Die Liebe zum eigenen Auto ein Hindernis der Weiterentwicklung – Katja Dörner im Interview

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Ab 2030 kei­ne Ver­bren­nungs­mo­to­ren und kei­ne Koh­le­kraft­wer­ke mehr – dies for­dert Kat­ja Dör­ner, die in Bonn für die Grü­nen wirbt. (Fo­to: Foto-AG Gym­na­si­um Mel­le, CC BY 3.0)

Kat­ja Dör­ner ist seit 2009 Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges und seit 2013 stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der Bun­des­tags­frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen. Am 18. Sep­tem­ber stand Sie Bonn.digital für ei­ni­ge Fra­gen zu Kommunal-, Landes- und Bun­des­po­li­tik bereit.

Frau Dör­ner, Sie tre­ten im Bun­des­tags­wahl­kampf für die Grü­nen an – wo­für steht die Par­tei ins­be­son­de­re die­ses Jahr?

Die Grü­nen ste­hen na­tür­lich ins­be­son­de­re für Kli­ma­schutz. Klar, wir sind die Grü­nen – die Kli­ma­kri­se ist ei­ne der ganz zen­tra­len Her­aus­for­de­run­gen. Und wir ste­hen auch ins­be­son­de­re für den Be­reich so­zia­le Ge­rech­tig­keit. Aber na­tür­lich ste­hen wir auch für an­de­re Zu­kunfts­the­men wie bei­spiels­wei­se Di­gi­ta­li­sie­rung – ein The­ma, das zu­min­dest im Bon­ner Wahl­kampf ei­ne gro­ße Rol­le ge­spielt hat. Viel­leicht ist es nicht im­mer auf der Bun­des­ebe­ne zu er­ken­nen, aber mei­ne lie­ben Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen und ich sind ja in vie­len Schu­len un­ter­wegs. Und da ist es ei­gent­lich ei­nes der Top-Themen.

Zum Kli­ma: Wir ha­ben ei­nen twit­tern­den US-Präsidenten, der den Kli­ma­wan­del mehr oder we­ni­ger ver­leug­net. Wir se­hen Hur­ri­ca­nes, die ganz an­de­re Qua­li­tä­ten ha­ben als sonst. Ei­gent­lich meint man die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels im­mer deut­li­cher zu spü­ren. Aber die Grü­nen krie­gen des­we­gen trotz­dem nicht wirk­lich Wind un­ter den Flü­geln. Wor­an liegt das?

Ich den­ke, dass das et­was da­mit zu tun hat, dass es noch nicht so ganz un­mit­tel­bar er­fahr­bar ist. Vie­le po­li­ti­sche The­men be­tref­fen ei­nen un­mit­tel­bar und ge­hen so­zu­sa­gen „übers Herz“. Und der Kli­ma­kri­se nä­hern wir uns im­mer noch eher ra­tio­nal. Wir se­hen, was in den USA pas­siert und brin­gen das even­tu­ell so­gar mit der Kli­ma­kri­se und den Ver­än­de­run­gen in Ver­bin­dung, aber das auch dar­auf zu über­tra­gen, was das für uns be­deu­tet, funk­tio­niert – glau­be ich – noch nicht so gut.
Und des­halb se­he ich auch ge­ra­de als un­se­re Auf­ga­be an, im Bun­des­tags­wahl­kampf die­ses The­ma ganz nach vor­ne zu bringen.
Al­so ich ha­be ja hier in Bonn ein Wahl­pla­kat mit dem Spruch „Wir ha­ben die­se Er­de von un­se­ren Kin­dern nur ge­borgt“. Es ist ganz in­ter­es­sant, weil ich da su­per viel Feed­back zu be­kom­me – ganz viel Ne­ga­ti­ves so wie ganz viel Positives.
Ich ha­be da ei­nen et­was kom­ple­xe­ren Spruch ge­wählt als mei­ne Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen ;-). Ich ha­be ver­sucht ei­nen Spruch zu neh­men, der zwar zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen alt ist, aber aus mei­ner Sicht ei­ne ganz ho­he Ak­tua­li­tät hat. Und ich ver­su­che im­mer die­ses The­ma – Be­kämp­fung der Kli­ma­kri­se – da­mit auch in den Wahl­kampf zu holen.
Und wir ha­ben ja zum Glück nicht nur ei­nen twit­tern­den US-Präsidenten, son­dern wir ha­ben ei­nen sei­ner Vor­gän­ger, der den schö­nen Spruch ge­sagt hat: „Wir sind die ers­te Ge­nera­ti­on, die was vom Kli­ma­wan­del merkt und die Letz­te, die was da­ge­gen tun kann.“
Und dass wir wahr­schein­lich wirk­lich die Letz­ten sind, die noch et­was da­ge­gen tun kön­nen, das müs­sen wir noch viel stär­ker unterstreichen.

