trudelten ein. Insgesamt 27 User schauten uns zu — und das ohne Vorankündigung oder Werbung.

Diskussion bei Facebook-Live
Diskussion bei Facebook-Live

Sehr interessant waren vor allem die Erfahrungen des Radio-Workshops. Die Teilnehmer gingen ausgestattet mit einem Aufnahmegerät und einer Teilnehmerin verkleidet mit Kopftuch und einem großen schwarzen Rucksack durch Bad Godesberg und wollten wissen, ob die Menschen, die dort leben, sich neben sie setzen würden. Es stellte sich heraus, dass niemand Angst oder ein mulmiges Gefühl dabei hatte, sich neben sie zu setzen. Der Kommentar „Das ist doch ganz normal“ fiel sehr oft. Dies zeigt, dass muslimische Frauen sehr gut in unsere Gesellschaft, und vor allem in Bonn, integriert sind und akzeptiert werden.

Nach der Präsentation aller Workshop-Ergebnisse, die wir ebenfalls live streamten, waren die zwei Tage bei der Friedrich-Ebert-Stiftung auch schon wieder zu Ende, leider. Wenn mich jemand fragt, ob ich im nächsten Jahr nochmal an der Akademie teilnehmen würde, dann sage ich ganz klar: Auf jeden Fall!

Titelbild: Ira Katinka Zöller

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