Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem

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Bundestagswahl 2013: Die Bonner Direktkandidatin Katja Dörner (MdB) im Gespräch über Rechtsansprüche in der Tagespflege, eine Stärkung so genannter Frauenberufe und eine Quotierung in Führungsebenen

(Ausschnitte wurden am 17.09.2013 auf Campus Web erstveröffentlicht.)

Sie schaffte es zum zweiten Mal auf Platz fünf der Grünen Landesliste für NRW. Katja Dörner tritt so seit September eine zweite Amtsperiode im Bundestag an. Die 37-jährige ehemalige Magisterstudentin der Uni Bonn traf ich in ihrem Bonner Wahlkreisbüro. Mit der Politikerin spreche ich unter anderem über ihr ungewöhnliches Wahlkampfplakat, die Möglichkeit einer Koalition mit den Linken, Vorwürfe politischer Gegner, Kürzungen bei Förderprogrammen für Akademiker, neue Rechtsansprüche in der Tagespflege, Möglichkeiten der Stärkung so genannter Frauenberufe, die Quotierung und über Bundestagspraktika bei den Grünen für Studierende.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, im Wahlkampf ein so ungewöhnliches Wahlplakat einzusetzen, auf dem eine ganze Menschenansammlung comichaft skizziert wird?Traveler Z 14

Katja Dörner: Ein Kopfplakat mit meinem Gesicht und einem Slogan wäre mir zu langweilig gewesen, denn das machen immer alle. Das Plakat sollte auffallen und die Leute sollen darüber auch durchaus kritisch reden und darüber stolpern. Ich bekomme viel positives und auch durchaus negatives Feedback zu dem Plakat. Mir war wichtig, dass ich mit diesem Plakat eine Botschaft transportiere, die lautet – klar, ich bin die Kandidatin, deshalb stehe ich auch im Vordergrund mit der Fahne, aber Politik wird nicht von einer Person gemacht. Ich bin nicht die Einzelkämpferin in Berlin, sondern ich vertrete die Grünen aus Bonn. Ich vertrete die Bonnerinnen und Bonner in Berlin. Deshalb habe ich zum einen meine grünen KollegInnen aus dem Stadtrat, aus dem Kreisvorstand, Funktionsträger bei den Grünen und auch bei der grünen Jugend gefragt, ob sie mit abgebildet werden wollen. Unser Landtagsabgeordneter Rolf Beu und Eike Block, der im Landesvorstand ist, sind auf dem Plakat mit drauf. Es sind auch ganz viele Grünen-Mitglieder abgebildet, die keine Funktion haben, sondern die es einfach mal cool fanden, auch auf dem Wahlplakat zu sein. Es ging mir darum, das grüne Team in Bonn darzustellen.

Aber diese Personen sind kaum erkennbar. Und dann gibt es da ja noch eine Katze und einen Barcode?

Die Katze ist auch einfach ein bisschen witzig und ironisch gemeint. Es gab die Kritik, dass das Ganze ein bisschen marxistisch-leninistisch aussehe – Diese Vorstellung wollten wir auch mit einem Augenzwinkern bedienen. Wir haben gewisse künstlerische Verfremdungseffekte mit darauf genommen und dazu gehört die Katze. Dazu gehören auch die Strahlen im Hintergrund, die keine klassisch sozialistischen Strahlen sind, sondern unsere Sonnenblume, wenn man näher darauf guckt. Der Barcode führt auf meine Homepage, wenn Leute sich eingehender informieren wollen gibt es dort auch einen Film zum Plakat. Also insgesamt ist es ein künstlerisches Plakat geworden mit sehr viel coolen Details. Ich glaube, es hat unserem Kreisverband Spaß gemacht, dieses Plakat zu entwerfen. Ansonsten sollte man Plakate auch nicht so überbewerten.

Geklebt wird auf Ihre Wahlplakate mitunter der Aufkleber „Die Grünen – Hartz VI-Einführung, Zustimmung zum Kosovo-Einsatz der NATO, Liberalisierung der Finanzmärkte (Hedge-Fonds) u.a. – Ich lass mich doch nicht verarschen!“ Was sagen Sie dazu?

