Aussitzen ohne umzufallen: Uraufführung von "Helmut Kohl läuft durch Bonn" in der Werkstatt

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Bernd Braun, Sören Wunderlich, Julia Keiling, Samuel Braun, Mareike Hein und Robert Höller (von links) in "Helmut Kohl läuft durch Bonn" © Thilo Beu
Der Kö­nig ist überall

Er­staun­lich leicht un­ter­hält die Col­la­ge über ei­nen der ge­wich­tigs­ten Po­li­ti­ker der 80er und 90er Jah­re, die kürz­lich am Bon­ner Thea­ter ih­re Pre­mie­re fei­er­te. Das jun­ge Au­toren­duo Nol­te De­car lässt vie­le Ge­schich­ten um den eins­ti­gen Ge­schichts­stu­den­ten ran­ken; frei er­fun­de­ne und viel­leicht auch so oder ähn­lich vor­ge­fun­de­ne? Der Mann, der sei­ne un­nah­ba­re Po­li­tik förm­lich ver­kör­per­te, er­wählt sich im Thea­ter­stück sei­nen Na­men selbst. Ehr­furcht er­hei­schend und we­nig prä­ten­ti­ös soll er sein – Hel­mut Kohl eben.

Doch Na­men sind be­kannt­lich wie Schall und Rauch. Die Dar­stel­ler wech­seln re­gel­mä­ßig ih­re Rol­len, er­gän­zen mal die Wor­te des je­weils an­de­ren oder ver­kör­pern un­ter­schied­li­che Fa­cet­ten ih­res Ti­tel­hel­den. Sta­tio­nen im Le­ben Kohls wer­den tem­po­reich mit Slap­stick, Tanz oder Punk-Gesang ver­bun­den und höchst ge­nüss­lich durch den Ka­kao ge­zo­gen. Ei­tel­keit und Macht­in­ter­es­sen, CDU-Spendenaffären und der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus der El­tern­ge­nera­ti­on wer­den plump als The­men an­ge­ris­sen, oh­ne ih­nen zu viel Ge­wicht bei­zu­mes­sen. Denn schon bald heißt es, es wer­de ja nicht der „Kohl­haas“, die „Ophe­lia auf Tau­ris“ oder der „Som­mer­Machts­traum“ zur Auf­füh­rung gebracht.

Schön frisch verkohlt – wir rühren in der Kohlsuppe

Samuel Braun, Robert Höller, Bernd Braun, Julia Keiling, Sören Wunderlich (von links) "Helmut Kohl läuft durch Bonn" © Thilo Beu
Li­ke a prayer

Auch in­ter­es­san­ten und schrä­gen Ne­ben­fi­gu­ren wird Raum ge­währt, wie et­wa Hel­muts spä­te­rer Ehe­frau Han­ne­lo­re (Ju­lia Keiling). Sie ist ein­mal die fe­sche und be­geh­rens­wer­te Post­struk­tu­ra­lis­tin, die ih­ren Hel­mut (Sa­mu­el Braun) sanft­mü­tig über­re­det, sich ge­dank­lich vom Kom­mu­nis­mus zu ent­fer­nen und der CDU bei­zu­tre­ten. Ein an­de­res Mal spielt sie ei­ne wil­de Non­ne, die zu Klän­gen von Ma­don­nas „Li­ke a pray­er“ von Kohl (dies­mal Sö­ren Wun­der­lich), aus ih­rem gläu­bi­gen Da­sein em­por­ge­ho­ben und zum Trau­al­tar ent­führt wird.

Zu­letzt sitzt sie al­lei­ne auf der ab­ge­dun­kel­ten Büh­ne und klagt wie­der­holt in den lee­ren Raum hin­ein, dass ein an­ge­spro­che­nes „Du“ hin­aus­ge­gan­gen sei und sie al­lei­ne in der Dun­kel­heit zu­rück­ge­las­sen ha­be. Han­ne­lo­re be­zwei­felt hef­tig, dass es ge­nug D-Mark-Scheine ge­be, mit de­nen sie sich und ih­ren eins­ti­gen Part­ner von al­len Sün­den frei­kau­fen kön­ne. Die­se Sze­ne rührt auf­grund ei­ner poe­tisch bil­der­rei­chen Spra­che an und er­in­nert an den rea­len Sui­zid der, an ei­ner Licht­all­er­gie lei­den­den Kanz­ler­gat­tin im Jah­re 2001.

