Es braucht andere Konfliktlösungsansätze in der Politik

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Bun­des­tags­wahl 2013: Der Bon­ner Di­rekt­kan­di­dat Paul Schä­fer (MdB) über das be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men, den Syrien-Konflikt, nach­hal­ti­ge Ver­tei­di­gungs­po­li­tik und die Fäl­le Mu­rat Kur­naz und Ed­ward Snowden

(Aus­schnit­te des Ge­sprächs, das ich zu­sam­men mit Mi­cha­el Her­th führ­te, wur­den am 17.09.2013 auf Cam­pus Web erstveröffentlicht)

Mi­cha­el Her­th und ich tra­fen den Diplom-Soziologen Paul Schä­fer an ei­nem son­ni­gen Vor­mit­tag im Wahl­kreis­bü­ro der Lin­ken in Bonn. Wir spra­chen mit dem Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Ver­tei­di­gungs­po­li­ti­schen Spre­cher der Frak­ti­on Die Lin­ken un­ter an­de­rem über nach­hal­ti­ge Bil­dung, das be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men, mög­li­che Re­gie­rungs­ko­ali­tio­nen, sei­ne Ein­schät­zung zum Syrien-Konflikt, nach­hal­ti­ge Ver­tei­di­gungs­po­li­tik und die Fäl­le Mu­rat Kur­naz und Ed­ward Snowden.

Traveler Z 14

Herr Schä­fer, Sie wa­ren selbst ei­ne Zeit lang ar­beits­los und ha­ben sich durch Kell­nern und Ta­xi­fah­ren über Was­ser ge­hal­ten. Braucht es heut­zu­ta­ge nicht sol­che au­then­ti­schen Po­li­ti­ker, die eben kei­nen per­fek­ten Le­bens­lauf haben?

Paul Schä­fer: Ob das jetzt der op­ti­ma­le Weg ist, weiß ich nicht. Aber man lernt in die­ser Zeit schon et­was fürs Le­ben. Die Er­fah­rung, zum Ar­beits­amt zu ge­hen, das schlägt ei­nem schon aufs Ge­müt. Das ist ein an­de­res Le­ben, wenn man plötz­lich nur ganz we­nig Geld hat. Das ein­mal er­lebt zu ha­ben ist ganz nütz­lich für ei­nen, der dann in die Po­li­tik geht. Ich find es ganz gut, wenn man auch be­ruf­li­che Er­fah­rung wo­an­ders ge­sam­melt hat.

Was ra­ten Sie denn jun­gen Leu­ten, die viel­leicht sel­ber mal im Bun­des­tag ar­bei­ten wollen?
Vie­le Ar­beits­plät­ze im Bun­des­tag sind „clo­sed jobs“. Ge­ra­de für Tä­tig­kei­ten bei Frak­tio­nen und Ab­ge­ord­ne­ten soll­te man schon „Stall­ge­ruch ha­ben“, al­so eng mit der je­wei­li­gen Par­tei ver­bun­den sein. Po­li­ti­sches und ge­sell­schaft­li­ches En­ga­ge­ment kann auch sehr hel­fen: Ich be­kam gleich zwei­mal Stel­len, ob­wohl mir das pas­sen­de Par­tei­buch fehlte.

Blei­ben wir beim The­ma Be­ruf und Bil­dung. Wie will die Lin­ke dem de­mo­gra­phi­schen Wan­del am Ar­beits­markt ent­ge­gen­wir­ken? Und wie will sie uns jun­ge Aka­de­mi­ker in die Ar­beits­welt bringen?