Man freut sich nie, wenn Plakate durch Aufkleber, Inschriften und Ähnliches optisch nicht unbedingt verbessert werden. Mit inhaltlicher Kritik muss man sich natürlich auseinandersetzen. Gerade im Bereich der Finanzmarktregulierung haben die Grünen in der zweiten grünen Legislaturperiode auch Fehler gemacht und an bestimmten Stellen die Weichen mit falsch gestellt. Das muss man selbstkritisch analysieren. Ich denke, meine Partei hat in den letzten Jahren der Opposition viel dafür getan neu zu bewerten, was in der Zeit der Regierungsperiode gut war und was Dinge sind, wo wir unsere Ziele nicht haben weiter verfolgen können oder wo sich Sachverhalte in die falsche Richtung hin entwickelt haben. Gerade im Bereich der Sozialpolitik vertreten wir heute an bestimmten Stellen andere Positionen, nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen, die wir mit Reformen gemacht haben, beispielsweise in punkto Mini-Jobs. Was man damals als Chance mit den Mini-Jobs verbunden hat, ist so nicht eingetreten. Minijobs haben sich dahingehend entwickelt, dass sie ausgenutzt werden. Sie werden zu Armutsfallen insbesondere für Frauen. Das war sicher nicht die Intention, die wir damals mit Mini-Jobs verbunden haben. Deshalb muss man heute sagen, so wollen wir das nicht. Wir wollen die Mini-Jobs deutlich einschränken. Es ist schade, wenn solche Aufkleber auf die Plakate geklebt werden. Dann kann man sich mit den Menschen, die das machen, letztendlich inhaltlich nicht auseinandersetzen, sondern sieht nur die Aufkleber. Ich fände es besser, wenn die Leute mal zu einer unserer Mitgliederversammlungen kämen oder zu einer unserer Wahlkampfveranstaltungen und mit mir oder unseren Spitzenkandidaten Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckhardt, die hier in Bonn waren, darüber diskutieren, was schlecht gelaufen ist und was man heute besser machen könnte und würde. So eine Diskussion findet natürlich nicht statt, wenn man einfach einen Aufkleber auf ein Plakat pappt.

Die Linken bieten in Bonn eine Hartz VI-Beratung an. Warum tun die Grünen dies nicht?

Wir machen nicht explizit ein öffentliches Angebot dafür. Wir machen aber auch Beratung, insbesondere auf der Ebene der Ratsfraktion. Bei Problemen mit der ARGE, aber auch wenn es um den Kitabereich oder den Schulbereich geht wenden sich sehr viele Bürger an uns mit ganz konkreten Problemen und da beraten wir auch. Ich mache auch eine Bürgersprechstunde. Jeder Bürger und jede Bürgerin, die mit mir über ihre persönlichen Belange sprechen und einen Termin haben möchte, bekommt bei mir auch einen Termin.

Das seit 2006 erfolgreiche Angebot „Akademiker qualifizieren sich für den Arbeitsmarkt“ (AQUA) der in Bonn ansässigen Otto-Benecke-Stiftung wird diesen Monat durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung beendet. Welche Alternativangebote für langzeitarbeitslose Hochschulabsolventen gibt es?

Man darf ein solches Programm nicht einfach ersatzlos auslaufen lassen, weil es für diese besondere Zielgruppe sehr gut zugeschnitte Angebote bietet. Ich fände es grundsätzlich falsch, wenn die Expertise, die man sich in den letzten Jahren mit dem AQUA-Programm angeeignet hat, verloren ginge. Die Frage fällt in den Zuständigkeitsbereich von Arfst Wagner, meinem Kollegen aus dem Bildungsausschuss. Wir sind uns einig, dass es keinen Sinn macht dieses Programm nicht weiter zu finanzieren. Insofern ist es gut, dass er sich da hinter klemmt. Die Entscheidung der Streichung scheint jedoch schon getroffen worden zu sein. Es ist häufig ein Problem, dass wir Parlamentarier relativ spät darüber informiert werden, wenn beispielsweise gute Förderprogramme nicht weitergeführt werden. Leider informieren uns auch die Träger und die Stiftungen häufig nicht frühzeitig. Dann kann man als Parlamentarierin oder Parlamentarier häufig nichts mehr tun. Wenn man hingegen frühzeitig davon erfährt, kann über das Parlament entsprechender Druck gemacht und darauf hingewiesen werden, was bestimmte Programme auch an positiver Wirkung erzielt haben. Bevor man jetzt Alternativangebote neu konstruiert, sollte man die Angebote die man hat, weiter fördern. Auf der anderen Seite geht es bei der Kürzung natürlich auch darum für Akademikerinnen und Akademiker mit Migrationshintergrund besondere Angebote zu schaffen, aber das sollte man in die bestehenden Angebote einbinden. Da sollte bei bestimmten Angeboten eine Spezifik für Akademiker mit Migrationshintergrund integriert werden. Es soll jetzt mit Mitteln aus dem europäischen Strukturfonds (ESF) ein neues Programm aufgelegt werden. Da müssen wir im Bundestag im Auge behalten, welche Schwerpunkte gesetzt werden.

