(Konzertkritik von Marcus Schinkel und Johannes Kuchta über einen Konzertbesuch am 18.04.2019)

Spiele dieses Stück sehr wild, aber stets sehr stramm im Rhythmus, wie eine Maschine. Betrachte das Klavier als eine interessante Art Schlagzeug und handle dementsprechend!

(Spielanleitung von Paul Hindemith von 1922)

Genau dies haben die Grandbrothers (Lukas Vogel, Electronics und Erol Sarp, Flügel) mit ihrem Konzept der Elektromagnethämmerchen, die den Flügel zu einem Schlagzeug, Percussion und Synthesizer werdenlassen, umgesetzt. Die beiden lernten sich 2011 während des Studiums für Bild- und Tontechnikin Düsseldorf kennen. Das Ziel war es, nur aus einem Flügel alle möglichen Soundsund Rhythmen hervorzuholen. Vogel programmierte dafür ein eigenes Computerprogramm und baute Hämmerchen, die er live und vom Laptop aus steuern kann. Diese schlagen durch elektromagnetischeImpulse  auf Saiten, Korpus und Resonanzboden und erzeugen somit Klänge und Rhythmen. Weiter gibt es Induktionsspulen, die die Saiten des Flügels eigenständig zumSchwingen bringen und damit synthesizerhafte Pads erzeugen. Sarp spielt dazu meist akustisch- konventionell auf dem Flügel. Das beeindruckende Resultat ist eine Musik zwischen Electro und Minimal Music, Techno-Beats treffen auf Steve Reich oder erinnern stellenweise auch an Mike Oldfields Tubular Bells.

In Deutschland kann sonst auch Nils Frahm ähnliche Soundumgebungen zaubern. Vogel und Sarp verzahnen in ihren Stücken gerne die Rhythmen zu komplexen Taktsortenwie einem 9/4-Takt, wobei die Tonalität selten verlassen wird. Es wird weitestgehend auflängere Melodiebögen verzichtet, die perkussiven Elemente stehen im Vordergrund undbilden mit den erzeugten Sounds einen Klangteppich oder Soundscape, der durch eineausgefeilte Lichtshow perfekt unterstützt wird.

Noch immer ist das Duo seiner selbstauferlegten Beschränkung wirklich alles Sounds ausschließlich aus dem Flügel zu generieren treu geblieben. Dazu gesellen sich nun allerhand Effekte und neue, bisher ungehörte Sounds. Viele der heute dargebotenen Songs sind auf dem aktuellen Album „open“ zu finden. Auch sehr empfehlenswert. Das Duo wurde live unterstützt von einem 10-köpfigen klassischen Ensemble, die aber meist nurunterstützend eingesetzt wurden und sich akustisch leider nicht gut durchsetzen konnten.Als Vorband fungierte Linda Vogel (Schwester von Lukas Vogel), die mit Harfe, Gesang und Beats erzeugt den erwähnten Elektrohämmerchen an den Harfensaiten wohltuend mehr mit Björk als mit Andreas Vollenweider gemein hatte. Das Zusatzkonzert am Donnerstag war ausverkauft.

Jetzt wissen wir auch, warum.

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