Wir wol­len ja grund­sätz­lich ei­ne ak­ti­ve­re Be­schäf­ti­gungs­po­li­tik ma­chen, nicht nur bei Aka­de­mi­kern. Wir wol­len zum Bei­spiel Be­schäf­ti­gun­gen im Öf­fent­li­chen Dienst aus­bau­en. In den letz­ten 15 Jah­ren sind 100 000 Stel­len ge­stri­chen wor­den, die­sen Trend gilt es umzukehren.
Aber auch im öko­lo­gi­schen Be­reich, in der er­neu­er­ba­ren En­er­gie wol­len wir Stel­len aus­bau­en, auch mit staat­li­chen Pro­gram­men. Da geht es um In­ge­nieur­wis­sen­schaf­ten etc. In der Bil­dung sind bei­spiels­wei­se die Be­treu­ungs­ver­hält­nis­se an Hoch­schu­len wich­tig. Wenn ich sa­ge, wir wol­len Uni­ver­si­tä­ten und Schu­len aus­bau­en, wä­re das auch für Geis­tes­wis­sen­schaft­ler fördernd.

Was will die Lin­ke denn kon­kret im Bil­dungs­sek­tor z.B. bei Schu­len ändern?

Wir wol­len ei­ne Schu­le für al­le. Al­les, was die Schu­le und Uni­ver­si­tä­ten an­be­trifft, ist chro­nisch un­ter­fi­nan­ziert. Nur auf Ex­zel­lenz zu set­zen, wie es Frau Scha­van (ehem. Bil­dungs­mi­nis­te­rin, CDU, An­merk. der Re­dak­ti­on) ge­tan hat, ist ein völ­lig ver­eng­ter Zu­gang. Da muss er­heb­lich in­ves­tiert wer­den, auch bei der Qua­li­fi­ka­ti­on der Be­treu­er. Wir sind zu­dem für Ganz­tags­schu­len, um der Be­nach­tei­li­gung für Kin­der, die aus bil­dungs­fer­ne­ren Schich­ten kom­men, entgegenzuwirken.

Aber Ganz­tags­schu­len be­las­ten die Kin­der ja auch sehr. Sie ha­ben we­ni­ger Frei­zeit und kön­nen kei­nen Hob­bys mehr nachgehen.

Das ist ja die Fra­ge, wie man so et­was ge­stal­tet. Wenn man acht oder neun Stun­den nur „büf­felt“, dann ist das fa­tal. Das ist doch klar. Es kön­nen ja auch Pro­jek­te sein, die Spaß ma­chen. Din­ge, die man heu­te in Ver­ei­nen macht –Sport, Mu­sik, ge­sell­schaft­li­ches En­ga­ge­ment.. Man kann, wie in den USA, Ko­ope­ra­tio­nen mit Ver­ei­nen ma­chen und vie­les Mehr.
Ganz­tags­schu­len sind für uns ein wich­ti­ges Mit­tel, um Bil­dungs­nach­tei­le aus­zu­glei­chen. Aus die­sem Grund sind wir auch für ei­ne Ge­mein­schaft­schu­le, in der die Kin­der bis zur zehn­ten Klas­se ge­mein­sam aus­ge­bil­det wer­den. So kann man viel mehr und in­ten­si­ver auf in­di­vi­du­el­le Be­ga­bun­gen ein­ge­hen und die Lern­zie­le So­li­da­ri­tät, so­zia­les Ver­hal­ten, de­mo­kra­ti­sche Teil­ha­be prak­tisch er­leb­bar ma­chen. Und schließ­lich wol­len wir auch nicht, dass die Kin­der zu früh ge­trennt wer­den. Das ist schlecht für das So­zi­al­ver­hal­ten, das be­le­gen Statistiken.

Ih­re Par­tei for­dert auf Wahl­pla­ka­ten die Ein­füh­rung ei­nes ge­setz­li­chen Min­dest­lohns. Was hal­ten Sie von der sehr viel weit­grei­fen­de­ren For­de­rung der Pi­ra­ten nach ei­nem be­din­gungs­lo­sen Grundeinkommen?