Würden die Grünen mit den Linken eine rot-rot-grüne Koalition eingehen?

Wir haben in vielen Bereichen breite inhaltliche Übereinstimmungen mit den Linken, mit der SPD natürlich am meisten. Ich bin selber auch Mitglied im Institut Solidarische Moderne, das eine Art Denkfabrik für Rot-Rot-Grüne Perspektiven ist. So wie ich die Linke jetzt und auch die Fraktion der Linken im Bundestag in den letzten Jahren wahrgenommen habe, ist mein Eindruck, dass das eigentlich zwei Parteien sind. Diese sind dermaßen damit beschäftigt, sich untereinander zu bekriegen, dass ich nicht wüsste, wie man da ein verlässliches Bündnis hinbekommen sollte. Da bin ich selber ausgesprochen skeptisch und würde davon ausgehen, dass das nicht gelingt. Wenn man eine Regierungsmehrheit zusammenstellen möchte, dann muss man natürlich Fraktionen haben, die in ihrer Gänze oder zumindest in ihrer breiten Mehrheit hinter den Kompromissen stehen, die man in Koalitionsverhandlungen aushandelt und das halte ich bei den Linken für nicht gegeben.

Die Linken werfen unter anderem auch den Grünen vor, dass sie in Fragen der Klima-Politik und erneuerbaren Energien mit Lobby-Organisationen zusammenarbeiten würden. Machen die Grünen Zugeständnisse an die großen Energiekonzerne?

Das halte ich für ganz großen Humbug. Welche Lobby-Gruppen im Klima-Bereich sollen uns angeblich unterstützen? Wir Grünen werden gerade von den großen Energiekonzernen in unseren Forderungen für die Energiewende nicht unterstützt, weil es uns darum geht, die Erneuerbaren massiv auszubauen und weil wir eine Energiewende in Bürgerhand wollen. Das entspricht natürlich nicht den Interessen der großen Energiekonzerne. Und das bekommen wir selbstverständlich zu spüren. Die großen Energiekonzerne unterstützen die CDU, die FDP und auch die SPD, die ja weiter auf Kohlekraftwerke setzt. Ich würde uns zu denen zählen, die mächtig Gegenwind haben von den großen Lobbys, insbesondere im Bereich der Energiepolitik.

Machen sich die Grünen mit dafür stark, dass das Gesetz für Rentenanwartschaften für Kinder vor 1992 pro Kind sich auf eine dreijährige Kindererziehungszeit und somit auf drei Rentenpunkte auf dem Rentenkonto summiert, oder werden diese geburtenstarken Jahrgänge weiterhin benachteiligt? Wird Angela Merkel hier ihr Versprechen einer Mütterrente nach den Wahlen umsetzen?

Die Stichtagregelung mit 1992 ist ungerecht, weil es die Mütter mit Blick auf die Rente unterschiedlich behandelt, je nachdem wann sie ihre Kinder geboren haben. Da gibt es keinen rational nachvollziehbaren Grund für. Es ist auf alle Fälle wichtig, die Mütter in der Rente besserzustellen. Das unterstützen wir. Als Alternative zum Vorschlag einer „Mütterrente“ von der CDU plädiere ich für unser Modell der Garantierente. Denn viele Frauen, die ihre Kinder vor 1992 geboren haben, wären durch die Anpassung mit den zusätzlichen Rentenpunkten immer noch auf einem Niveau unterhalb der Grundsicherung und noch unter der derzeitigen Grenze für die Mindestrente. Unsere Garantierente besagt hingegen, dass jeder und jede, die 35 Jahre berufstätig war – und dazu zählt eben die Erziehung von Kindern, Pflege von Angehörigen und Zeiten von Arbeitslosigkeit – mindestens 850 Euro Garantierente bekommen soll. Damit wäre einer großen Gruppe von Müttern, die heute benachteiligt sind, mehr geholfen als durch eine Angleichung der Punktezahl. Ich bin zudem sehr skeptisch dahingehend, ob Merkel ihr Versprechen der Mütterrente einlöst, weil die CDU das 2009 genauso schon als Versprechen in ihr Wahlprogramm aufgenommen hatte und nach der Wahl davon keine Rede mehr war.

