Neu­es Jahr 2022: Neue Thea­ter­mo­men­te – Ab­schluss­ap­plaus im Schauspielhaus

Die Pan­de­mie brach­te die Kultur-Branche vie­ler­orts an den Ab­grund. Die be­sorg­nis­er­re­gen­de Omikron-Variante ver­stärkt nun die ak­tu­el­le Ge­sund­heits­kri­se. Auch am Thea­ter Bonn gilt mitt­ler­wei­le die 2G-Regelung. Der Ge­ne­ral­inten­dant Dr. Bern­hard Hel­mich wur­de jüngst von der Stadt Bonn bis 2028 ver­län­gert. Der letz­te Rück­blick ist schon et­was her. Zum Jah­res­auf­takt las­se ich ein­drück­li­che, meist noch ak­tu­el­le Pro­duk­tio­nen Re­vue passieren: 

Don Car­lo von Giu­sep­pe Ver­di an der Oper Bonn, nächs­te Vor­stel­lun­gen am 9., 22. und 29. Ja­nu­ar so­wie 10. und 28. Fe­bru­ar im Opernhaus.

Nach dem  Vor­bild von Fried­rich Schil­lers gleich­na­mi­gem, dra­ma­ti­schem Ge­dicht (1787) er­zählt Don Car­lo von be­droh­li­chen Kon­flik­ten, Zwän­gen und Un­ter­wer­fun­gen. Die Kir­che und die In­qui­si­ti­on und ein­fluss­rei­che Kö­nigs­häu­ser wü­ten im 16. Jahr­hun­dert in per­ma­nen­ten Kriegen.

Die fran­zö­si­sche Prin­zes­sin Eli­sa­bet­ta von Va­lo­is soll mit dem In­fan­ten von Spa­ni­en, Don Car­lo, ver­mählt wer­den. So soll Frie­den zwi­schen den bei­den Län­dern her­ge­stellt wer­den. Bei­de be­geg­nen sich in Frank­reich und ver­lie­ben sich in­ein­an­der. Doch dann wird Eli­sa­bet­ta aus neu­en Er­wä­gun­gen mit dem al­ten spa­ni­schen Kö­nig Phil­ipp II., Va­ter von Don Car­lo, ver­hei­ra­tet. Die­ser wird als­bald von der spa­ni­schen In­qui­si­ti­on bedroht. 

Ab­schluss­ap­plaus für Ver­dis ‚Don Car­lo‘ an der Oper Bonn

Mark Da­ni­el Hirsch in­sze­niert die Ge­schich­te eher kon­ven­tio­nell mit de­tail­rei­chem De­kor, eher dunk­len Schau­plät­zen und Ku­lis­sen und at­mo­sphä­risch küh­len Stim­mun­gen. Die ex­zel­len­ten So­lis­ten glän­zen mit emo­tio­na­len Ari­en voll er­grei­fen­der In­ten­si­tät und dem so cha­rak­te­ris­ti­schen Verdi-Klang. Es gab re­gel­mä­ßig Szenenapplaus.

To­bi­as Scha­bel über­zeugt mit sei­ner fa­cet­ten­rei­chen Ge­stal­tung Kö­nigs Phil­ipp II. mit ge­schmei­dig so­no­rem Bass und star­kem, tie­fem Stimm­vo­lu­men. An­na Prince­va ge­stal­te­te ih­re vom Schick­sal ge­beu­tel­te und zer­brech­lich wir­ken­de Eli­sa­bet­ta stimm­schön mit sen­si­blem, wand­lungs­fä­hi­gem, aus­drucks­stark leuch­ten­dem So­pran. Ds­hamil­ja Kai­ser mimt ih­re in­tri­gan­te Hof­da­me, Prin­zes­sin Ebo­li, tem­pe­ra­ment­voll hin­ter­grün­dig mit fle­xi­blen, strah­len­den und ly­risch ge­färb­ten Mez­zo­so­pran. Auch Gi­or­gos Ka­na­ris hin­ter­lässt als Ro­dri­go mit prä­sen­ter Aus­drucks­kraft und samtig-warmen Te­nor ei­nen blei­ben­den Eindruck.

Der gro­ße Chor und Ex­trachor sorg­ten als Stim­me des ver­sam­mel­ten Vol­kes cou­ra­giert für mo­nu­men­ta­le und dra­ma­ti­sche Strahl­kraft. Es wur­de hier­bei vom groß be­setz­ten Beet­ho­ven Or­ches­ter Bonn ein­drück­lich unterstützt.

