Eine Glastür, links eine Leuchtreklame
Eingang zur Bahnhofsmission (Foto: Ines Klitschke)

Wir alle kennen das alltägliche Gewusel am Bahnhof: Gestresste Geschäftsreisende, Verreisende mit viel Gepäck, Familien, ältere Personen und dazwischen auch mal Kinder, die alleine verreisen. Die Bahnhofsmission bietet für alle Menschen die sich am und um Bahnhöfe herum aufhalten einen Ruhepol: zum Ausruhen, Kraft tanken oder einfach „nur“ zum Reden.

Die Ehrenamtlichen, die sich dort engagieren, kommen aus allen Altersklassen und Nationen. Sie möchten den Menschen, die Zuflucht suchen, ein Zuhause bieten. Ohne Bezahlung und mit sofortiger Wirkung, sind an mehr als hundert Orten 2000 Freiwillige für die Betroffenen zur Stelle.

Wir haben mit Lisa Jahnen über die Bonner Bahnhofsmission und ihre Funktion gesprochen.

Bundesstadt.com: Seit wann gibt es die Bahnhofsmission in Bonn und was macht sie aus?

Lisa Jahnen: „Seit 1894 gibt es die Bahnhofsmission, entstanden durch die Landflucht junger Frauen, die eine Stelle als Haushälterin suchten, aber an den Bahnhöfen abgefangen wurden und dann als Prostituierte arbeiten mussten.

Die Bahnhofsmission war von Beginn an ökumenisch, also katholisch und evangelisch, und am Anfang war auch die jüdische Frauengemeinschaft noch dabei. Die Einrichtungen wurden während des zweiten Weltkrieges verboten, sind dann aber ab 1945 größtenteils wieder neu entstanden und hatten die Aufgabe, den Kriegsheimkehrenden zu helfen, den Weg weisen, Essen bringen oder auch die Verwandtschaft zu suchen. In der DDR wurden sie verboten, seit der Wende entstehen sie bis heute teilweise neu.

Die Bonner Bahnhofsmission wurde 2005 geschlossen und mit neuem Team dann 2007 wiedereröffnet. Unsere Hauptaufgabe besteht in der Reisehilfe, also blinde oder ältere Menschen bei Zugwechseln zu unterstützen. Das geht meist per telefonischer Anforderung. Hier in der Einrichtung haben wir auch oft Wohnungslose, die diese sogenannte niederschwellige Einrichtung in Anspruch nehmen. Sie kommen hier hin, um einen Kaffee zu trinken, manche wollen reden, andere nicht. Wir helfen auch Müttern bei der Reise, mit Kinderwagen und Kind ist so eine Zugreise oft recht anstrengend.

„Jeder Tag bringt Ungewissheit mit sich“

Ansonsten kommen, sage ich mal, auch oft Überraschungen. Das ist das, was ich hier so sehr mag. Diese Ungewissheit, was jeder Tag mit sich bringt. Da kommt die Frau aus Bulgarien, die hierhergeschleppt wurde und fliehen konnte und möchte dringend wieder zurück nach Sofia, hat aber keine finanziellen Möglichkeiten. Oder die Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird, möchte ins Frauenhaus.

Oder natürlich auch viele Menschen ohne Schlafplatz. Da sind wir eher die Stelle, die vermittelt. Eigene Kapazitäten haben wir hier in Bonn nicht, aber wir leiten die Hilfesuchenden dann weiter, an umliegende Stationen. Der VfG, der Verein für Gefährdetenhilfe, liegt direkt hinter uns. Dort bekommt man einen Schlafplatz und Frühstück, eine saubere Spritze und kann auch mal duschen. Dann gibt es das Prälat-Schleich-Haus, wo man Mittagessen bekommt und ein Schlafplatz für Männer gibt es dort auch.

Einmal im Monat gibt es hier auch eine kleine Andacht für die Menschen, die das in Anspruch nehmen möchten. Eine Viertelstunde geht das, dass man auch als Reisender einfach mal zur Ruhe kommen kann.

Für Gestrandete die nicht mehr nach Hause kommen, haben wir die Möglichkeit eine Fahrkarte zurück in die Heimat – zumindest innerhalb Deutschlands – zu kaufen. Jugendliche, die bestohlen wurden und ohne Handy sind, helfen wir weiter, indem wir die Eltern anrufen oder Ähnliches. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, dass die Eltern in München eine Fahrkarte kaufen, die ich hier in Bonn ausdrucken kann.