Ein be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men ist ei­ne span­nen­de Idee, die wei­ter dis­ku­tiert wer­den soll. Un­se­re jet­zi­ge Par­tei­vor­sit­zen­de Kat­ja Kip­ping ist ei­ne pro­non­cier­te Ver­fech­te­rin des Grund­ein­kom­mens. Die­se Idee wird et­wa als ein gu­tes Mo­dell ge­gen Dumping-Löhne ein­ge­schätzt. Ar­beit­neh­mer wür­den sich dann nicht mehr so viel ge­fal­len lassen.
Al­ler­dings wer­den re­gel­mä­ßig Be­den­ken da­ge­gen for­mu­liert, die ich tei­le. Die Her­ren Acker­mann und Win­ter­korn brau­chen kein Grund­ein­kom­men. Das wä­re ja ab­surd. Den Ver­mö­gen­den müss­te man al­so über hö­he­re Steu­er­sät­ze wie­der weg­neh­men, was man ih­nen zu­vor als Grund­ein­kom­men ge­ge­ben hat. Die­se Art von Um­ver­tei­lungs­bü­ro­kra­tie fin­de ich ab­so­lut nicht einleuchtend.
Auch hal­te ich die An­nah­me, die dem zu­grun­de­liegt, näm­lich die­ser Ge­sell­schaft ge­he die Ar­beit aus, für grund­ver­kehrt. Man braucht viel­leicht we­ni­ger Ar­beits­quan­tum pro Kopf durch den Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritt. Aber ein Grund­ein­kom­men wür­de auch den Kampf für Voll­be­schäf­ti­gung schwä­chen, weil ge­sagt wür­de, man rich­te sich schon dar­auf ein, dass nicht die Ge­samt­heit der Be­völ­ke­rung ar­bei­ten möchte.

Wie geht ih­re Par­tei mit der Aus­sa­ge Stein­brücks im TV Du­ell um, dass die SPD nach den Wah­len ei­ne rot-rot-grüne Ko­ali­ti­on mit den Lin­ken ausschließt?

Die SPD bleibt of­fen­sicht­lich stur. Die Vor­stel­lung, dass sie als SPD und Grü­ne noch 10 Pro­zent­punk­te auf­ho­len könn­te, ist bei den lo­ka­len Um­fra­ge­wer­ten sehr kühn. Es gibt je­doch au­ßer­halb der Füh­rungs­ebe­ne auch Lo­cke­rungs­übun­gen in den ge­nann­ten Par­tei­en da­hin­ge­hend, ob man nicht doch un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen über ei­ne Ko­ali­ti­on nach­denkt. Ich bin da al­ler­dings nicht sehr optimistisch.

Die SPD und die Grü­nen wer­fen der Lin­ken vor, in­ner­par­tei­lich auf­grund des gro­ßen Macht­kampfs zwi­schen Ost und West so zer­strit­ten zu sein, dass ein Ko­ali­ti­ons­bünd­nis nicht mög­lich sei. Muss nicht auch die Lin­ke an­fan­gen, sich selbst zu or­ten und auch den Schritt auf SPD und Grü­ne ein biss­chen kräf­ti­ger zugehen?
Ja.

War­um wur­den Sie für die kom­men­de Bun­des­tags­wahl nicht auf die Lan­des­lis­te der Lin­ken NRW gesetzt?
Ich ha­be nicht für ei­nen Platz auf der Lan­des­lis­te der LIN­KEN kan­di­diert. Mei­ne Le­bens­pla­nung sieht an­ders aus.

Ma­chen sich die Lin­ken mit da­für stark, dass das Ge­setz für Ren­ten­an­wart­schaf­ten für Kin­der vor 1992 pro Kind sich auf ei­ne drei­jäh­ri­ge Kin­der­er­zie­hungs­zeit und so­mit auf drei Ren­ten­punk­te auf dem Ren­ten­kon­to sum­miert, oder wer­den die­se ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge wei­ter­hin be­nach­tei­ligt? Wird An­ge­la Mer­kel hier ihr Ver­spre­chen ei­ner Müt­ter­ren­te nach den Wah­len umsetzen?

