Ensemble beim Premierenapplaus von "Nathan" in den Bad Godesberger Kammerspielen (c) Ansgar Skoda
Ensemble beim Premierenapplaus von „Nathan“ in den Bad Godesberger Kammerspielen (c) Ansgar Skoda

Am Theater Bonn gab es in der jüngsten Zeit wieder einige aufregende Premieren. Auch am Euro Theater Central respektive dem Theater im Ballsaal wurde unser Autor fündig und kündigt zudem eine Tanztheater-Ausstellung in der Bundeskunsthalle an – außerdem gibt es unter den zehn Theatertipps Hinweise auf letzte (!) Aufführungen bemerkenswerter Inszenierungen :-)

Letzte Aufführung: Rusalka von Antonín Dvořák an der Oper Bonn, Termin am 4. März

Wassernixen gehören seit den Sirenen und Nymphen der Antike und den Melusinen des Mittelalters zu den schillerndsten Fabelwesen. Der böhmische Komponist Antonín Dvořák schuf 1900 die dreiaktige Oper Rusalka, die das bekannte Märchen von der unmöglichen Liebe der schönen Meerjungfrau Rusalka zu einem Menschenprinzen mit illustren Balladen wie dem „Lied an den Mond“ bereichert. Die Wiederaufnahme an der Oper Bonn unter der musikalischen Leitung von Stephan Zilias und der Regie von Mark Daniel Hirsch bezaubert mit einer opulenten Inszenierung, atemberaubendem Dekor, phantasievollen Kostümen, sowie der leuchtkräftigen, facettenreichen und biegsamen Sopranstimme von Yannick-Muriel Noah in der Titelrolle.

Der fliegende Holländer von Richard Wagner an der Oper Bonn, nächste Termine am 16. Mai, 9., 16. und 29. Juni

Ein weiterer Mythos strandet mit dem Seefahrermärchen Der fliegende Holländer von Richard Wagner an der Oper Bonn. Der Titelheld hat sich eine Gotteslästerung zu Schulden kommen lassen und bereist deshalb bis in alle Ewigkeit unerlöst auf einem Geisterschiff die Weltenmeere. Erlösen kann ihn nur die Liebe eines Menschen, der mit ihm seinen Weg teilen möchte. An der Oper Bonn inszeniert Walter Schütze Wagners Dreiakter von 1843 mit dekorativen Bildern, wie von der Decke herabschwebenden Schiffsmodellen. Dramatisch erscheint das Wort „Liebe“ in großen, erleuchteten Lettern zu Anfang und am Ende vor dunklen Hintergrund und gibt so das Leidmotiv vor. Als Matrosen dienen dem Holländer Gespenster. Diese stimmen bald chorisch mit den Lebenden in einen unheimlichen Wechselgesang ein. Den Holländer gestaltet Mark Morouse eindringlich mit ausdrucksstarker Baritonstimme und seine Senta verkörpert Magdalena Anna Hofmann bewegend mit nuanciertem, wohltemperiertem Ausdruck. Insbesondere der Chor und Extrachor des Theater Bonn unter der musikalischen Leitung von Hendrik Vestmann unterstützen schlussendlich die klangliche Wucht.

Jérusalem von Giuseppe Verdi an der Oper Bonn, nächste Termine am 27. Februar, 10., 18. und 26. März, 2. und 9. April

Premierenapplaus bei "Jérusalem" in der Oper Bonn (c) Ansgar Skoda
Premierenapplaus bei „Jérusalem“ in der Oper Bonn (c) Ansgar Skoda

Jerusalem war für die Kreuzritter im Mittelalter ein begehrtes Eroberungsziel. Das von Christen, Juden und Muslimen als heilige Stadt angesehene Jerusalem in den judäischen Bergen wird in einem heiligen Krieg grausam belagert. Giuseppe Verdis Oper Jérusalem von 1847 spielt vor dem Hintergrund dieser Kreuzzüge gegen die muslimischen Seldschuken. Erstmals wird der Vierakter nun in Deutschland als Koproduktion mit dem Theater ABAO Bilbao an der Oper Bonn szenisch aufgeführt. Gesanglich und orchestral ist Jérusalem ein stimmiger und rundum gelungener Hochgenuss. Darstellerisch überzeugt auf der Bühne die Liebesgeschichte, während die übrige Darstellung zu anachronistisch und unkritisch anmutet. Zur Besprechung

Bilder von uns von Thomas Melle in der Werkstatt des Theater Bonn, nächste Termine am 5., 10., 15. und 31. März

Die Uraufführung Bilder von uns von Thomas Melle handelt bewegend und vielschichtig von der Irritation und Unsicherheit, die plötzliche, lang verdrängte Erinnerungen auslösen können. In den letzten zehn Jahren wurden zahlreiche Missbrauchsfälle an Elite-Schulen aufgedeckt – etwa am Bonner Jesuiteninternat Aloisiuskolleg, kurz „Ako“. Für die ehemaligen Schüler, zu denen auch der Autor des Dramas gehört, und deren Familien bedeuteten diese Ermittlungen oftmals eine neue Auseinandersetzung mit den Einrichtungen. Obwohl sich die sieben Figuren des Dramas auf der Bühne auf einem hohen reflektierten Niveau auseinandersetzen, können sie doch eigene Gefühle nur schwer in Worte fassen, die ambivalente, lang verdrängte Erinnerungen bei ihnen auslösen. Zur Besprechung

