Die britische Ska-Legende Madness verwandelte den Bonner Kunst!Rasen in der Gronau am Donnerstagabend, den 9. Juli 2026, in ein bebendes Meer aus Offbeat-Rhythmen. Eine Vielzahl roter Feze mit Pompon und der Aufschrift „Madness“, die die Fans am Merchandise erwerben konnten, wippte in der Menge mit. Rund 3.700 begeisterte Zuschauer feierten das zehnköpfige Ensemble um Frontmann Graham „Suggs“ McPherson bei bestem Open-Air-Wetter. Die Band lieferte während ihres etwa 90-minütigen Konzerts gutgelaunt ein energiegeladenes Feuerwerk ab. Die 1976 im Londoner Stadtteil Camden Town gegründete Formation präsentiert ihre Sommershow unter dem Motto „Hit Parade“ und verwies hier auf ein Best-of-Doppelalbum, das Ende 2025 erschien.

Madness auf dem Bonner Kunstrasen | Foto (c) Marc John

Bereits vor dem Hauptact heizten zwei Support-Acts auf dem Gelände dem ausgelassenen Publikum mit einem druckvollen, tanzbaren Fundament aus Bass, Schlagzeug und Gitarre ein.
Die Ska-Band Slapstickers aus Brühl feierte ihr 30-jähriges Bestehen und ließ das Publikum ab 18:30 Uhr mit einer präzisen Bläser-Section, charakteristischen Rhythmen und jazzigen Soli lässig grooven.

Die Indie-Pop-Formation The Lottery Winners aus der Nähe von Manchester glänzte ab 19:20 Uhr durch Selbstironie, als Frontmann Thomas Jack Rylance seine Formation mit folgender Ansage vorstellte: „We are not famous, and we have no hits.“ Die Band kokettiert auf Festivals gerne mit der Rolle des vermeintlich unbekannten Underdogs. Durch den Einsatz von derber Alltagssprache bricht Thom Rylance gekonnt die Barriere zwischen Bühnenstar und Publikum. Gesanglich wechselt er mit nordenglischem Akzent zwischen kraftvollen, fast geschrienem Indie-Rock-Passagen und sehr getragenen, hymnischen und eher ruhigen Tönen. Derweil jaulen die Gitarren und treiben in fröhlichen Rhythmen Songs wie das Beatles-Cover „Hey Jude“ und das Johnny Cash-Cover „Ring Of Fire“ voran.

Der exzentrische Frontmann nutzt das deutsche Wort „Scheiße“ auf der Bühne als Werkzeug und gelernten Running Gag, um das Publikum aus der Reserve zu locken. Auf der Kunst!Rasen-Bühne reißt er ungefiltert und impulsiv Witze und sorgt so für Lacher. Bassistin Katie Lloyd rollt amüsiert mit den Augen und korrigiert auch mal seine Aussagen, wenn er sich in seinen Fäkalwitzen verrennt. Rylance geht extrem offen mit seiner ADHS-Diagnose um. In dem Pop-Song „Superpower“ feiert er diese Störung schelmisch und schalkhaft als persönliche „Superkraft“. Er bezeichnet sich selbst als „chronischen Oversharer“. Auch seine Bandmitglieder im Hintergrund – neben Lloyd Gitarrist Robert Lally und Drummer Joe Singleton – wirken augenzwinkernd mit. Sie setzen mit musikalischem Feingefühl auch schon einmal zum nächsten Stück an, als Signal, dass er zum Punkt kommen möge.