Ul­rich Kel­ber po­si­tio­niert sich in­ner­halb der SPD, ins­be­son­de­re in NRW, als der Um­welt­po­li­ti­ker un­ter den Kohle-SPDlern. Greift er da­mit nicht auch ei­nes ih­rer Al­lein­stel­lungs­merk­mal ab? Wenn nun Leu­te grü­ne Po­li­tik wäh­len wol­len, kön­nen Sie Ul­rich Kel­ber wäh­len oder Sie…

Na­ja, al­so dass Uli Kel­ber aus der Um­welt­be­we­gung kommt und sich auch im­mer viel für En­er­gie­po­li­tik en­ga­giert hat, ist si­cher­lich rich­tig. Ich kann jetzt aber nicht wirk­lich er­ken­nen, wo er in den letz­ten vier Jah­ren als Mit­glied die­ser Bun­des­re­gie­rung ak­tiv et­was für den Kli­ma­schutz nach vor­ne ge­bracht hat.  Wir kri­ti­sie­ren Trump zwar im­mer da­für, dass er das Pa­ri­ser Ab­kom­men ge­kün­digt hat. Die Bun­des­re­pu­blik hat das zwar ra­ti­fi­ziert – das ist ja so­zu­sa­gen auch das Mi­ni­mum – aber sie hat kei­ne kon­kre­ten Maß­nah­men hin­ter­legt, die wirk­lich da­zu füh­ren wür­den, dass wir die Zie­le, die wir sel­ber ver­ein­bart ha­ben, auch tat­säch­lich er­rei­chen können.
Bei­spiels­wei­se ist der CO2-Ausstoß der Bun­des­re­pu­blik zwi­schen 2009 und 2017 über­haupt nicht zu­rück­ge­gan­gen. Des­halb glau­be ich, müs­sen sämt­li­che Mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung sich fra­gen, ob sie da ge­nug ge­tan ha­ben in den letz­ten Jahren.

Für die Grü­nen sind Elek­tro­au­tos nicht das „ein­zig Se­lig­ma­chen­de“ – Kat­ja Dör­ner zeigt sich tech­no­lo­gie­of­fen. (Fo­to: Mi­kes­Pho­tos, CC 0)

Es hat sehr lan­ge ge­dau­ert, die deut­sche Au­to­mo­bil­in­dus­trie da­zu zu be­we­gen, Elek­tro­au­tos her­zu­stel­len. Auf der an­de­ren Sei­te be­steht ja auch der Zwei­fel, ob Elek­tro­au­tos wirk­lich so um­welt­freund­lich sind, wie es ver­spro­chen wird. Wo ste­hen die Grü­nen beim The­ma Elektromobilität?

