Kabinett des Zynischen – "Aida" an der Oper Bonn

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Ein un­ter­halt­sa­mes Ka­bi­nett des Zy­ni­schen ist das Herz­stück der „Ai­da“, die mit viel Lo­kal­ko­lo­rit und spek­ta­ku­lä­ren Bil­dern von Re­gis­seur Diet­rich Hils­berg und Di­ri­gent Will Hum­burg kraft­voll um­ge­setzt wird.

Die­se Pre­mie­ren­be­spre­chung er­schien erst­mals am 3. März beim Online-Magazin Kul­tu­ra Ex­tra.

Auf ei­ner Groß­bild­lein­wand prä­sen­tiert sich der Rhein­ufer­weg mit dem Sie­ben­ge­bir­ge im Hin­ter­grund. Im über­tra­ge­nen Sin­ne soll dies nun das Ufer des Nils sein, an dem die Skla­vin und frü­he­re äthio­pi­sche Prin­zes­sin Ai­da (Yannick-Muriel No­ah) ih­rer Hei­mat nach­trau­ert. Dem Va­ter­land, den El­tern und viel­leicht auch dem Ge­lieb­ten ent­ris­sen hat sie al­les ver­lo­ren, es er­öff­net sich je­doch schon bald für sie ein neu­er Hoff­nungs­schim­mer. Denn ih­re gleich­zei­ti­ge Sehn­sucht nach dem ägyp­ti­schen Haupt­mann Radames (Ge­or­ge Onia­ni) wird er­wi­dert. Doch auch die Toch­ter des ägyp­ti­schen Kö­nigs, Am­ne­ris (Tui­ja Knih­ti­lä), hat ein Au­ge auf Radames ge­wor­fen hat. Da­mit ist die The­ma­tik schon auf­ge­spannt: Macht­po­li­tik und Krieg zwi­schen den Staa­ten auf der ei­nen, Lie­be und In­tri­gen zwi­schen den Men­schen auf der an­de­ren Sei­te. Die im al­ten Ägyp­ten ver­or­te­te Ge­schich­te wur­de im 19. Jahr­hun­dert als kö­nig­li­che Auf­trags­ar­beit zur Er­öff­nung ei­nes neu­en Opern­hau­ses in Kai­ro ur­auf­ge­führt. Die Oper von Gui­sep­pe Ver­di war in den Jah­ren nach ih­rer Ur­auf­füh­rung 1871 sehr er­folg­reich, al­so in den Jah­ren, als Eu­ro­pa auf den ers­ten Welt­krieg zu­steu­er­te. Die Lie­be zwi­schen zwei Men­schen zu­ein­an­der ent­wi­ckelt sich in der Oper zum Sand im Ge­trie­be der Kriegsmaschinerie.


In Diet­rich W. Hils­dorfs In­sze­nie­rung wird mit Blick auf das Sie­ben­ge­bir­ge ein auf­ge­bla­se­nes pa­trio­ti­sches Pa­thos vor­ge­führt und ins Lä­cher­li­che ge­zo­gen. So­mit ent­zieht sich die­se Auf­füh­rung ele­gant ei­ner schwüls­ti­gen Schwer­punkt­set­zung auf der Helden- und Lie­bes­ge­schich­te. Denn das Herz­stück der In­sze­nie­rung ist der opu­len­te Tri­umph­zug im Mit­tel­teil. Die­ser Fest­akt, bei dem das Beethoven-Orchester auf der Büh­ne spielt, wird zum Ka­bi­nett des Zy­ni­schen. Kin­der wer­den im Ri­tu­al ge­op­fert. An­de­re Kin­der wer­den von Krie­ger­wit­wen dem nächs­ten Krieg ge­weiht und die Kin­der ge­fal­le­ner Sol­da­ten schließ­lich be­ju­beln den Kö­nig. Mit Ele­fan­ten­köp­fen ge­ben sich Ver­tre­ter der Rüs­tungs­in­dus­trie die Eh­re, die Ve­te­ra­nen des letz­ten und vor­letz­ten Krie­ges hul­di­gen dem Kö­nig mit ab­ge­trenn­ten Glied­ma­ßen, die „Mem­phis Twins“ (Re­bec­ca So­phia Mey­er, An­na Pavlo­va) – das sind zwei Fun­ken­ma­rie­chen ähn­li­chen Re­vue­girls – schwin­gen ih­re Bei­ne, ein Bild­nis des Bon­ner Ober­bür­ger­meis­ters Jür­gen Nimptsch wird mit der Un­ter­zei­le „Ka­mel­len fürs Volk“ ein­ge­blen­det, zu­letzt fällt gar der ägyp­ti­sche Kö­nig ei­nem At­ten­tat zum Op­fer. Ein Kon­fet­ti­re­gen er­gießt sich dann schluss­end­lich im wil­den Durch­ein­an­der. Hier wagt die In­sze­nie­rung pom­pös und spek­ta­kel­haft et­was, auf das mit ein­zel­nen Buh­ru­fen re­agiert wird. Aber ge­ra­de da­durch ge­lingt es ihr gleich­zei­tig sehr amü­sant und un­ter­halt­sam zu sein und ge­wis­sen­lo­se Macht­po­li­tik der Lä­cher­lich­keit preis­zu­ge­ben. Da­bei man­gelt es nicht an Be­zü­gen zum ge­gen­wär­ti­gen po­li­ti­schen Ge­sche­hen, so gibt es z.B. an ei­nen mög­li­chen „Ag­gres­sor“ er­in­nern­de, mehr­spra­chi­ge Laut­spre­cher­durch­sa­gen in Rus­sisch, Ita­lie­nisch, Ko­rea­nisch oder Ara­bisch, die in den Pau­sen vor und nach dem Fest­akt nach gül­ti­gen Ti­ckets fragen.

Die Oper Bonn zeigt "Aida" "Aida" © Thilo BeuDie auf­wen­di­ge Re­gie­ar­beit mit über 200 Mit­wir­ken­den be­ein­druckt mit spek­ta­ku­lä­ren Bil­dern und bra­vou­rö­sen ge­sang­li­chem und mu­si­ka­li­schem Spiel. Die sich von ver­schie­de­nen Büh­nen­ebe­nen und oft auch im Zu­schau­er­raum er­he­ben­den Ge­sangs­dar­bie­tun­gen der So­lis­ten und Chö­re sind durch­weg aus­drucks­stark, gut auf­ein­an­der ab­ge­stimmt und mit­rei­ßend. Im letz­ten Teil über­zeugt die Oper auch an­rüh­rend mit lei­sen Tö­nen. Ai­da und Radames ma­chen sich den ge­mein­sa­men Tod zur Vi­si­on ei­ner Him­mel­fahrt. Auch die Schluss­wor­te der Am­ne­ris, nach­dem sie die Pries­ter ver­flucht hat, for­mu­lie­ren die Uto­pie ei­ner, den Men­schen wohl­ge­sinn­ten Gottesmacht.

Am En­de steht so das Wort „Frie­den“.

Wei­te­re Spiel­ter­mi­ne: 9., 15. und 23. März / 4., 20. und 30. April / 17., 25. und 31. Mai / 5., 8., 20. und 29. Ju­ni 2014. Mehr In­fos gibt es auf der Web­sei­te des Bon­ner Thea­ter.

Al­le Fo­tos: Thi­lo Beu

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