Kai Kluge als Max, Tobias Schabel als Kaspar (hinten), Chor des Theater Bonn in ‚Der Freischütz‘ | Foto © Bettina Stöß

Die Demokratie steht auch hierzulande auf dem Spiel. Auch in Bonn haben viele Bürger wenig Vertrauen in die Berliner und Brüsseler Politik, weil das Polster dünner wird. Wird die sogenannte Brandmauer brüchig? Als Samiel monologisiert Schauspielerin Birte Schrein bereits vor Opernbeginn. Die Demagogin provoziert mit der Behauptung, sie sei die nächste Bundeskanzlerin. Sie trägt ein AfD-blaues Kostüm und eine Blondhaarperücke.

Volker Lösch deutet die Oper Der Freischütz von Carl Maria von Weber (1786-1826) als politisches Lehrstück, indem er eine eigene Geschichte herauskondensiert und die Gegenwart einer erstarkenden AfD mitschwingen lässt. Lothar Kittstein bearbeitete und ersetzte Dialoge und Gesangstexte der Vorlage. Die Oper spielt im verlassenen Bonner Bundestag mit einem markant im Zentrum platzierten Bundesadler, den im Verlauf der Vorführung eine sich unkontrolliert ausbreitende Pflanzenwelt überwuchert.

Zu Beginn sehen wir während der Ouvertüre Fotoprojektionen von Robi Voigt auf dem Theatervorhang: volkstümlich ausstaffierte junge Menschen und malerische Landschaften wie auf Werbetafeln. Plötzlich werden Flüchtlinge hinter Grenzmauern als Nichtzugehörige gezeigt. Eingestreute unterkühlte Bilder erinnern an den sozialkritischen und politisch aufgeladenen Film One Battle after another über militante Aktionen von linksradikalen Widerständlern gegen ICE-Grenzkontrollen in den USA. Paul Thomas Andersons Drama räumte vor wenigen Wochen bei den Oscars ab. Lösch zeigt den historischen Freischütz vor dem Hintergrund aufgeladener und vorbelasteter gegenwärtiger Debatten. Eine rechtsextreme Partei ist derzeit zweitstärkste Kraft in unserem Land.

Kai Kluge, Tobias Schabel und Birte Schrein in ‚Der Freischütz‘ an der Oper Bonn | Foto © Bettina Stöß

Der heute 63-jährige Lösch verband an der Oper Bonn bereits Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny mit dem Klimawandel und einer Vision des zerstörten Ahrtals. In seiner Inszenierung von Beethovens Fidelio beleuchtete er am gleichen Haus die Situation politischer Gefangener in der Türkei. Ungewöhnlich ist die Verspieltheit seiner Freischütz-Deutung. Häufige Szenenwechsel beweisen ein feines Gespür für Timing.

In der Titelrolle des Max verkörpert Kai Kluge hier keinen Jägerburschen, sondern einen ehemaligen Soldaten, der nach dem Einsatz in Afghanistan unter einer Traumafolgestörung leidet. Er soll trotz Schussangst beim Wettschießen seine Manneskraft unter Beweis stellen, um Schwiegersohn des Parteichefs Kuno (Martin Tzonev) werden zu können. Nach einem möglichen Wahlsieg wird ihm das höchste Amt im neu geschaffenen Heimatministerium versprochen. Samiel plant anscheind ein Attentat auf den gegenwärtigen Bundeskanzler.

Alyona Rostovskaya, Nicole Wacker in ‚Der Freischütz‘ an der Oper Bonn | Foto © Bettina Stöß

Birte Schrein überzeichnet ihre Figur. Ihre Samiel glaubt ihren eigenen Narrativen selbst zu sehr, enttäuscht letztendlich jedoch auch männliche Dominanz-Ansprüche. Sie geriert sich in der Wolfsschlucht-Szene (in Bonn ein Parkhaus) als Männerversteherin, wenn sie erst Kaspar und dann Max viel zuspricht. Skrupellos und perfide spielt sie Kaspar gegen Max aus, nachdem sie erfahren hat, was die beiden beschämt und ihnen das Leben erschwert. Bei ihr führt horizontale Macht wie die Demokratie ins Chaos, vertikale Macht schafft hingegen autoritär beruhigende Gewissheiten. Ihre Ausführungen wirken hier oft etwas plakativ.

Die russische Sopranistin Alyona Rostovskaya legt ihre Agathe mit sachtem Argwohn an, wenn sie am Rand der Überforderung mit leisen gesanglichen Kapriolen aufwartet. Ihre Figur verliert mit berückender, nicht immer ganz schlüssig ausbalancierter vokaler Präsenz den Halt und sucht Boden unter ihren Füßen. Dabei ist es ein wildes Vergnügen, wenn es ihr minutenlang schwerfällt, das überbordende Brautkleid anzuprobieren. Rostovskaya lässt ihre Stimme während der Arien „Wie nahte mir der Schlummer… Leise, leise“ emotional zwischen inniger Sehnsucht und Angst nuancieren.