Es gibt kei­nen Grund da­für, dass Müt­ter, die vor 1992 Kin­der ge­bo­ren ha­ben, bei den Ren­ten­punk­ten be­nach­tei­ligt wer­den. Es ist un­fair, hier ein­fach ei­nen re­la­tiv will­kür­li­chen Stich­tag zu wäh­len. Doch es geht um er­heb­li­che Sum­men und die Uni­on möch­te ih­re Spar­po­li­tik im Haus­halt wei­ter­ver­fol­gen. Des­halb ist auch der Ent­wurf ei­ner Le­bens­leis­tungs­ren­te von Ur­su­la von der Ley­en um­strit­ten. Denn die Uni­on stellt al­le ih­re Wahl­ver­spre­chen so­wie­so un­ter Fi­nan­zie­rungs­vor­be­halt. Ich wä­re al­so eher pes­si­mis­tisch, dass sie die­se Ver­spre­chen um­set­zen wird. Er­fah­rungs­ge­mäß ste­hen Ren­ten und So­zi­al­leis­tun­gen im­mer ganz oben auf den Streich­lis­ten. Des­halb muss klar fest­ge­legt wer­den, dass es ei­ne so­li­da­ri­sche Min­dest­ren­te von 1050 Eu­ro gibt, die aus Rentenversicherungs- und not­falls aus Steu­er­mit­teln ge­zahlt wird.

Ihr Haupt­be­reich, für den Sie auch im Bun­des­tag zu­stän­dig sind, ist die Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Mo­men­tan in al­ler Mun­de ist der Bür­ger­krieg in Sy­ri­en. Wie ver­hält sich Die Lin­ke zum Syrien-Konflikt?

Wir sa­gen: Kein Mi­li­tär­ein­satz in Sy­ri­en! Und oh­ne UN-Mandat schon mal gar nicht. Es kön­nen sich nicht di­ver­se Staa­ten her­aus­neh­men, da mal Rich­ter oder Welt­po­li­zei zu spie­len, auf nicht völ­lig ge­si­cher­ter Grund­la­ge. Ei­ne Be­stra­fungs­ak­ti­on, wie die USA sie of­fen­bar zu­nächst an­ge­strebt ha­ben, ist völ­lig kontraproduktiv.

Aber hat man nicht die Auf­ga­be, ge­ra­de als Deutsch­land, als ein sehr ein­fluss­rei­ches Land, bei sol­chen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen einzugreifen?

Klar, die Schul­di­gen müs­sen be­straft wer­den. Da­zu muss sich der UN-Sicherheitsrat ver­hal­ten. Die­ser muss den In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof da­zu brin­gen, An­kla­ge zu er­he­ben. Es geht um Straf­ver­fol­gung. Aber man muss den „Tä­ter“ auch erst ein­mal nam­haft machen.

Aber was ist mit Sank­tio­nen, mit po­li­ti­schem Druck? Ich den­ke, man muss auf al­le Sei­ten Druck aus­üben. Mir ist das zu ein­sei­tig, dass man sagt, das Assad-Regime, das sind die Bö­se­wich­te und die an­de­ren sind die Gu­ten. Ich hal­te es da­her für fa­tal, dass bei­de Sei­ten kräf­tig mit Waf­fen be­lie­fert wer­den. Da­durch trägt man nur zur Es­ka­la­ti­on bei.

Wenn man sagt, wir müs­sen uns mehr ein­mi­schen, fin­de ich, dass die­ses in­ter­na­tio­na­le Ein­mi­schen nur für noch mehr Un­heil ge­sorgt hat.

In die­sem Jahr kam ein Film über Mu­rat Kur­naz in die Ki­nos. Kur­naz wur­de oh­ne An­kla­ge fünf Jah­re im Ge­fan­ge­nen­la­ger Gu­an­ta­na­mo in­haf­tiert. Die Ent­schei­dung über ei­ne früh­zei­ti­ge­re Frei­las­sung ob­lag 2002 dem Bun­des­kanz­ler­amt. Sie sa­ßen da­mals im Murat-Kurnaz-Untersuchungsausschuss. Fin­den sie Stein­mei­ers da­ma­li­ge Ein­schät­zung, Kur­naz sei ein Si­cher­heits­pro­blem für deut­sche Be­hör­den, heu­te noch gerechtfertigt?