Robert Höller, Bernd Braun, Mareike Hein "Helmut Kohl läuft durch Bonn" © Thilo Beu
Raum­pfle­ge­rin Wil­hel­mi­ne weiß Rat

Doch gleich dar­auf kann man sich wie­der am seich­ten Witz er­freu­en. Denn nun hält ei­ne Raum­pfle­ge­rin im Bun­des­kanz­ler­amt na­mens Wil­hel­mi­ne (Ma­rei­ke Hein) ku­rio­se Mo­no­lo­ge. Mit ge­wich­ti­ger Stim­me be­haup­tet sie, sie ha­be schon vor ih­rer Kar­rie­re als Raum­pfle­ge­rin sehr viel Groß­ar­ti­ges voll­bracht. Weil sie ein­mal schlaf­wan­delnd ei­ne Oper von ei­ner sol­chen Pracht kom­po­niert ha­be, dass sie von ih­ren Fans ver­folgt wur­de, muss­te sie sich an ei­nen un­be­deu­ten­den Ort ret­ten. „Es ist gut, Bonn“, be­tont Wil­hel­mi­ne lä­chelnd, wäh­rend sie lie­be­voll den Bo­den wischt.

Welch ein Rosenkohl

Julia Keiling, Bernd Braun "Helmut Kohl läuft durch Bonn" © Thilo Beu
Han­ne­lo­re ganz im Schatten

Auch Hans-Dietrich Gen­scher, Hel­mut Schmidt, Ger­hard Schrö­der, Franz Jo­sef Strauß und Di­di Hal­ler­vor­den ha­ben ih­re wohl­ver­dien­ten Auf­trit­te als macht­vol­le Fi­gu­ren oder In­spi­zi­en­ten, mit de­nen Kohl kun­gelt, klün­gelt oder sich auf der Büh­ne ku­gelt. Es gibt ein Wett­trin­ken, un­fai­re Kanz­ler­du­el­le und zahl­rei­che Mau­er­öff­nun­gen. Oft wird frei as­so­zi­iert, cho­risch ge­spro­chen, mit Ei­ern oder mit Zi­ta­ten aus Klas­si­kern jon­gliert. Wenn Kohl (wie­der Sö­ren Wun­der­lich), Shake­speares Kö­nig Lear na­tür­lich nicht un­ähn­lich, Deutsch­land un­ter sei­nen drei Söh­nen (Ro­bert Höl­ler, Bernd Braun, Sa­mu­el Braun) auf­teilt, er­hält der jüngs­te das Sauer­land oder Saar­land, weil er die Re­gent­schaft Kohls nur „okay“ und nicht „gut“ fand. Doch lei­der bleibt Kohl, nach­dem er Ost- und West­deutsch­land groß­zü­gig weg­ge­ge­ben hat, noch nicht ein­mal der ge­lieb­te und le­gen­dä­re Kirsch­gar­ten, auf den be­reits An­ton Tsche­chow zahl­lo­se Ver­se schrieb.

Bei den vie­len in­sze­na­to­ri­schen Ein­fäl­len dürf­ten auch Re­gis­seur Da­vid Hein­zel­mann und Dra­ma­turg Da­vid Schlie­sing nicht ganz un­schul­dig sein. Feh­len darf na­tür­lich auch nicht der de­mons­tra­ti­ve Ein­satz der Mer­kel­rau­te, ein ge­schichts­träch­ti­ges Sym­bol für An­ge­la Mer­kels jüngst ge­won­ne­ne Bun­des­tags­wahl, war doch Mer­kel einst die treu­es­te Schü­le­rin des Alt­kanz­lers. Die gut auf­ge­leg­ten und agi­len Dar­stel­ler las­sen wahr­lich we­nig üb­rig vom My­thos Kohl und ver­bra­ten ihn ver­dien­ter­ma­ßen mit sicht­li­chem Genuss.

Al­le Fo­tos: Thi­lo Beu

Wei­te­re Spiel­ter­mi­ne im Bon­ner Werkstatt-Theater am Mo., 23.12., Fr. 27.12. (aus­ver­kauft), Di. 07.01., Do. 09.01., Di. 14.01., Do. 16.01., Fr. 17.01., Mi. 22.01. und Di. 28.01. je­weils um 20.00 Uhr. Mehr In­fos gibt es auf der Web­site des Bon­ner Theaters.

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