Kai Kluge gestaltet seinen Max eher etwas scheu, emotional verkümmert und in sich gekehrt. In Szenen mit seiner Partnerin Agathe scheint er hin- und hergetrieben zwischen Machismo und Melancholie, wenn er sie unsensibel ängstigt. Er berührt als verzweifelter Held besonders während der Arie „Durch die Wälder, durch die Auen“ ausdrucksstark mit lyrischer Beweglichkeit.

Nicole Wacker, Martin Tzonev, Alyona Rostovskaya, Kai Kluge, Chor und Extrachor des Theater Bonn in ‚Der Freischütz‘ an der Oper Bonn | Foto © Bettina Stöß

Tobias Schabel macht als Kaspar auf dicke Hose, ist aber eigentlich ein kleines Licht. Sein Kaspar verkörpert provokant-prollig zerknirschte Männlichkeit, die bald brutal in ihre Schranken gewiesen wird. Schabel trägt seine Rolle mit eigener, spröder Bestimmtheit und entfesselt in „Hier im ird’schen Jammertal“ mit dramatischem Ausdruck ein meisterhaftes Trinkszenario.

Nicole Wacker bildet als pragmatische, verspielte und furchtlose Ännchen mit leichter, soubrettenhafter Stimme während der temperamentvollen Arie „Einst träumte meiner sel’gen Base“ den notwendigen emotionalen Gegenpol zu Agathe. Ihr Ännchen ist scheinbar unbeschwert und gerne schelmisch, wenn sie Agathe oder sich selbst etwa als treu sorgende Ehefrau, eine sogenannte ‚Tradwife‘, auf Social Media-Kanälen inszeniert.

Lothar Koenigs führt das Beethoven Orchester Bonn präzise und lotet atmosphärisch pointiert Rhythmik, schroffe Klangfarben und filigrane Harmonien aus.

Nicole Wacker, Alyona Rostovskaya, Martin Tzonev, Kai Kluge, Birte Schrein, Christopher Jähnig, Johannes Mertes, Chor und Extrachor des Theater Bonn in ‚Der Freischütz‘ an der Oper Bonn | Foto © Bettina Stöß

Die Stimmung ist aufgeheizt. Die Bonner Neuinszenierung trifft einen Nerv und löst während der Premiere unterschiedliche Reaktionen aus. Es werden durchgehend Zitate von unter anderem Beatrix von Storch oder Björn Höcke auf die Rückwand der Bühne projiziert. Im Opern-Programmheft findet man eine Sammlung mit Notizen zur AfD vom Dramaturgen Stefan Schnabel. Hier lassen sich Aussprüche wie der des Ehrenvorsitzenden der Bundestagsfraktion, Alexander Gauland, von 2017 nachlesen: „Man will uns unser Land wegnehmen.“ Mit ähnlichen Verschwörungstheorien mobilisiert Samiel auf der Bühne den Chor und Extrachor. Die AfD scheut sich nicht, Emotionen der Wählerschaft anzusprechen. Sie schürt Ressentiments und verspricht vermeintlich schnelle Lösungen. Sie betreibt Gefühlspolitik, ohne je am eigenen Handeln gemessen zu werden. Wie populistischer Irrsinn zu mehr Autokratie führen könnte, legt Der Freischütz wirkungsvoll nahe. Im Schlussbild lächeln und feiern nicht alle mit.

Nach meinem Besuch der bieder-konservativen Inszenierung von Achim Freyer an der Staatsoper Stuttgart erfrischt die Bonner Produktion in ihrem modernen Gewand ungemein. Das geht nicht komplett ohne Stereotype und ist nicht immer stilsicher. Logik spielt eine untergeordnete Rolle. Der Bonner Freischütz ist eine nicht allzu komplexe und kaum vielschichtige Antwort auf den Populismus, wenn er sich zu selten gegen den demagogischen Hang zur Vereinfachung richtet. Nichtsdestotrotz kritisiert die Bonner Aufführung eigensinnigen Opportunismus und regt schwierige und kontroverse Diskussionen an, etwa über die Verantwortung des Einzelnen in einer von sozialem Unrecht geprägten Gesellschaft.

DER FREISCHÜTZ (Oper Bonn, 03.05.2026)

Musikalische Leitung: Lothar Koenigs

Regie: Volker Lösch

Bühne: Carola Reuther

Kostüme: Cary Gayler

Video: Robi Voigt

Licht: Max Karbe

Dramaturgie: Polina Sandler, Stefan Schnabel

Choreinstudierung: André Kellinghaus

Besetzung:

Max … Kai Kluge

Agathe … Alyona Rostovskaya

Kaspar … Tobias Schabel

Ännchen … Nicole Wacker

Ottokar, Fürst … Johannes Mertes

Kuno, Erbförster … Martin Tzonev

Ein Eremit … Christopher Jähnig

Kilian … Ralf Rachbauer

Samiel … Birte Schrein

Brautjungfern … Joëlle Fleury, Heejin Rachel Park, Ji Young Mennekes, Mary Rosada

Chor des Theater Bonn

Extrachor des Theater Bonn

Beethoven Orchester Bonn

Premiere an der Oper Bonn war am 3. Mai 2026.

Nächste Termine: 22.05./ 04., 07., 21., 24.06./ 04.07.2026

Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de/de/programm/der-freischutz/227935

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