Es sind si­cher­lich noch nicht al­le Fra­gen ge­klärt – aber bei­spiels­wei­se die Fra­ge der sel­te­nen Er­den stellt sich viel in­ten­si­ver mit Blick auf mo­bi­le End­ge­rä­te als auf die Bat­te­rien in Elek­tro­au­tos. Ich den­ke schon, dass die Elek­tro­mo­bi­li­tät ein ganz wich­ti­ges Seg­ment ist, aber wir als Grü­ne sa­gen nicht „die Elek­tro­mo­bi­li­tät ist das ein­zig Se­lig­ma­chen­de“. Wir sind da tech­no­lo­gie­of­fen. Wir sa­gen ab 2030 Uhr sol­len kei­ne Ver­bren­nungs­mo­to­ren mehr zu­ge­las­sen wer­den, aber es gibt ja auch noch ei­ne Rei­he von an­de­ren Mög­lich­kei­ten, die in der Ent­wick­lung und in der For­schung sind, wie Was­ser­stoff­an­trie­be und an­de­re Tech­no­lo­gien. Wenn man sich aber die Ent­wick­lung im eu­ro­päi­schen Aus­land und in Ja­pan und den USA an­schaut, dann sieht man, dass die an­de­ren gro­ßen „Auto-Nationen“ sehr stark auf Elek­tro­mo­bi­li­tät set­zen und wir da wirk­lich krass hin­ter­her sind. Und ich fin­de, die­se gan­ze Fra­ge hat min­des­tens zwei Di­men­sio­nen: Die ei­ne ist die Fra­ge von Umweltpolitik/Gesundheitspolitik und die an­de­re ist ei­ne in­dus­trie­po­li­ti­sche, wirt­schafts­po­li­ti­sche Fra­ge. Wenn wir se­hen, wie die Nach­fra­ge nach deut­schen Au­to­mo­bil­mar­ken in den letz­ten Mo­na­ten ein­ge­bro­chen ist, dann muss man sich mit Blick auf hun­dert­tau­sen­de Ar­beits­plät­ze in Deutsch­land wirk­lich Sor­gen machen.
Und des­halb hal­te ich auch die­se sehr kla­re, et­was si­gnal­haf­te An­sa­ge, ab 2030 kei­ne Ver­bren­nungs­mo­to­ren mehr zu­zu­las­sen, für ab­so­lut wich­tig und rich­tig. Und das auch aus ei­ner wirtschafts- und in­dus­trie­po­li­ti­schen Per­spek­ti­ve. Die Grü­nen sind nun wirk­lich nicht be­kannt als Fans der Au­to­mo­bil­in­dus­trie, aber es ist wich­tig, dass wir die­se hun­dert­tau­sen­den Ar­beits­plät­ze auch im Land be­hal­ten und das wer­den wir si­cher nicht tun, wenn wir bei die­sen Zu­kunfts­fra­gen wei­ter am Ver­bren­nungs­mo­tor festhalten.
Die Fra­ge von In­di­vi­du­al­ver­kehr ist für uns Grü­ne aber nur ein The­ma – die In­ves­ti­tio­nen in ÖPNV sind eben­falls to­tal wich­tig und na­tür­lich wol­len wir auch ei­ne fahr­rad­freund­li­che Kom­mu­ne sein – bei­spiels­wei­se die Fra­ge, in Rad­schnell­we­ge zu in­ves­tie­ren, da kann der Bund schon et­was ma­chen. Das ist auch für die Ver­bin­dung zwi­schen Rhein-Sieg-Kreis und Bonn ei­ne to­tal at­trak­ti­ve Ge­schich­te, aber im Bun­des­haus­halt gibt’s halt ganz we­nig Geld dafür.

Schnitt­stel­le zur Di­gi­ta­li­sie­rung: ei­ner­seits Jobs und In­dus­trie er­hal­ten, an­de­rer­seits wird die Au­to­mo­bil­in­dus­trie von ei­nem Start­up ge­jagt, z.B. von Tes­la. Gibt es ir­gend­wie An­sät­ze ei­ner grü­nen Startup-Förderung, um neue Ar­beits­plät­ze zu schaf­fen in nach­hal­ti­gen, grü­nen Wirtschaften?