Sie sind ja Kinder- und familienpolitische Sprecherin der Grünen. Was ist für Sie Familie?

Für mich ist Familie da, wo auch Kinder sind und wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Wir Grünen haben einen relativ breiten Familienbegriff. Der Trauschein ist für mich ganz bestimmt nicht die Voraussetzung dafür Familie zu sein. Familie sind natürlich auch Alleinerziehende, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien.

Obwohl es zu wenige Kita-Plätze im Umkreis gibt, werden nur 4,50 Euro pro Stunde pro Kind von der Stadt beim Lohn einer Tagesmutter finanziert. Warum wird Tagesmüttern durch die neue Satzung über die Förderung der Tagespflege ihr Beruf schwer gemacht?

Der Rechtsanspruch darauf, dass man einen Platz für unter 3-jährige Kinder erhält, trat zum 1. August diesen Jahres in Kraft. In diesem Zusammenhang wurde bundesgesetzlich festgelegt, dass Plätze in der Tagespflege und in der Kita als gleichwertig zu betrachten sind. Es war in dem Zusammenhang notwendig auch in der Stadt Bonn eine Satzung bezogen auf die Kosten in der Tagespflege zu machen. Bevor die Satzung gemacht wurde, waren die Kosten für Eltern, die ihr Kind in der Tagespflege hatten, deutlich höher, als wenn die Kinder in der Kita waren. Aus Sicht der Eltern ist die Vereinheitlichung ein guter Schritt. Insgesamt finanziert die Stadt die Tagespflege nun mit einer deutlich höheren Summe als vorher. Auf der anderen Seite gibt es nun die Deckelung. Vorher konnten Tagespflegepersonen weitgehend frei entscheiden, wie viel sie pro Kind pro Stunde nehmen. Jetzt sind es die 4,50 Euro. Das ist aus Sicht der Stadt ein Satz mit dem die Tagespflegeperson ein auskömmliches Einkommen hat, wenn sie eine Gruppe von fünf Kindern, wie dies maximal erlaubt ist, betreuen.

Halten sie denn den Aufwand, den selbstständige Tagesmütter auch damit haben, dass sie den Kindern meist eigene Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, gegenüber dem bescheidenen Stundenlohn für angemessen?

Die Tagespfleger erhalten zusätzlich zu ihrem Stundensatz noch das Essensgeld und Geld für Pflegemittel für die Kinder. Das ist natürlich nicht üppig. Wir müssen grundsätzlich dahin kommen, den Beruf der Tagespflege deutlich aufzuwerten. Da gehen die Bezahlung und die Qualifizierung mit einher. Wir befinden uns insgesamt in einer Übergangssituation. Deutschland ist, was den Ausbau der Kinderbetreuung betrifft, immer noch ein Entwicklungsland. Auch die Tagespflege hat in Deutschland noch keine Tradition. In Frankreich ist die Tagespflege hingegen ein ganz anerkannter Beruf, der sich über Jahrzehnte entwickelt hat. Dahinter steht eine Ausbildung. Auch die Stadt Bonn startet in der Tagespflege relativ neu. Es wird verstärkt auf die Qualifikationen geachtet. Fragen, wie mehr Kontinuität gewährleisten werden kann, gewinnen an Bedeutung. Es geht nicht, dass Eltern keinen Ersatz haben, wenn eine Tagespflegeperson erkrankt. In der Kita passiert das nicht, weil die Kita Krankheitsfälle ausgleichen und regeln kann. Das war bei Tagespflegepersonen bisher nicht so. Die Stadt ist gerade dabei, gemeinsam mit den Tagespflegepersonen Netzwerke zu entwickeln, damit es auch Vertretungen gibt, falls eine Tagespflegeperson krank ist. Das sind verschiedene Aufgaben, die in der Kommune auf der Tagesordnung stehen.

Erhalten private Träger ohne Pflegeerlaubnis, die Kinder ohne Kita-Platz betreuen, staatliche Subventionen?