Oder der Blindenverein ruft uns an, wenn sie einen Ausflug machen und wir ihnen beim Umstieg helfen sollen.

Die Arbeit hier ist wirklich sehr vielfältig und abwechslungsreich!“

Teil eines Tisches mit zwei Stühlen, dahinter an der Wand etliche Poster, auf denen zum Beispiel steht "Alkoholprobleme?". Rechts ein geöffnetes Fenster mit Gitter davor.
In der Bahnhofsmission (Foto: Ines Klitschke)

Wie ist die Verteilung der Helfenden hier in der Station?

„Es gibt eine Leitung mit 16 Stunden pro Woche. Ansonsten sind wir 34 ehrenamtliche Helfer. Die sind auch ganz gemischt von Studenten bis zu einem Kollegen, der letzten Monat 80 geworden ist. Dann gibt es dazu noch Schülerpraktikanten, die hier immer mal wieder aushelfen.“

„Wir helfen, weil es spannend und breit gefächert ist“

Wieso möchten die Menschen hier helfen?

„Ich denke mal, weil es spannend ist und die Mischung sehr breit gefächert ist. Ansonsten muss man sich ja oft zwischen Altenheim und Kinderheim etc. entscheiden. Hier hat man einen großen Mix an Menschen, die hierhin kommen. Der Bahnhof hat ja für ganz viele unterschiedliche Menschen einen Reiz. Bei mir persönlich war das so, dass ich eine Freundin habe, die in der Sterbehilfe aktiv ist. Das geht mir zu nah, das wollte ich nicht machen, daher helfe ich hier aus.“

Wie sind Sie persönlich zur Bahnhofsmission in Bonn gekommen?

„Ich war immer schon freiwillig aktiv, ich habe auch zeitweise im Ausland gelebt und dort viel ehrenamtlich gemacht. Und dann habe ich eine Anzeige gesehen, dass die Bahnhofsmission neue Mitarbeiter sucht, als sie 2007 neu eröffnet wurde. Das hat mich angesprochen und seitdem bin ich dabei. Das war anfangs natürlich auch eine doppelt spannende Zeit, weil alles neu entwickelt werden musste.“

Im Vordergrund eine Schiene, dahinter ein einstöckiges Gebäude.
Die Bahnhofsmission an Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs (Foto: Bahnhofsmission Bonn)

Haben Sie ein besonderes Ereignis aus Ihrer bisherigen Zeit bei der Bahnhofsmission, was Sie mit uns teilen möchten?

„Es gibt immer wieder bewegende Ereignisse. Wir hatten mal einen Stammgast hier, bei dem haben wir es geschafft, dass er aus der Obdachlosenszene rauskam und inzwischen eine Wohnung und eine Arbeitsstelle hat. Oder die Frau, die zurück nach Sofia wollte. Das dürfen wir von hier aus nicht finanzieren, aber wir haben in Köln eine Organisation aufgetan, die die Rückfahrt bezahlt hat. Ein Kollege von uns hat sie dann nach Köln gebracht und sie dort in den Bus gesetzt. Das freut einen dann natürlich und macht einen richtig glücklich. Das Schönste ist wohl, wenn man sieht wie dankbar die Menschen sind.

Bei Events wie „Rhein in Flammen“ kommt es auch schon mal zu Notsituationen. Da gab es ein Mädchen, das um zwei Uhr nachts hier ankam, weil sie ihren Zug verpasst hatte. Und dann haben meine Kollegen mit ihr hier gewartet, damit sie nicht alleine am Gleis warten musste.“

Wie sind denn sonst die Öffnungszeiten?

„Wir haben Samstag und Sonntag von 11 Uhr bis 17 Uhr und in der Woche von 8 Uhr bis 20 Uhr offen. Wenn die Zeiten besetzt sind! Wir freuen uns immer sehr, wenn sich Menschen bei uns melden, die bei uns ehrenamtlich aktiv werden möchten. Interessenten können sich gerne bei uns per Mail melden oder anrufen (bahnhofsmission@cd-bonn.de , 0228/632035).“

Das Interview führte Ines Klitschke

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