Wir schla­gen bei­spiels­wei­se ei­nen Grün­dungs­kre­dit für Solo-Selbständige vor. Der soll bei 25000 Eu­ro lie­gen und wir wol­len bei­spiels­wei­se auch für die ers­ten zwei, drei Jah­re nach der Grün­dung deut­lich Bü­ro­kra­tie und Be­richts­pflich­ten aus­set­zen, um Grün­dung ge­ra­de im Startup-Bereich be­son­ders at­trak­tiv zu ma­chen. Was ich aber auch wich­tig fin­de ist, dass wir mehr Mög­lich­kei­ten für ei­ne gu­te so­zia­le Ab­si­che­rung von Solo-Selbstständigen schaf­fen. Heu­te ist ja bei­spiels­wei­se der Bei­trag zur ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung oder auch zur Ren­ten­ver­si­che­rung sehr hoch.
Ich ha­be im letz­ten Herbst ei­ne Gründerinnen-Tour durch Bonn ge­macht und das war ei­ner der Punk­te, den die Leu­te am Häu­figs­ten er­zählt ha­ben: dass sie ei­gent­lich ei­ne gu­te Be­ra­tung ha­ben, dass es auch mög­lich ist, sich gut zu ver­net­zen. Aber die Fra­ge, sich auch zu ver­si­chern, sie sehr schwie­rig, so­lan­ge man noch kein ad­äqua­tes Ein­kom­men hat.
Und des­halb schla­gen wir vor, dass es mög­lich ist, sich bei­spiels­wei­se in der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung zu ver­si­chern und das zu ei­nem Ta­rif, der nicht dem heu­ti­gen Min­dest­ta­rif ent­spricht und wo der Ar­beit­ge­ber­an­teil zu­min­dest über­gangs­wei­se vom Staat über­nom­men wird.

Grün­de­rin­nen ha­ben sie ge­ra­de an­ge­spro­chen und da­von gibt’s ja noch sehr we­ni­ge. Und wenn man dann noch mal zwei Schrit­te wei­ter schaut fin­det man beim The­ma In­ves­to­rin­nen schon fast gar kei­ne mehr.
Was kön­nen die Grü­nen da in Sa­chen Di­ver­si­tät und Gleich­be­rech­ti­gung tun?

Ich den­ke es gibt schon sehr vie­le Grün­de­rin­nen, je­doch viel­leicht nicht in dem Be­reich, den man so klas­sisch mit Start-Ups ver­bin­det. Aber im so­zia­len Be­reich und auch im Text-Bereich gibt es sehr vie­le Grün­de­rin­nen. Ich glau­be an der Stel­le ist es wirk­lich wich­tig, Ver­net­zung un­ter Frau­en, Mentoring-Programme zwi­schen er­folg­rei­chen Grün­de­rin­nen und Frau­en, die sich selbst­stän­dig ma­chen wol­len, noch stär­ker zu fördern.

Ist es nicht auch wich­tig, dass ge­ra­de in der Di­gi­tal­bran­che mehr Frau­en ver­tre­ten sind,
weil die wie­der­um Tech­no­lo­gie mit ei­nem an­de­ren Blick­win­kel er­schlie­ßen und an­de­re Be­dürf­nis­se er­ken­nen kön­nen als Männer?

Das wür­de ich auf al­le Fäl­le un­ter­schrei­ben. Das ha­ben wir ja nicht nur in dem Be­reich, son­dern im gan­zen MINT-Bereich. Da­bei wä­re die­se Aus­ge­gli­chen­heit viel­ver­spre­chen­der – al­le in­ter­na­tio­na­len Stu­di­en zei­gen ja: je di­ver­ser ein Team zu­sam­men­ge­stellt ist, des­to er­folg­rei­cher und des­to we­ni­ger kri­sen­an­fäl­lig ist es. Aber man kann nicht im­mer al­les mit der Quo­te regeln.

Wor­an liegt es denn, dass Frau­en sich in der Tech­no­lo­gie nicht so zu Hau­se füh­len? Ist es ir­gend­wie das Bild des Nerds oder feh­len die Vor­bil­der in dem Bereich?