Nein. Frühkindliche Bildung und Förderung ist eine öffentliche Aufgabe, deren Rahmenbedingungen und Qualitätsstandards im Bundesgesetz und Landesgesetz verankert sind. Hier wird genau dargelegt, welche Standards ein Träger erfüllen muss, um eine finanzielle Förderung zu erhalten. Bei öffentlichen Trägern darf es nicht um eine Gewinnorientierung gehen, sondern es geht um eine gemeinnützige Tätigkeit. Es gibt eine große Diskussion darüber, ob man einen Markt für private Anbieter im Kita-Bereich schafft. Ich bin da skeptisch, weil frühkindliche Bildung eine öffentliche Aufgabe ist. Kitas sind Bildungseinrichtungen. Bei Grundschulen hätten wir eine solche Debatte nicht.

Gibt es Überlegungen, den Erzieherberuf durch bessere Entlohnung und Arbeitsbedingungen aufzuwerten und diesen Beruf zu stärken, da es zu wenig Erzieher gibt? Oder wurden bisher nur Gruppengrößen von Kindern vergrößert?

Wir brauchen eine Aufwertung dieses Berufsbildes. Das muss mit besserer Bezahlung, höherer Wertschätzung und besseren Arbeitsbedingungen einhergehen. Im Bereich der Ausbildung sollten wir mittelfristig dahin kommen, dass zumindest die Leitungskräfte über eine Fachhochschulausbildung verfügen. Die Aufgaben der Erzieherinnen und Erzieher haben sich deutlich gewandelt, was beispielsweise Anforderungen im Bereich der Sprachförderung oder interkulturellen Kompetenz angeht. Es gibt eine ganze Bandbreite neuer Ausbildungsinhalte, die vor dreißig Jahren noch keine Rolle gespielt haben. In den letzten Jahren wurde mehr und mehr erkannt, wie wichtig frühe Förderung mit Blick auf mehr Chancengleichheit für Kinder ist. Gerade für Kinder, die in ihrem Elternhaus wenig Förderung erfahren, ist es wichtig, gut ausgebildetes Personal in den Kitas zu haben. Ich halte es für eine ganz große, wichtige und vordringliche Aufgabe, den Beruf zu stärken.

Wie könnte eine Stärkung der Berufsverbände und der Lobby der Erzieher denn genau aussehen?

Wir können Berufsgruppen nur durch politische Rahmenbedingungen auf kommunaler Ebene oder Ebene der Länder beispielsweise mit Blick auf eine bessere Entlohnung stärken. Aber die Organisation der Gruppen muss aus den Gruppen selber kommen. Ich würde mir natürlich wünschen, dass sich die Erzieherinnen und Erzieher als eigene Fachgruppen in den Gewerkschaften gut organisieren. Nur dann kann man in Tarifverhandlungen auch gut auftreten und für sich eine bessere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen einfordern.

Wären dies nicht auch mal Themen für die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ im Bundestag – bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Entlohnung für sogenannte Frauenberufe wie etwa auch Friseure, Altenpfleger, Krankengymnasten oder Logopäden?

Was die Gruppen betrifft, die Sie genannt haben, haben wir kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Das etwa Erzieherinnen und Erzieher ein höheres Einkommen haben sollten, ist eine Binsenweisheit. Jeder würde sagen, dass sollte so sein. Man braucht eine Stärkung des Themas in der politischen Öffentlichkeit. Bei Enquete-Kommissionen muss man aufpassen, dass man sich nicht davor drückt, die Dinge, die man eigentlich weiß, auch endlich mal umzusetzen.

Was nutzt eine Quotierung, wenn viele Frauen zum Beispiel keinen Schulleitungsposten in Grundschulen besetzen wollen?

Das ist keine Frage der Quote, weil die Schulleitungsstellen insbesondere im Grundschulbereich aufgrund der Rahmenbedingungen nicht besonders attraktiv sind. Gerade im Grundschulbereich hat die Leitung viele Aufgaben, die über den Unterricht hinaus gehen. Es sind in den letzten Jahren viele Aufgaben dazugekommen, etwa die Organisation im Rahmen der offenen Ganztagsschule. Auch sonst habe Grundschulen ein breiteres Arbeitsspektrum als noch vor 20 Jahren. Das ist auf der Seite der Leitungsebene nicht adäquat ausgeglichen worden. Die Schulministerin unserer rot-grünen Landesregierung setzte durch, dass die Grundschulleitungen mehr Entlastungsstunden haben. Trotzdem haben sie noch immer weniger Entlastungsstunden als an weiterführenden Schulen. Wenn man mehr Arbeit hat, trotzdem nur wenig mehr verdient und wenig Entlastung hat, ist ein solcher Job nicht attraktiv. Da müssen bessere Rahmenbedingungen her.