Über­haupt nicht. Die Ge­schich­te hat mich da­mals auch wirk­lich auf­ge­regt. Ich saß ja mit im Un­ter­su­chungs­aus­schuss im Ver­tei­di­gungs­aus­schuss, weil Kur­naz ge­sagt hat, er wä­re von KSK-Soldaten der Bun­des­wehr miss­han­delt wor­den. Wir hat­ten ihn sel­ber im Aus­schuss und er hat da­mals auf mich sehr glaub­wür­dig ge­wirkt. Auch wenn die Miss­hand­lung sich nicht ab­schlie­ßend be­le­gen ließ: Oh­ne den Fall Kur­naz hät­ten wir viel­leicht nie vom Ein­satz des KSK in Af­gha­ni­stan erfahren.

Kur­naz hät­te nicht oh­ne ein Ge­richts­ver­fah­ren in Gu­an­ta­na­mo fest­ge­hal­ten wer­den dür­fen. Die­se Re­gie­rung hät­te sich en­er­gisch für ei­ne Frei­las­sung ein­set­zen müs­sen, auch weil die Un­schulds­ver­mu­tung hät­te gel­ten müs­sen. Mich hat schon ent­täuscht, dass Frank-Walter Stein­mei­er so kalt da­mit um­ge­gan­gen ist. Er hät­te min­des­tens sa­gen kön­nen: Da­mals gab es Hin­wei­se viel­leicht in der Ter­ro­ris­ten­sze­ne in Bre­men, des­halb ha­be ich mich so ent­schie­den, aber es war aus mei­ner heu­ti­gen Sicht ein Feh­ler, pro­blem­be­haf­tet und es tut mir leid. Ich fin­de es schlimm, dass sich Stein­mei­er nicht ent­schul­digt hat.

Wo wir schon da­bei sind, hät­te Ed­ward Snow­den in Deutsch­land Asyl er­hal­ten müssen?

Ja, ich bin dem Kerl dank­bar, weil er ein Frei­heits­rech­te be­ein­träch­ti­gen­des Über­wa­chungs­sys­tem auf­ge­deckt hat. Wenn so et­was im Ge­heim­dienst­be­reich ge­macht wird, muss es mu­ti­ge Men­schen ge­ben, die auf so et­was öf­fent­lich auf­merk­sam ma­chen und ei­nen An­stoß ge­ben, um die Men­schen zu sen­si­bi­li­sie­ren. Vor zwei Jah­ren ha­ben wir ei­nen Bun­des­tags­an­trag ein­ge­bracht, dass sol­che Whist­leb­lower ge­schützt wer­den sol­len. Es ist ab­surd, dass es im selbst­er­nann­ten Land der Frei­en ei­nen Straf­be­fehl ge­gen ihn gibt und er im au­to­ri­tä­ren Russ­land Wla­di­mir Pu­tins Asyl er­hält. Das ist pa­ra­dox und man kommt ins Grü­beln. Die Bun­des­re­gie­rung hat sich nicht ge­traut und an­de­re west­eu­ro­päi­sche Län­der auch nicht, weil sie sich nicht mit den Ame­ri­ka­nern über­wer­fen wol­len. Da muss man mehr Rück­grat ha­ben. Und: Es muss neue Re­geln und mehr Trans­pa­renz auch hin­sicht­lich der Über­wa­chungs­mög­lich­kei­ten durch mo­derns­te Tech­nik geben.

Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter de Mai­ziè­re wird nach ei­nem Bundestags-Untersuchungsausschuss zum Euro-Hawk schwe­res Ver­sa­gen vor­ge­wor­fen. Sie kri­ti­sie­ren Au­ßen­mi­nis­ter Wes­ter­wel­le da­für, dass er sich nicht wie 2009 an­ge­kün­digt für den Ab­zug von Atom­waf­fen in Bü­chel ein­setzt. Wie muss sich die deut­sche Ver­tei­di­gungs­po­li­tik zu­künf­tig ändern?

