
Ein Zustand droht permanent zu entgleiten. Alles dreht sich um den nächsten Moment. Nähe kippt in Überforderung, eine geordnete Welt gerät aus den Fugen. Die Titelfigur agiert mit einer Mischung aus großem Ernst und Besessenheit.
Wenn Jago seine Intrigen spinnt, sieht man im Hintergrund schemenhaft die Schatten derer, deren Schicksal er gerade besiegelt. Indem er seinem Vorgesetzten Otello Fallen stellt, schürt der Fähnrich Zweifel an der Treue von dessen Gemahlin Desdemona. Otello ist innerlich verunsichert. Der frisch vermählte Offizier vertraut seinem Unteroffizier. Er hält Jago für ehrlich, loyal und ergeben, ohne zu ahnen, dass dieser insgeheim neidisch ist und sich einst durch ihn übergangen fühlte. Jago manipuliert perfide und streut mit seinen Worten Gift.
Während Otello physisch präsent ist, scheint er zunehmend von der Realität isoliert zu sein – ein Mann, der im Rampenlicht steht, aber innerlich in völliger Dunkelheit versinkt, was das Lichtdesign auf der Bühne unterstreicht. Otello beginnt Desdemona zu misstrauen. Selbstmitleid, eine latente Wut und unreflektierter Hass gewinnen bei ihm die Oberhand. Die gutherzige Desdemona ist indes unschuldig. Sie strahlt Sanftheit, Arglosigkeit, Zurückhaltung und stoische Ruhe aus. Als Otello sie öffentlich demütigt, wirkt sie gelähmt und schweigt. Eindringlich nimmt eine Tragödie ihren Lauf, während sich das beklemmende Geschehen verdichtet. Ein Gefühl der Enge wird auch musikalisch einfühlsam präsent.

Die Oper Bonn ist historisch mit Giuseppe Verdis Werk Otello eng verbunden: Im vergangenen Jahr erinnerte sie daran, dass bereits 1993 Plácido Domingo in Bonn als „Otello“ zu sehen war. In der Titelrolle war er über Jahrzehnte hinweg dunkel geschminkt. Die Opernlegende trat 2025 erneut im hiesigen Opernhaus auf.
Leo Muscato verzichtet in der Neudeutung auf das sogenannte Blackfacing, das jahrhundertelang Standardpraxis für diese Oper war, auch um Jagos rassistischen Hass auf den „Mohr von Venedig“ zu bebildern. Um die Rolle des maurischen Feldherrn zu spielen, wurden weiße Tenöre meist dunkel geschminkt. Muscato entkontextualisiert Shakespeares Drama hier, um keine Klischees zu reproduzieren. Die Inszenierung folgt dabei dem Gedanken, dass Blackfacing eine Rassifizierung produziert, dabei aber koloniale Bedeutungsstrukturen und ein kolonial und rassistisch geprägtes Erbe zu wenig reflektiert. Muscato verlegt die Handlung ins Jahr 1974 zur Zeit des griechisch-türkischen Konfliktes um Zypern. Desdemona ist in der Adaption eine Kriegsfotografin. Die Personenführung erscheint szenisch trotzdem eher konventionell.

Die Bühne besteht aus wuchtigen Festungsmauern und massiven Bollwerk. Die Szenerie wirkt kühl, beklemmend und düster. Eine abbröckelnde Struktur steht für den Verfall. Große, verschiebbare Wandelemente lassen auf der Bühne Schauplätze entstehen, wie Desdemonas Fotolabor oder das intim anmutende Schlafgemach des Paares. Die Kostüme entstammen dem Militärwesen; die Figuren tragen gelbbraune oder olivgrüne Uniformen.
George Oniani mimt die Titelrolle klangmächtig, anfangs noch heroisch als Feldherr mit strahlender, fokussierter Tenorstimme bei „Esultate!“ Im Verlauf verkörpert er den Protagonisten oft haltlos, fahrig und roh zwischen Paranoia, Anspannung und stoischer Wut. Er beobachtet Desdemona obsessiv; sichtbar getrieben und elektrisiert. Zuletzt steht er als gebrochener Mann mit „Un bacio… un bacio ancora“ vor dem Abgrund seiner Existenz.

Der italienische Bariton Simone Piazzola hält als Jago die Balance zwischen unauffälligem Charme und Dreistigkeit. Sein Jago ist präsent und scheint mit konzentriertem Blick ständig unter Strom zu stehen. Er verführt mit dynamischen Klangfarben und begegnet Otello am Ende mit kühler Gelassenheit. Piazzola interpretiert sein „Credo in un Dio crudel“ fein abgestuft, mit leiser, aber schneidender Präzision. Er treibt dabei das Orchester förmlich vor sich her.
Die US-Amerikanerin Kathryn Henry singt als Desdemona mit fein austarierter Phrasierung gegen die Dunkelheit an, wie ein warmer Windhauch im Ungefähren dahingleitend. Sie mimt den emotionalen Gegenpol zu Jago sinnlich, mit Flexibilität und Dynamik im samtigen Sopran. Henry gibt dem „Salce, Salce“ im vierten Akt eine bewegende Kontur. Die Arie gleitet nahtlos in ein gehaucht-inniges „Ave Maria“ mit zerbrechlich anmutenden Pianissimo-Tönen und unfasslicher Erhabenheit über.
Ryan Vaughan Davies als Cassio, Susanne Blattert als Emilia und Christopher Jähnig runden mit klangschönen Partien das Ensemble stimmig ab. Ein Gespür für Ausgewogenheit und Farbigkeit beweisen auch der Chor und der Kinder- und Jugendchor unter der Leitung von André Kellinghaus respektive Ekaterina Klewitz.
Musikalisch ist dieser Otello ein Ereignis. Das Publikum erlebt die getragenen Akkorde, Spannungskurven und Transparenzen durch die Vibration im Saal beinahe physisch. Generalmusikdirektor Dirk Kaftan setzt Maßstäbe, wenn er das Beethoven Orchester Bonn mit instrumentalen Farbtupfern und pointierten Akzenten federnd und rhythmisch prägnant leuchten lässt. Muscatos Deutung, die menschliche Abgründe hinter der militärischen Fassade aufdeckt, legt eindrücklich nahe, dass Verdis Alterswerk auch ohne historisierende Klischees beim Publikum eine intensive Wirkung entfaltet und noch lange nachhallt.
OTELLO
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan, André Kellinghaus
Regie: Leo Muscato
Bühne: Federica Parolini
Kostüme: Silvia Aymonino
Licht: Max Karbe
Choreinstudierung: André Kellinghaus
Einstudierung Kinder- und Jugendchor: Ekaterina Klewitz
Besetzung:
Otello … George Oniani
Desdemona … Kathryn Henry
Jago … Simone Piazzola
Cassio … Ryan Vaughan Davies
Roderigo … Tae Hwan Yun
Emilia … Susanne Blattert
Lodovico … Martin Tzonev
Montano … Christopher Jähnig
Herold … Seogjun Jang
Chor des Theater Bonn
Extrachor des Theater Bonn
Kinder- u. Jugendchor des Theater Bonn
Statisterie des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Premiere an der Oper Bonn war am 22. März 2026.
Nächste Vorführungen: 26.04./ 17.05./ 05., 18., 28.06./ 03.07.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de/de/programm/otello/227934