Ich fin­de es im­mer in­ter­es­sant zu se­hen, dass bis zu ei­nem be­stimm­ten Al­ter das Ge­schlecht in sol­chen Fra­gen kaum ei­ne Rol­le spielt. Noch in der Grund­schu­le sind Jungs und Mäd­chen ja völ­lig glei­cher­ma­ßen an Ex­pe­ri­men­ten und ei­ner na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Her­an­ge­hens­wei­se in­ter­es­siert. Erst in der wei­ter­füh­ren­den Schu­le kommt dann ein Gap. Wor­an das ge­nau liegt, wa­ge ich auch nicht zu sa­gen. Ich glau­be, was man in dem Al­ter als Mäd­chen tat­säch­lich braucht ist ei­ne be­son­de­re An­spra­che. Es gibt auch in Bonn wei­ter­füh­ren­de Schu­len, die in der Mit­tel­stu­fe in be­stimm­ten Un­ter­richts­fä­chern auch ge­schlech­ter­ge­trenn­ten Un­ter­richt ge­macht. Das ist gilt als biss­chen old­school und ist um­strit­ten, aber es führt tat­säch­lich da­zu, dass die Mäd­chen deut­lich lie­ber Ma­the, Phy­sik und Che­mie machen.
Und das lässt die Ver­mut­zung zu, dass es schon da­mit zu­sam­men­hängt, dass in ge­mein­sa­men Klas­sen die Mäd­chen sich von den Jungs in die­sen Fra­gen viel­leicht auch ein biss­chen un­ter­ge­but­tert füh­len. Des­halb muss man päd­ago­gisch, auch auf ei­ne ge­schlech­ter­ge­rech­te An­spra­che in die­sen Fel­dern achten.
Wo­von ich ja so­wie­so über­zeugt bin ist, ganz früh da­mit an­zu­fan­gen, Spaß am For­schen und am Ex­pe­ri­men­tie­ren zu vermitteln.

Was wol­len denn die Grü­nen ge­ne­rell noch in Sa­chen Bil­dung un­ter­neh­men die nächs­ten Jahre?

Was den Bil­dungs­be­reich an­geht, fin­de ich es bei­spiels­wei­se schon mal sehr wich­tig, dass man die Ki­ta auch ver­stärkt als Bil­dungs­be­reich sieht.
Wir ha­ben in vie­len Bun­des­län­dern ei­ne ganz schlech­te Fachkraft-Kind-Relation in den Grup­pen. Des­halb sa­gen wir: wir wol­len auf Bun­des­ebe­ne dies­be­züg­lich ei­nen Min­dest­stan­dard fest­schrei­ben, um da­mit die Qua­li­tät zu steigern.
In der schu­li­schen Bil­dung hat der Bund ja ak­tu­ell so gut wie gar kei­ne Ein­griffs­mög­lich­kei­ten oder Ein­fluss­mög­lich­kei­ten und wir sind wei­ter­hin der Mei­nung, dass man un­be­dingt die­ses un­säg­li­che Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot, das es seit 2007 im Grund­ge­setz gibt, ab­schaf­fen soll­te. Selbst wenn der Bund mit den Bun­des­län­dern ge­mein­sam ein gu­tes Pro­gramm auf­le­gen wol­len wür­de, dann wür­de er das gar nicht dür­fen, was ja to­tal ab­surd ist. Bei­spiels­wei­se hat die rot-grüne Bun­des­re­gie­rung vor 2005 ein Vier-Milliarden Pro­gramm für den Ganztagsschule-Ausbau aufgelegt.
Al­le of­fe­nen Ganz­tags­grund­schu­len in Bonn sind räum­lich da­für aus­ge­stat­tet wor­den, sonst hät­ten die Kom­mu­nen das nie­mals hin­ge­kriegt. Und so ein Pro­gramm dürf­te man heu­te gar nicht mehr ma­chen. Aber das fin­den wir to­tal ab­surd, des­halb wür­den wir die­ses Kooperations-Verbot ger­ne wie­der abschaffen.

