Ode an die Freude – Bonn feiert die Neunte

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Am 7. Mai vor 200 Jahren fand in Wien die Uraufführung von Ludwig van Beethovens neunten Sinfonie mit der Vertonung von Friedrich Schillers Gedicht Ode an die Freude statt. Das Jubiläum wird natürlich auch in der Geburtsstadt des Komponisten mit einer Reihe von Veranstaltungen gefeiert.

Der Auftakt war am Samstag das Beethoven-Tag Fest des Vereins Bonner für Beethoven auf dem Marktplatz, an dem sich über 200 Musiker und Musikerinnen unterschiedlicher Stilrichtungen, Alters und Herkunft beteiligten. Unter dem Motto “Wir feiern die Neunte” traten bei dem Fest sowohl klassische Ensembles und Chöre als auch Jazz-, Folk- und Rock-Gruppen auf. Lautstark ertönte die Ode nicht nur auf Bönnsch (gesungen von den Bönnsche Pänz), sondern auch in italienischen, ukrainischen, jiddischen und schottisch-gällischen Fassungen.

Das Trio Ukraine trug die Ode an die Freude auf Ukrainisch vor. (Foto: Sandra Prüfer)

Über den Tag hinweg zählte der Verein rund 5.000 Besucher. „Der Zuspruch war überwältigend,” sagte der Vereinsvorsitzende Stephan Eisel. “Wir hörten immer wieder, dass Bonn mehr aus Beethoven machen sollte. Viele Besucher wollten gar nicht glauben, dass wir diesen Beethoven-Tag zum zweiten Mal vollständig ehrenamtlich organisiert haben, weil die Stadtverwaltung sich nicht in der Lage sieht, eine solche Veranstaltung selbst auf die Beine zu stellen.“


Auf den Spuren der Neunten Sinfonie


Heute präsentiert der Bürger für Beethoven e.V. im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses den Dokumentarfilm “Following the Ninth” (6. Mai, 18 Uhr, Eintritt € 5) – in einem neuen Director’s Cut – in Anwesenheit des Regisseurs Kerry Candaele. Im Anschluss an die Filmvorführung folgt eine Diskussionsrunde (auf Englisch) mit Candaele, Stephan Eisel und der Musikwissenschaftlerin Christine Siegert.

Following the Ninth- ein Dokumentarfilm über Beethovens 9. Sinfonie.

Der Abend wird musikalisch umrahmt von dem Duo Contraviento (Isabel Lipthay & Martin Firgau) aus Münster. Die chilenische Sängerin Isabel Lipthay ist eine der Protagonist:innen des Films, ebenso wie der britische Protestsänger und Punkrock-Legende Billy Bragg, der 2007 eine re-imagined “Ode to Joy” Version geschrieben hat.

„Following The Ninth“ ist der erste Teil einer Beethoven:Hero Film-Triologie, in der der kanadische Filmemacher die weltweit andauerende Strahlkraft von Beethovens Werken erkunden möchte, die Art und Weise, wie sie in uns leben und oft Grenzen überwinden. Auf den Spuren der Neunten Sinfonie bereiste Candaele vier Kontinente. Er erzählt Geschichten von Menschen, die in schwierigen Zeiten Mut, Hoffnung und Solidarität aus der Ode schöpften und sie für ihre Freiheitskämpfe eingesetzt haben – bei den 1989 Studentenprotesten in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens und dem Fall der Berliner Mauer, nach dem verheerenden Tsunami und der Atomkatastrophe im japanischen Fukoschima im Jahr 2011 und in der Zeit der Militärdiktatur in Chile. Der Film verwebt diese Geschichten mit der Entstehungsgeschichte von Beethovens revolutionären Meisterwerk, die erste Sinfonie in der Musikgeschichte, bei der ein Chor zum Einsatz kam. Hier der Trailer.