High­lights des in­ter­na­tio­na­len Tan­zes an der Oper Bonn. Nächs­te Vor­stel­lung vom Spell­bound Con­tem­pora­ry Bal­let mit Ros­si­ni Ou­ver­tures von Mau­ro As­tol­fi am 8. Fe­bru­ar im Bon­ner Opernhaus.

Das Staats­bal­lett Sta­ra Za­go­ra tanz­te vor Weih­nach­ten in aus­ver­kauf­ten Vor­stel­lun­gen die klas­si­schen Hand­lungs­bal­let­te Schwa­nen­see und Der Nuss­kna­cker von Pjotr Tschai­kow­sky. Die Ballett-Compagnie der Staats­oper aus Sta­ra Sa­go­ra in Bul­ga­ri­en zog bei den Klas­si­kern mit auf­wen­di­gen Kos­tü­men, schnel­len Schritt­fol­gen und kunst­vol­le Pi­rou­et­ten Jung und Alt in den Bann.

Die Schwä­ne im Schwa­nen­see har­mo­nier­ten im durch­ge­tak­te­ten Corps de Bal­let in schlich­ten wei­ßen Tu­tus syn­chron schwe­bend. Im Nuss­kna­cker ge­fie­len tan­zen­de Mäu­se, Nuss­kna­cker, Prin­zen, Mäd­chen, Jun­gen und Er­wach­se­ne mit Po­sen vol­ler Leich­tig­keit. Die Aus­drucks­kraft be­weg­ter Kör­per der jun­gen, in­ter­na­tio­nal be­setz­ten Trup­pe er­zähl­te oft von Emo­tio­nen in­ne­rer Be­we­gung. Ei­ne va­ri­an­ten­rei­che Kör­per­spra­che, schwung­vol­le Dre­hun­gen und auf­ge­la­de­ne Ges­ten sorg­ten für so­li­de Spannung.

Auch tän­ze­risch ge­schmei­di­ge So­lis­ten­du­os über­zeu­gen mit ein­fühl­sa­men Dar­stel­lun­gen, vir­tuo­sen Sprün­gen und prä­zi­sen He­be­fi­gu­ren. In Spiel­pau­sen tanz­ten Schwä­ne re­spek­ti­ve Schnee­flo­cken als Bild­pro­jek­tio­nen auf den ge­schlos­se­nen Thea­ter­vor­hän­gen. Lei­der er­klang die Mu­sik et­was schep­pernd bei al­len Vor­füh­run­gen von Band.

Ab­schluss­ap­plaus für ‚Der Nuss­kna­cker‘ mit der Ballett-Compagnie der Staats­oper aus Sta­ra Sagora
Ab­schluss­ap­plaus für ‚Mer­ce­des‘ in der Werk­statt am Thea­ter Bonn

Mer­ce­des von Tho­mas Brasch in der Werk­statt am Thea­ter Bonn, nächs­te Vor­stel­lun­gen am 7. und 29. Ja­nu­ar so­wie 5. und 23. Februar.

In Ju­lie Gro­th­gars poin­tier­ter Bon­ner In­sze­nie­rung des Dra­mas Mer­ce­des be­setzt kein Au­to die Werkstadt-Bühne. Tho­mas Braschs Dra­ma er­zählt da­von, dass die bei­den Haupt­fi­gu­ren Oi und Sak­ko Schwie­rig­kei­ten ha­ben, sich in ei­ne als sinn­los emp­fun­de­ne Ge­sell­schaft ein­zu­glie­dern. Am Thea­ter Bonn über­zeugt die Vor­füh­rung dank des aus­drucks­star­ken Dar­stel­ler­zu­sam­men­spiels mit star­ken Büh­nen­mo­men­ten. Zur Be­spre­chung

Is­tan­bul – Ein Se­zen Aksu Lie­der­abend im Schau­spiel­haus, nächs­te Vor­stel­lun­gen in Bad Go­des­berg am 18., 19. und 29. Ja­nu­ar so­wie 1., 10., 17., 18. und 26. Februar. 

Is­tan­bul be­han­delt die Nost­al­gie und den Schmerz des Schick­sals des Wan­der­ar­bei­ters, der sei­ne Hei­mat ver­las­sen hat; nur dass die „Gastarbeiter-Situation“ um­ge­dreht wur­de. Es er­zählt vom fik­ti­ven Schick­sal deut­scher Ar­bei­ter in der be­völ­ke­rungs­reichs­ten Stadt der Tür­kei. Die Me­lan­cho­lie und Stim­mung fängt Ro­land Rie­be­lings In­sze­nie­rung auf fa­bel­haf­te Wei­se ein. Melancholisch-bilderreiche Lie­der der tür­ki­schen Sän­ge­rin Se­zen Aksu wer­den da­bei tem­po­reich von fünf wech­seln­den Ak­teu­ren vor­ge­tra­gen. Ein Abend auf ho­hem, künst­le­ri­schem Ni­veau. Zur Be­spre­chung

Pre­mie­ren­ap­plaus für Ur­auf­füh­rung ‚No­vem­ber‘ in der Werk­statt am Thea­ter Bonn

No­vem­ber von Sa­scha Ha­we­mann in der Werk­statt am Thea­ter Bonn, nächs­te Vor­stel­lun­gen am 8. und 15. Ja­nu­ar so­wie 12. Februar.