Leadsänger Graham „Suggs“ McPherson | Foto (c) Marc John

Gegen 20:20 Uhr übernehmen Madness mit ihrem typischen Sound die Bühne. Sie tragen elegante Anzüge, Porkpie-Hüte, Loafers und dunkle Sonnenbrillen, was Coolness und eine gewisse unnahbare Attitüde signalisiert. Im Zentrum des Geschehens führt Sänger Graham „Suggs“ McPherson charmant und stilvoll als dandyhafter Conférencier durch das Set. Flankiert wird er von Keyboarder Mike Barson, dessen ikonische, beschwingte Piano-Akkorde das Fundament für Klassiker wie „Our House“ legten. Getragen von einem unerschütterlichen Groove aus Bass und Schlagzeug brillierte Saxofonist Lee Thompson mit markanter Energie und theatralischen Grimassen. Er sorgt als Derwisch auf der Bühne für Slapstick, unter anderem bei Titeln wie „Embarrassment“.

Der Saxofonist baut aus der Setlist Papierschiffchen, die er in das Publikum wirft. Gar nicht gentlemanlike zeigt Suggs mit dem Zeigefinger dann schelmisch auf Thompson und heizt so die komödiantische Dynamik zwischen den beiden an. Als „Odd Couple“ liefern sich beide improvisierte Wortgefechte und humorvolle Frotzeleien zwischen den Songs, was wie das organische Necken zweier bester Freunde wirkt, die sich seit ihrer Jugend in Camden Town kennen.

Saxofonist Lee Thompson | Foto (c) Marc John

Als Show-Gag schlüpft Thompson während der Performance von „Shut Up“ in ein klassisches, klischeehaftes Sträflings- oder Einbrecher-Outfit aus einem gestreiften Shirt und einer Diebesmaske, während die verkleideten Bläser als Cops auf die Bühne stürmen, ihn in einem Showdown verfolgen, überwältigen und spielerisch mit Schlagstöcken traktieren. Dies ist eine Hommage an das Musikvideo zu „Shut Up“, das die Band als Polizisten und Gauner verkleidet zeigt, aber auch an Thompsons eigene Jugend, in der er vor seiner Musikkarriere wiederholt wegen kleinerer Delikte und Einbrüche mit dem Gesetz in Konflikt kam.

Auch die übrigen Musiker sind ein Blickfang und lassen aufhorchen: Bassist Mark Bedford sorgt für pumpende Linien, Schlagzeuger Daniel „Woody“ Woodgate hält präzise den peitschenden Takt und Gitarrist Chris Foreman verleiht den Offbeat-Akkorden eine Portion Schärfe. Erweitert werden die Kernmitglieder durch vier Live-Musiker: Joe Auckland an der Trompete und Ian Carter am Baritonsaxofon liefern tiefe, satte Bläserfundamente und bewegen sich dynamisch symchron im Takt der Beats, wenn sie etwa von links nach rechts wippen, wobei sie ihre Instrumente parallel im gleichen Winkel anheben und absenken. Multi-Instrumentalist Mez Clough erweitert die Percussion und Gitarrist Paul Foley die flirrenden Klangteppiche.

Bassist Mark Bedford | Foto (c) Marc John

Frühe Klassiker dominierten den Abend, aber auch spätere Fan-Lieblinge wie „Lovestruck“, „NW5“ und „Mr. Apples“ fügten sich nahtlos in die Dramaturgie ein. Die humorvollen Alltagserzählungen, die typisch für das Werk der Band sind, sorgten für gepflegte Unterhaltung. Im letzten Drittel der Show gab es für das Bonner Publikum kein Halten mehr.

Mit „House of Fun“ und dem rasanten „Baggy Trousers“ steuerte die Stimmung auf den Siedepunkt zu. Als schließlich die ersten Töne des Welthits „Our House“ erklangen, verwandelte sich der Kunst!Rasen in einen riesigen Chor, gefolgt von einer emotional warmherzigen Version von „It Must Be Love“. Für die Zugaben reiste die Band zurück zu ihren Wurzeln: Nach dem Prince Buster-Cover „Madness“ entließ der Klassiker „Night Boat to Cairo“ die Menge gegen 21:50 Uhr in die Bonner Nacht, während sich kurz vor Schluss noch ein lebhafter Moshpit in den vorderen Reihen gebildet hatte.

Alle Fotos: (c) Marc John

Mehr Fotos und ein Video-Eindruck hier.

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