Was braucht man für einen geschlechtsspezifischen Schulunterricht, damit Frauen in Führungspositionen gehen wollen?

Was geschlechtsspezifischen Unterricht angeht, sind wir mittlerweile gut aufgestellt. Ein größerer Anteil der Mädchen als der Jungen macht Abitur. Sie machen auch durchschnittlich ein besseres Abitur, sie studieren häufiger und machen durchschnittlich bessere Studienabschlüsse. Irgendwann danach kommt die gläserne Decke. Mein Eindruck ist, dass Frauen sehr wohl in Führungspositionen wollen. Es gibt aber immer noch strukturelle Hürden in unserem Arbeitsalltag, die für Frauen deutlich schwerer zu überwinden sind als für Männer. Dazu gehören auf der einen Seite natürlich Fragen der Kinderbetreuung, aber nicht nur. Dazu gehören auch Fragen der Unternehmenskultur. Wir Grünen fordern eine Frauenquote in Führungsgremien, weil Frauen in den Führungsgremien weiterhin unterrepräsentiert sind und das, obwohl es Vereinbarungen mit der Wirtschaft gegeben hat. Eine Quote ist immer nur ein Mittel zum Zweck. Es ist kein Ziel an sich, sondern ein Weg, ein Ziel zu erreichen, nämlich eine höhere Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen. Wenn man einmal eine kritische Masse von Frauen in den Führungsgremien hat, dann wird das auch dazu führen, dass andere Frauen nachrücken. Das ist unser Anliegen im Zusammenhang mit der Quote. Selbstverständlich ist es richtig, Mädchen zu begeistern für „nichtklassische“ Mädchenausbildungsgänge und Studiengänge der berühmten „MINT-Fächer“ Mathe, Ingenieurswesen, Naturwissenschaften und Technik. Aber auch da haben Frauen etwa mit einem Physik-Abschluss nicht automatisch die gleichen Karrierechancen wie Männer. Da spielen viele Faktoren mit hinein.

Welche Möglichkeiten für Praktika bei den Grünen im Bundestag gibt es und mit welchen Vorlaufzeiten muss man bei einer Bewerbung rechnen? Bieten Sie selber Praktika in ihrem Abgeordnetenbüro an?

Wir bieten nur Praktika an, die faire Rahmenbedingungen haben. Wir haben als Bundestagsfraktion eine gemeinsame Vereinbarung geschlossen, die die Abgeordneten unterzeichnet haben. Sie besagt, dass Praktika bezahlt werden müssen und zwar mit mindestens 300 Euro im Monat und dass wir keine Dauerpraktikanten nehmen, die ihr Studium bereits abgeschlossen haben. Es ist wichtig, dass Praktika nicht missbraucht werden, um die Arbeit von regulären Angestellten zu übernehmen. Das gibt es leider in anderen Branchen und in anderen Fraktionen im Bundestag. Man sollte bei der Bewerbung mit einem halben Jahr Vorlaufzeit rechnen. In meinem Büro sollten Praktikanten für mindestens sechs Wochen kommen, weil das ihnen sonst wenig bringt. Ich möchte, dass Praktikanten für sich und ihre Ausbildung auch etwas mitnehmen können. In meinem Büro müssen Praktikanten auch Kaffeekochen und kopieren, aber nicht mehr oder weniger als andere Angestellten auch. Jeder soll sich einarbeiten können in die Themen, die wir in unserem Büro bearbeiten. Wir handhaben es so, dass die Praktikanten ein eigenes Projekt in der Zeit bei uns bearbeiten. Es wird ein Thema gesucht, das gerade besonders im Fokus steht. Ich hatte eine Praktikantin, die intensiv zum Thema Kinderrechte gearbeitet hat und hier ganz speziell zum Thema Kinder von Gefangenen. Das führte dazu, dass wir eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung gemacht haben, wofür sie die Federführung hatte. Diese Kleine Anfrage mündete dann nachher in einen Antrag, der auch im Parlament beraten worden ist. Dass man etwas mitnimmt, ist mein Anspruch, wenn man in meinem Büro ein Praktikum macht.

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