Sie muss wie­der stär­ker zu dem Grund­ge­dan­ken der Lan­des­ver­tei­di­gung zu­rück­keh­ren. Das heißt, wir brau­chen we­ni­ger Sol­da­ten. Der NATO-Philosophie, die dar­auf ge­rich­tet ist, dass die NA­TO qua­si ei­ne welt­po­li­zei­li­che Auf­ga­be über­neh­men soll, muss man ei­ne Ab­sa­ge er­tei­len. Die deut­sche Au­ßen­po­li­tik soll­te sich dar­auf kon­zen­trie­ren, die UNO zu stär­ken. Ob die Bun­des­re­gie­rung der UNO Sol­da­ten für frie­dens­be­wah­ren­de Blauhelm-Einsätze zur Ver­fü­gung stel­len soll, muss dis­ku­tiert werden.

Ich fin­de un­se­re Grund­satz­hal­tung wich­tig, dass man stär­ker nach den Ur­sa­chen von Kon­flik­ten fra­gen muss. Das kön­nen Waf­fen­lie­fe­run­gen sei­en, die den Kon­flikt be­feu­ern, un­ge­rech­te Ver­tei­lung von Ver­mö­gen, Res­sour­cen oder Macht. Es muss viel mehr für zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­rungs­pro­zes­se ge­tan wer­den, um für nach­hal­ti­ge, lang­fris­ti­ge Pro­zes­se zu sor­gen. Das kann et­wa über Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit oder über die Un­ter­stüt­zung von Bil­dungs­in­ves­ti­tio­nen ge­tan wer­den. Man soll­te ge­zielt Grup­pie­run­gen, die für den nach­hal­ti­gen Fort­schritt ein­tre­ten, un­ter­stüt­zen. Wir glau­ben nicht, dass man über kurz­fris­ti­ge Mi­li­tär­ak­tio­nen, die nur vor­der­grün­dig ei­nen Kon­flikt ein­däm­men, viel än­dern kann. Au­ßen­po­li­tik muss ur­sa­chen­ori­en­tiert und prä­ven­tiv ori­en­tiert sein.

Neh­men wir ein­mal als Bei­spiel den Aus­gangs­punkt für die Pi­ra­te­rie vor So­ma­lia. Wenn es die Über­fi­schung der Küs­ten­ge­wäs­ser nicht ge­ge­ben hät­te und man früh­zei­tig durch Un­ter­stüt­zung ei­nes ei­gen­stän­di­gen Fi­sche­rei­ge­wer­bes da­für ge­sorgt hät­te, dass die Küs­ten­be­woh­ner ein Aus­kom­men ha­ben, wä­re es viel­leicht gar nicht zu Pi­ra­te­rie gekommen.

Jetzt be­kämp­fen wir mal wie­der die Fol­gen mit mi­li­tä­ri­schen Mit­teln. Das ist kurz­sich­tig und kurz­schlüs­sig, hat Ne­ben­wir­kun­gen und hilft auch nicht. Wir sind mit­ver­ant­wort­lich, weil wir der lo­ka­len Be­völ­ke­rung in ge­wis­ser Hin­sicht die Pro­duk­ti­ons­grund­la­ge ge­nom­men haben.

Es muss an­de­re Kon­flikt­lö­sungs­an­sät­ze und ei­nen Pa­ra­dig­men­wech­sel der deut­schen, eu­ro­päi­schen und auch in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik ge­ben. Wir ha­ben die­se Funk­ti­on wahr­ge­nom­men und auch ka­te­go­risch Nein zum Mi­li­tär­ein­satz in So­ma­lia ge­sagt. Un­ser Fo­kus liegt dar­auf, was man mit zi­vi­len und zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Mit­teln ma­chen kann, um Kon­flik­te zu be­ar­bei­ten und zu lö­sen. Es mag Ex­trem­si­tua­tio­nen ge­ben, wo auch mi­li­tä­ri­sche Ge­walt un­ver­meid­bar er­scheint. Aber ich tei­le den Grund­an­satz der Lin­ken, dass wir viel­mehr prä­ven­tiv ar­bei­ten müssen.