Der in Kalifornien lebende Regisseur hat mehrere preisgekrönte Dokumentarfilme produziert, darunter „Wal-Mart: The High Cost of Low Price“ und „Iraq For Sale“ und „A League of Their Own“. Nach Following the Ninth (2013) handelt der zweite Film der Triologie, Love & Justice (2023), über die Befreitungsoper Fidelio. Der letzte Teil, Last Will & Testament, wird sich laut Candaele mit Beethovens späten Streichquartetten beschäftigen.

Regisseur Kerry Candaele während des Drehs in Chile (Foto: Kerry Candaele)

Diesen Kuss der ganzen Welt!


“Bis heute bewegt Beethovens Musik Menschen um den Globus. Die Neunte ist ein Schlachtruf für die Menschlichkeit, eine Hymne für die Freiheit und die Hoffnung, weil sie die Fähigkeit besitzt, Menschen zu heilen und über große Gräben hinweg zu verbinden”, so Candaele. Beethovens Ode ist seit 1985 die offizielle Hymne der Europäischen Union. Das Orginal der Partitur, das sich in der Staatsbibliothek Berlin befindet, wurde 2001 zu einem Unesco-Weltdokumentenerbe erklärt.

Schon bei der Uraufführung am 7. Mai 1824 im Wiener Theater am Kärntnertor begeisterte die neunte Sinfonie. Das Konzert wurde “von den enthusiastischen Ausrufungen des Publikums mehrmals unterbrochen”, schrieb ein Kritiker seinerzeit. Den jubelnden Beifall nach dem Schlussakkord konnte der bereits komplett ertaubte Komponist nicht hören, weil er mit dem Rücken zum Zuschauerraum stand. Erst als die Sängerin Caroline Unger Ludwig van Beethoven umdrehte, nahm er die euphorische Reaktion wahr.

Das Klangerlebnis der Uraufführung möchte Martin Haselböck in dem „Resound Beethoven 9“ Projekt wieder aufleben lassen mit dem Orchester der Wiener Akademie. Da das Theater am Kärntnertor jedoch abgerissen wurde, findet das Jubiliäumskonzert am 7. Mai nicht in Wien, sondern in der Historischen Stadthalle in Wuppertal statt, in Kooperation mit dem Bonner Beethoven-Haus und dem WDR Rundfunkchor. Die Musiker:innen werden dabei auf historischen Instrumenten spielen. Der Beitrag des Beethoven-Hauses bestand darin, die Quellen der Uraufführungssituation zu rekonstruieren. Der WDR überträgt das Festkonzert live (ab 19 Uhr).

Im Beethoven-Haus ist zudem eine multimediale Sonderaustellung “Bernsteins Beethoven – Ode an die Freiheit” zu sehen (bis 19. August), in der der US-amerikanische Komponist und Dirigent Leonard Bernstein (1918-1990) als ein herausragender Vermittler Ludwig van Beethovens im 20. Jahrhundert gewürdigt wird. Die Ausstellung erinnert an die beiden von ihm wenige Wochen nach dem Mauerfall dirigierten Konzerte der neunten Sinfonie in Berlin – in der Philharmonie in West-Berlin und am Weihnachtstag in Ost-Berlin im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Den Finalsatz hatte er damals zu “Ode an die Freiheit” umgetextet.

Das Kammermusikfest BTHVN Woche“ (8. bis 11. Mai) widmet sich zum 200. Jahrestag der Uraufführung dem Thema “Humanismus”. Daniel Hope, der Präsident des Beethoven-Hauses und ein weltbekannter Geiger, hat für das Musikfest ein innovatives Programm im Angesicht der multiplen Krisen unserer Zeit kuratiert. Im Lichte der aktuellen Entwicklungen bricht Hope bewusst mit Beethovens historischer Utopie und fragt, was von der Menschenliebe und Brüderlichkeit bleibt in einer Gegenwart, die immer unübersichtlicher und dystopischer anmutet.

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