Das Thea­ter traut sich mit No­vem­ber et­was. Re­gis­seur Sa­scha Ha­we­mann ver­zapft lust­voll ein sprö­des, stör­ri­sches, kom­plex wu­chern­des Feu­er­werk der Po­li­ti­cal In­cor­rect­ness. Das star­ke vier­köp­fi­ge En­sem­ble lässt or­dent­lich „die Sau raus“, es wird gel­lend laut ge­wü­tet und da­bei re­bel­lisch mit Ta­bus ge­bro­chen. Auf der Büh­ne wird ei­ne des­il­lu­sio­nier­te Welt­sicht des Punk (Eng­lisch für „Dreck“ oder „Mist“) ze­le­briert. Die Auf­füh­rung bleibt in wei­ten Tei­len schwer zu­gäng­lich und kryp­tisch. Ein Glücks­griff ge­lang ins­be­son­de­re mit den Dar­stel­lern, die das über zwei­stün­di­ge Dra­ma trotz der er­drü­cken­den Text­last we­nigs­tens zeit­wei­se zu ei­nem ein­drück­li­chen Er­leb­nis ma­chen. Zur Be­spre­chung

Der zer­bro­che­ne Krug von Hein­rich von Kleist im Schau­spiel­haus, nächs­te Vor­stel­lun­gen in Bad Go­des­berg am 7. und 30. Ja­nu­ar so­wie 5. und 23. Februar.

Im Ver­lauf von Hein­rich von Kleists Lust­spiel von 1808 bleibt die ehr­wür­di­ge Ge­richts­ho­heit zwei­fel­haft, denn der Amts­trä­ger der Ge­richts­ge­walt en­ga­giert sich be­tont we­nig im Sin­ne der Wahr­heits­fin­dung. Nicht nur die Spra­che von Kleists Blank­ver­sen und das spießig-biedere Set­ting wir­ken in Jens Gro­ßes In­sze­nie­rung ver­al­tet; auch die Ideen er­schei­nen oft alt­ba­cken, um­ständ­lich und all­zu bou­le­var­desk. Lei­der ist die Per­so­nen­füh­rung auch we­nig poin­tiert. Das vor­her­seh­ba­re Ge­sche­hen wird kon­ven­tio­nell und un­in­spi­riert in die Län­ge ge­zo­gen. Zur Be­spre­chung

Ap­plaus für ‚Shake­speares sämt­li­che Wer­ke (leicht ge­kürzt)‘ am Bon­ner Schauspielhaus

Shake­speares sämt­li­che Wer­ke (leicht ge­kürzt) im Schau­spiel­haus, nächs­te Vor­stel­lung in Bad Go­des­berg am 6. Februar.

Die Er­folgs­ko­mö­die Shake­speares sämt­li­che Wer­ke (leicht ge­kürzt) der Ame­ri­ka­ner Adam Long, Da­ni­el Sin­ger und Jess Win­field ist ei­ne Kla­mot­te und Tour-de-force über den wohl größ­ten Dich­ter al­ler Zei­ten. Mit star­ker Mi­mik und Ges­tik, ex­pe­ri­men­tel­len Wort­spie­len und her­aus­ra­gen­den Ge­sang agie­ren in Ro­land Rie­be­lings In­sze­nie­rung drei jun­ge Ak­teu­re in den 37 Stü­cken und 1834 Rol­len Wil­liam Shake­speares. Le­ben­di­ge Schau­spiel­kunst und ei­ne ra­san­te Vor­füh­rung voll ge­lun­ge­ner und schö­ner Pan­nen, die der Kunst, Grö­ße und dem Ge­nie Shake­speares al­le­mal das Was­ser reicht. Zur Be­spre­chung

Ap­plaus für ‚Der Nuss­kna­cker‘ vom Staats­bal­lett Sta­ra Za­go­ra (Bul­ga­ri­en) an der Oper Bonn

Al­le Fo­tos vom je­wei­li­gen Ab­schluss­ap­plaus (c) Ans­gar Skoda

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