Es braucht je­doch auch In­stru­men­te, um es­ka­lier­te Kon­flik­te zi­vil zu lö­sen. Zi­vi­le Frie­dens­diens­te sind ein Trop­fen auf dem hei­ßen Stein. Sie sind un­ter­aus­ge­stat­tet und un­zu­rei­chend ver­an­kert und müs­sen wei­ter­hin je­des Jahr bit­ten und drän­gen, dass sie im jähr­li­chen Etat be­rück­sich­tigt wer­den. Sie soll­ten auf ei­nem hö­he­ren Ni­veau ver­ste­tigt wer­den. Man braucht die­se In­stru­men­te für die zi­vi­le Konfliktbearbeitung.

Nen­nen Sie uns zum Ab­schluss noch drei Ba­sis­grün­de, war­um wir die Lin­ken wäh­len sollen!

Ich hät­te jetzt vier ge­sagt – Frie­den, so­zia­le Ge­rech­tig­keit, De­mo­kra­tie, öko­lo­gi­scher Um­bau, aber ich will es bei drei­en belassen.

Ge­gen­wär­tig mit Blick auf die aku­te Zu­spit­zung in Sy­ri­en glau­be ich, dass wir die­je­ni­gen sind, die sa­gen, man muss nach di­plo­ma­ti­schen zi­vi­len Kon­flikt­lö­sun­gen su­chen. Da sind wir sehr be­harr­lich im Un­ter­schied zu an­de­ren, die sich im­mer wie­der auf Mi­li­tär­ein­sät­ze einlassen.

Wir tre­ten ein für so­zia­le Ge­rech­tig­keit und ha­ben hier die kon­se­quen­tes­ten und ent­schie­dens­ten Vor­schlä­ge. Wir wol­len den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn, da­mit wir den Nied­rig­lohn­sek­tor und Hartz IV los­wer­den. In punc­to Rei­chen­be­steue­rung ha­ben sich an­de­re an uns, wie ich fin­de, nur halb­her­zig angenähert.

Auch wenn sich das jetzt ko­misch an­hö­ren mag, glau­be ich, dass wir hin­sicht­lich der öko­lo­gi­schen Er­neue­rung und En­er­gie­wen­de kon­se­quen­ter als die Grü­nen den Aus­stieg aus der Atom­wirt­schaft wol­len. Die Grü­nen sind jetzt sehr stark fest­ge­legt dar­auf, dass die Um­welt ein Zu­kunfts­markt ist und dass da­mit Ge­schäf­te ge­macht wer­den. Sie ha­ben ei­ne ei­ge­ne Kli­en­tel, die da auch ver­sucht, Ge­schäf­te zu ma­chen. Des­halb wol­len sie den gro­ßen En­er­gie­un­ter­neh­men nicht zu viel an den Kar­ren fah­ren. Da sind wir et­was frei­er. Wir kön­nen ri­go­ro­ser for­mu­lie­ren, was ge­sche­hen muss. Wir ma­chen kei­ne Zu­ge­ständ­nis­se an die gro­ßen En­er­gie­ver­sor­ger. Wir wol­len ei­ne de­zen­tra­le, bür­ger­na­he und ge­nos­sen­schaft­li­che En­er­gie­ver­sor­gung, Das ist für mich der Weg, wie ei­ne En­er­gie­wen­de funk­tio­niert. Da ha­ben wir sehr so­li­de Po­si­tio­nen. Bei uns gibt es vie­le die sa­gen, wir wol­len auf ei­nen grü­nen So­zia­lis­mus hin­aus. Das ist für mich ein ganz wich­ti­ges Ar­gu­ment um zu sa­gen, man müs­se die Lin­ke wählen.

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