Auf Bun­des­ebe­ne ei­nen Fachkraft-Mindeststandard ein­füh­ren, um die Fachkraft-Kind-Relation zu ver­bes­sern – so Kat­ja Dör­ners For­de­rung im Be­reich Bil­dung.
(Fo­to: StockS­nap, CC 0)

Und es zeigt sich üb­ri­gens auch mit Blick auf Di­gi­ta­li­sie­rung: die Bil­dungs­mi­nis­te­rin hat ja groß­ar­tig ei­nen Di­gi­tal­pakt von 5 Mil­li­ar­den Eu­ro für die Schu­len an­ge­kün­digt. Sie hat auch über­all schon sug­ge­riert, dass es das so schon gä­be – der Fi­nanz­mi­nis­ter hat aber noch kei­nen Cent da­für lo­cker­ge­macht. Das zwei­te Pro­blem ist, dass wir in un­se­rem Grund­ge­setz jetzt ziem­lich ver­zwei­felt nach ei­nem An­ker su­chen müs­sen, um die­ses Geld über­haupt von hin­ten durch die Brust ins Au­ge an die Schu­len zu geben.
Und wenn wir die­ses blöd­sin­ni­ge Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot nicht hät­ten, könn­ten wir ein­fach ein ganz ver­nünf­ti­ges Bun­des­pro­gramm ma­chen, die Län­der könn­ten das an die Schu­len wei­ter­ge­ben und wir hät­ten die­ses Pro­blem gar nicht. So ei­nen Di­gi­tal­pakt fin­den wir üb­ri­gens auch wich­tig – und die gan­ze Fra­ge von Breit­band­aus­bau ist na­tür­lich auch für die Schu­le zen­tral. Wir le­gen den Schwer­punkt auf den Breit­band­aus­bau in den nächs­ten Jah­ren. Wenn man sich an­schaut, wie krass wir da in den letz­ten Jah­ren ins Hin­ter­tref­fen ge­kom­men sind, dann kann mir auch kei­ner aus der gro­ßen Ko­ali­ti­on er­zäh­len, dass Di­gi­ta­li­sie­rung ir­gend­wie ei­ne grö­ße­re Rol­le ge­spielt hät­te in den letz­ten Jah­ren. Da muss jetzt wirk­lich rich­tig But­ter bei die Fi­sche – und üb­ri­gens auch ins­be­son­de­re für den länd­li­chen Raum.

Die Grü­nen gal­ten doch mal ei­ne Zeit lang als Vor­rei­ter in Sa­chen Di­gi­tal­po­li­tik und hat­ten sich da auch sel­ber auf­ge­stellt als di­gi­ta­le Par­tei. Das scheint nun nicht mehr so – die FDP scheint das The­ma hin­ge­gen für sich ent­deckt zu ha­ben, die nun förm­lich die „Be­ta Re­pu­blik Deutsch­land“ ausruft.

Zwi­schen Din­ge an­kün­di­gen und Din­ge um­set­zen lie­gen schon noch ziem­lich gro­ße Wel­ten. Ich fin­de, die Bun­des­re­gie­rung hat in den letz­ten Jah­ren viel zu we­nig in dem Be­reich ge­macht. Und wir wa­ren im Bun­des­tag von den Op­po­si­ti­ons­par­tei­en auf al­le Fäl­le die, die im Be­reich Di­gi­ta­li­sie­rung über­haupt Vor­schlä­ge ge­macht und The­men ge­setzt ha­ben – üb­ri­gens in ganz vie­len un­ter­schied­li­chen Be­rei­chen, wie Ge­sund­heits­po­li­tik bei­spiels­wei­se, die ja auch von den Mög­lich­kei­ten der Di­gi­ta­li­sie­rung kom­plett um­ge­krem­pelt wird. Da ha­ben wir als Grü­ne ei­gent­lich die am wei­tes­ten ge­hen­den Vor­schlä­ge ge­macht. Üb­ri­gens nicht nur mit Blick auf das, was al­les mög­lich ist, son­dern tat­säch­lich auch mit Blick dar­auf, wel­che Si­cher­heits­stan­dards man in dem Be­reich braucht. Das FDP-Plakat „Di­gi­tal first, Be­den­ken se­cond“ bei­spiels­wei­se mag viel­leicht pep­pig rü­ber­kom­men, ist aber für kon­kre­te Po­li­tik to­tal un­ter­kom­plex. Ich wür­de wei­ter­hin sa­gen „erst den­ken, dann sprechen“.

