Biografia Del Corpo II – Zwei Ensembles und drei Geflüchtete ertanzen zusammen ihre Körperbiografien

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“In the middle of a difficult world, we have to find our place as an artist.”  –  Marika Besobrasova (1918 – 2010)

Das Stadttheater Osnabrück gastiert heute in Bonn im Theater im Ballsaal mit einem außergewöhnlichen Tanzstück. In „Biografia del corpo II“ erkunden die aus unterschiedlichen Kulturen stammenden Mitglieder der Osnabrücker Dance Company und Bonner CocoonDance Company ihre verborgenen Bewegungsschätze im Körperarchiv.

Beteiligt an der Gemeinschaftsproduktion sind auch drei Flüchtlinge aus Syrien, dem Sudan und Iran. Zwei von ihnen haben ihre Erfahrungen aus dem Probenprozess zudem fotografisch und zeichnerisch dokumentiert.

Die Uraufführung von Biografia del Corpo II am 8. April am emma-theater Osnabrück leitete die letzte Phase der zweijährigen Kooperation zwischen der Dance Company Theater Osnabrück und des freien Ensembles CocoonDance ein. 

In der Spielzeit zuvor hatten die beiden künstlerischen Leiter, Rafaële Giovanola und Mauro de Candia, das Thema „Biografie des Körpers“ in einem wechselseitigen Tanzabend aufgegriffen, indem sie einen prägenden Lebensabschnitt ihrer eigenen Tänzer- und Choreografen-Laufbahnen jeweils persönlich verarbeiteten.

Ihr Ziel war, sich des eigenen künstlerischen Ursprungs bewusst zu werden, die eigene Entwicklung rückblickend in der Tanzgeschichte zu verorten und die außerordentliche Art der Wissensvermittlung und Lehre von Marika Besobrasova zu reflektieren. Beide haben bei der berühmten, 1918 im russischen Jalta geborenen Ballettlehrerin an der Académie de Danse Classique Princesse Grace in Monte Carlo studiert, doch in verschiedenen Zeiträumen.

Mauro de Candia, künstlerischer Leiter der Dance Company Osnabrück (Foto: Ennevi/Theater Osnabrück)

Sie stellten sich die Fragen, inwieweit Spuren des Vergangenen in der Gegenwart präsent und im Körper eingeschrieben sind. Wer oder was dieses „Erbe“ weiter trägt, welche Rolle der Körper als Träger dieses Wissens dabei spielt, wie es zugänglich gemacht und wie es vermittelt werden kann.

Im zweiten Teil von Biografia del Corpo geht es um dieselben Fragen, diesmal jedoch gemeinsam formuliert von beiden Choreografen und gerichtet an weitere Akteure.

In dem Stück wurden somit die Biografien der Mitglieder von beiden Ensembles verarbeitet sowie drei in Osnabrück lebender Menschen mit Fluchthintergrund, die in der Produktion mittanzen.

“Jeder auf der Bühne versammelten individuellen Tänzerkörper verweist als lebendiges Archiv sowohl auf die allgemeine Körper-, Tanz und Kulturgeschichte, wie auch auf eine individuelle biographische Körpergeschichte,” erklärt Rainald Endrass, Dramaturg der CocoonDance Company.

Endrass und die Choreografen sind begeistert, wie selbstverständlich aus den Tänzern beider Ensembles und den Geflüchteten eine auf die gemeinsame Arbeit fokussierte Gruppe entstand.

Omar Meslem, einer der drei Geflüchteten, ist ein gelernter Konditor aus Aleppo. Er hat bereits in dem ersten Teil von „Biografia del corpo“ mitgetanzt. Seine Liebe für den zeitgenössischen Tanz als Ausdrucksform hatte er zuvor schon während seines langen Fluchtweges in einer griechischen Tanztruppe entdeckt. Aus seiner Heimat hat er traditionelle kurdische Tänze mitgebracht. In Faisal Ghassan, dessen Familie aus dem Sudan stammt, entdeckten die beiden Choreografen ebenfalls ein tänzerisches Naturtalent, obwohl sein künstlerisches Interesse eher der Fotografie gilt.

BIOGRAFIA DEL CORPO II (Foto Jörg Landsberg)

Den beiden Choreografen ging es bei ihrer künstlerischen Recherche und choreografischen Kollaboration um die Begegnung mit sich selbst und den anderen.

“In diesem Projekt kommen CocoonDance, die Osnabrücker Dance Company und Geflüchtete zusammen und durchlaufen gemeinsam einen Prozess. Schon das sind Geschichten, die wir versuchen mitzuteilen. Wir sehen und erleben die Unterschiedlichkeit der Tänzer/ innen und wie sie zusammen agieren. Was wir von ihnen sehen, hat mit den Tools (Werkzeugen) oder Tasks (Aufgaben) zu tun, die wir ihnen von Anfang an gegeben haben,” sagt Mauro de Candia vom Theater Osnabrück.

Rafaele Giovanola, künsterische Leiterin von CocoonDance (Foto: Jörg Letz)

Rafaële Giovanola von CocoonDance beschreibt ihre Herangehensweise so: “Ich habe gefragt: Was meint ihr, was euch repräsentiert? Denn was in einem steckt und wie man wirkt, ist oft nicht dasselbe wie das, was man von sich empfindet oder über sich denkt. Das haben wir versucht herauszufinden und als die Essenz für deren Bewegung herauszukristallisieren. Das ist sehr persönlich.”

Dabei seien auch Sachen zum Vorschein gekommen, die sie nicht erwartet hatte.

“Man merkte, dass es für die Geflüchteten einfacher ist darzustellen, wie sie sind und viel mit wenig zu erzählen. Beeindruckend. Wir Tänzer sind durch unsere Ausbildung so geformt. Aber auch das ist unsere Biografie und damit muss man arbeiten,” erläutert Giovanola.

BIOGRAFIE DEL CORPO II

Dienstag, 9. Mai 2017, 20 Uhr, Theater im Ballsaal (Frongasse 9, Bonn-Endenich)

Mit Hussein Al-Dabash, Fa-Hsuan Chen, Keith Chin, Cristina Commisso, Martina De Dominicis, Neven Del Canto, Faisal Ghassan, Lennart Huysentruyt, Ayaka Kamei, Péter Dániel Matkaicsek, Omar Muslem, Katherine Nakui, Marine Sanchez Egasse, Jayson Syrette, Rosa Wijsman Choreografie Rafaële Giovanola, Mauro de Candia // Choreografische Assistenz Leonardo Centi, Alvaro Esteban, Werner Nigg, Susanne Schneider //  Musik Jörg Ritzenhoff //  Bühne/ Kostüme Rafaële Giovanola, Mauro de Candia, Margrit Flagner // Licht Rafaële Giovanola, Mauro de Candia // Dramaturgie Rainald Endrass, Patricia Stöckemann

In Kooperation mit dem Theater Osnabrück. Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes.

Dieser Beitrag erschien erstmals am 6.5.2017 auf Bonnections.

Offenlegung: Die Autorin ist die Mutter eines Mitglieds der Junior Company Bonn, das Jugendensemble von CocoonDance.

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