Werther frei nach J.W. von Goethe in den Bad Godesberger Kammerspielen, nächste Termine am 4., 11., 16. und 24. März und 22. April

Mirja Biel ergänzt in Werther am Theater Bonn Goethes Romandebüt um Tagebuchauszüge Kurt Cobains, Courtney Loves und 70er-Jahre Punk und verblüfft teilweise effektvoll. Zur Besprechung

Nathan frei nach G. E. Lessing in den Bad Godesberger Kammerspielen, nächste Termine am 28. Februar, 3., 5., 10. und 17. März

Ensemble beim Premierenapplaus von "Nathan" in den Bad Godesberger Kammerspielen (c) Ansgar Skoda
Ensemble beim Premierenapplaus von „Nathan“ in den Bad Godesberger Kammerspielen (c) Ansgar Skoda

Um die Grenzen und das Für und Wider von Toleranz geht es in Volker Löschs Inszenierung von Nathan frei nach G.E. Lessings Drama von 1783. Regisseur Lösch besetzt in seiner Neuadaptation von Lessings Drama zwölf junge Muslime aus Bonn und Umgebung als Chor in einer Parallelhandlung zum eigentlichen Drama: sie sollen Lessings Nathan der Weise lesen. Den „Migrantenkindern“ möge ihre Lektüre westliche Werte des Aufklärungsklassikers vermitteln. Die Adaptation lässt verschiedene Stimmen zur aktuellen Diskussion um den Islam, den Terrorismus und Religiosität gewagt und mutig zu Wort kommen und schafft es so effektvoll, dem Drama um religiöse Toleranz ungeahnte neue Akzente abzugewinnen. Zur Besprechung

Der Fremde von Albert Camus im Euro Theater Central, nächster Termin am 25. Februar.

Das Debüt und Durchbruchswerk für den damals 29jährigen Camus ist heute eines der Hauptwerke der Philosophie des sogenannten Existentialismus, eine Geisteshaltung, welche die Welt als nicht von sich aus sinnhaft betrachtet. Frank Musekamp und Richard Hucke verkörpern die manchmal gespaltene, meist jedoch sich ergänzende Persönlichkeit des Protagonisten ausdrucksstark, wenn sie etwa mit weißen Klebestreifen auf der dunklen Tafel Gewesenes ihrer Erzählung folgend wie Tage in einer Gefängniszelle abhaken und doch die Folgen ihrer Taten abwarten müssen. Zur Besprechung.

Letzte Aufführung: Nullzeit von Juli Zeh in der Werkstatt des Theater Bonn, Termin am 27. Februar

Im­mer wie­der sind es kurze Mo­no­loge, die kraft­voll Ag­gres­sio­nen durch­schei­nen las­sen, feh­lende Er­fül­lung in den Be­zie­hun­gen. […] Er­fri­schende cho­reo­gra­phi­sche Ein­la­gen be­rei­chern die ins­ge­samt viel­schich­tige, un­ter­halt­same und tem­po­rei­che In­sze­nie­rung. Zur Besprechung.

Letzte Aufführung: Jenseits von Eden von John Steinbeck in den Kammerspielen Bad Godesberg, Termin am 19. März

Ei­nen bild­ge­wal­ti­gen, star­ken und be­rüh­ren­den Auf­takt für die neue Sai­son am Thea­ter Bonn schafft Re­gis­seu­rin Alice Bud­de­berg mit ih­rer Pre­miere. Ein wah­rer Kraft­akt – die 700seitige Ro­man­vor­lage, eine Fa­mi­li­en­sage des US-amerikanischen Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers John Stein­beck von 1952 – wird von ihr und Dra­ma­tur­gin Nina Stein­hil­ber thea­tral ori­gi­nell über­setzt, mit her­aus­ra­gen­den schau­spie­le­ri­schen Leis­tun­gen. […] Zur Besprechung.

Pina Bausch und das Tanztheater in der Bundeskunsthalle

Ab dem 4. März widmet sich eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle der Pionierin des modernen Tanztheaters. Pina Bausch und das Tanztheater zeigt neben Objekten, Installationen, Fotografien und Videos einen Nachbau der sogenannten „Lichtburg“, des legendären Proberaums in einem alten Wuppertaler Kino, in dem Pina Bausch den größten Teil ihrer Stücke entwickelt hat. Hier runden dann Performances, Tanz-Workshops, Gespräche und öffentliche Proben die Sonderausstellung bis zum 24. Juli ab – Eine weitere Hommage und Annäherung an das Werk der viel zu früh verstorbenen Künstlerin. Eine Einstimmung auf die Ausstellung mit Café Müller/ Das Frühlingsopfer, Danzón und Wim Wenders Film Pina.

Mehr Theaterbesprechungen (auch von aktuellen Inszenierungen in Köln, Düsseldorf usw.)

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