Ist es auf ei­ne ge­wis­se Art und Wei­se viel­leicht nach­hal­ti­ger wenn ich per Online-Shopping Wa­re be­stel­le? Dann krie­ge ich die Sa­chen im­mer­hin nach Hau­se ge­lie­fert von ei­nem Au­to, das viel­leicht so­gar schon elek­trisch fährt. Das wird al­les durch ir­gend­wel­che hoch­ef­fi­zi­en­te La­ger so­fort zu mir ge­fah­ren und nicht erst über Zwi­schen­händ­ler. Und ich fah­re dann nicht mit mei­nem Diesel-Wagen in die In­nen­stadt, um es abzuholen.
Müss­ten die Grü­nen nicht ei­gent­lich für den On­line­han­del sein? Sind sie das oder nicht?

Wir schrei­ben je­den­falls nie­man­den vor, wo man sei­ne Wa­ren ein­zu­kau­fen hat. Ich glau­be, das ist ein Bild von den Grü­nen, das sich manch­mal ir­gend­wie trans­por­tiert, ob­wohl es gar kei­nen rea­len Hin­ter­grund hat. Es ist na­tür­lich schon die Fra­ge von At­trak­ti­vi­tät von In­nen­städ­ten, aber man sieht ja bei­spiels­wei­se auch in Bonn, dass ei­ne at­trak­ti­ve In­nen­stadt sehr wohl ge­wahrt wer­den kann, mit un­ter­schied­li­chen An­ge­bo­ten und, dass das Ganz auch gut mit On­line­shop­ping ein­her­ge­hen kann. Al­so, ich se­he jetzt gar nicht so stark ein Ge­gen­ein­an­der die­ser Punk­te. Am ehes­ten kri­tisch sind für mich die Ar­beits­be­din­gun­gen – mit Blick auf die Men­schen, die Wa­ren aus­lie­fern oder in den Ver­pa­ckungs­sta­tio­nen ar­bei­ten. Sol­che Be­den­ken muss man aber bei Be­schäf­ti­gen im Ein­zel­han­del der In­nen­stadt auch ha­ben. In vie­len Be­rei­chen liegt es ja auf der Hand, dass es on­line viel ef­fi­zi­en­ter ist – der Punkt e-Government zum Bei­spiel: was man sich al­les an Be­hör­den­gän­gen spa­ren könn­te, wenn man das ein­fach selbst im In­ter­net ma­chen könn­te – und die Mög­lich­kei­ten da­zu gibt es ja mitt­ler­wei­le. Al­so was man da wirk­lich an ner­vi­ger Zeit spa­ren könn­te, da se­he ich über­haupt nicht die Bedenken.

Wie schaf­fen es die Grü­nen jetzt noch­mal wirk­lich sicht­bar zu werden?

In den nächs­ten Jah­ren muss der Schal­ter an vie­len Stel­len um­ge­legt werden.
Im Be­reich Flücht­lin­ge bei­spiels­wei­se: wir wer­den auf je­der Po­di­ums­dis­kus­si­on hier in Bonn ge­fragt, wie wir Flucht­ur­sa­chen be­kämp­fen kön­nen. Ich fin­de, dann müs­sen wir erst­mal auf­hö­ren, sel­ber ei­ne Flucht­ur­sa­che zu sein. Und das ist schon ei­ne Rol­le, die die Grü­nen im Par­tei­en­spek­trum ha­ben, die gro­ßen Din­ge eben auch zu­sam­men­zu­den­ken. Al­so nicht nur zu über­le­gen, wie schaf­fen wir es, dass nicht mehr so vie­le Men­schen im Mit­tel­meer er­trin­ken, son­dern auch kei­ne Klein­waf­fen mehr zu ex­por­tie­ren, ei­ne fai­re­re Land­wirt­schaft zu ha­ben, die es den Bau­ern in Afri­ka er­mög­licht auch bei sich vor Ort noch ge­nug zu er­wirt­schaf­ten. Und ich glau­be, wenn das mit der Kli­ma­kri­se so wei­ter­geht, wer­den wir noch viel mehr Kli­ma­f­lücht­lin­ge auch ha­ben. Das se­he ich wirk­lich als ei­ne Rol­le der Grü­nen auch in den nächs­ten Jah­ren – die gro­ßen Strän­ge wie­der mehr in den Fo­kus zu stel­len und im­mer mehr deut­lich zu ma­chen, dass die­se Din­ge auch mit­ein­an­der zu­sam­men­hän­gen und, dass es auf kom­ple­xe Fra­gen in ei­ner kom­ple­xen Welt nicht im­mer die ei­ne ein­fa­che Ant­wort gibt. Und wenn uns das ge­lingt, dann ha­ben wir auf al­le Fäl­le Ideen, um uns sehr gut im po­li­ti­schen Feld zu behaupten.

Zum Ab­schluss noch­mal ein paar ty­pisch grü­ne Fra­gen: wol­len die Grü­nen so­fort aus der Koh­le­kraft aussteigen?

Bis 2030 Uhr kom­plett raus und in den nächs­ten vier Jah­ren die 20 dre­ckigs­ten Kraft­wer­ke ab­schal­ten, das ist der Plan, ja.

Und dann krie­gen wir über­all Stromtrassen?

An ei­ni­gen Stel­len brau­chen wir tat­säch­lich zu­sätz­li­che Strom­tras­sen, dar­um wer­den wir nicht her­um­kom­men. Üb­ri­gens auch, wenn wir die gan­zen La­de­sta­tio­nen ha­ben wol­len, die wir für die Elek­tro­mo­bi­li­tät auch drin­gend brauchen.

Wie ste­hen Sie zum The­ma Sharing Eco­no­my, bei­spiels­wei­se mit Be­zug zu Car­sha­ring? Ver­hin­dert die Lie­be zum Be­sitz nicht ei­ne viel ef­fi­zi­en­te­re Nut­zung von Autos?

Hier ha­be ich auch das Ge­fühl, dass un­heim­lich viel in Be­we­gung kommt und ich glau­be auch tat­säch­lich, dass sich „der Deut­sche mit sei­ner Lie­be zum ei­ge­nen Au­to“ kul­tu­rell ex­trem wan­deln muss, aber auch wan­deln wird. Die­se kul­tu­rel­le Fra­ge fin­de ich mit Blick auf Ver­kehrs­wen­de und Di­gi­ta­li­sie­rung im Ver­kehrs­be­reich auch ex­trem span­nend. Es wird die Zeit kom­men, dass es viel prak­ti­scher und be­que­mer ist, mir per App je­der­zeit ein Au­to vor die Haus­tür zu be­stel­len – da­zu braucht man auch kei­nen Park­platz mehr. Ich den­ke, dass das so at­trak­tiv sein wird, dass wir uns da kul­tu­rell weiterentwickeln.

Und wenn dann die Mo­bi­li­tät nicht ab­nimmt, son­dern weil sie so be­quem und ein­fach ist, je­der um zum Brief­kas­ten zu kom­men ins Au­to steigt – und der Ver­kehr ins­ge­samt wei­ter zunimmt?

Ge­gen die­se The­se spricht, dass heu­te Leu­te so­wie­so schon mit ih­rem Die­sel­fahr­zeug zum Brief­kas­ten fah­ren – lei­der. Ich kann nur sa­gen, dass die Stu­di­en, die ich ken­ne, da­von aus­ge­hen, dass es zu ei­ner Re­du­zie­rung des Ver­kehrs­auf­kom­mens im In­di­vi­du­al­ver­kehr rechnen.

Vie­len Dank für das Gespräch.

 

Das In­ter­view führ­te Sa­scha Foerster.

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