Kunstrasen Bonn, 4. Juli 2026. Volles Haus bzw. voller Rasen. Milde Rheinluft, freudige Erwartung und leichte Erschöpfung in mir. Vor der Bühne die letzten technischen Handgriffe, ein paar Kanarienvögel ziehen in der untergehenden Sonne ihre Bahnen, und ich bin gespannt auf ein Stück Musikgeschichte, das pünktlich wie die U-Bahn in Tokyo um 19.43 Uhr einfährt.
Marillion kamen Anfang der 1980er aus der zweiten Welle des Prog (Abkürzung für „Progressive Rock“), dem sogenannten Neo-Prog. Während Genesis, Yes, King Crimson, Pink Floyd oder Emerson, Lake & Palmer die erste große Welle geprägt hatten, griff Marillion diese Tradition in einer Zeit auf, in der Punk, New Wave und Pop den alten Prog längst für überholt erklärt hatten. Sie brachten Theater, Melancholie, Poesie und Rockpathos zurück – zunächst mit Fish als schamanischem Frontmann/Sänger.

Die Kunst des langen Atems
Prog ist der Versuch, Rockmusik aus der engen Form des Drei-Minuten-Songs zu befreien. Es geht um große Bögen, wechselnde Stimmungen, Dramaturgie, Jazzharmonik, ethnische Elemente, elektronische Klangräume, lange Konzeptalben, literarische Texte und den Mut, ein Lied nicht dort enden zu lassen, wo das Radio es gern hätte. Der „New Yorker“ beschrieb Progressive Rock einmal als Genre, das Highbrow und Lowbrow, also Kunstanspruch und Rock-Energie, miteinander verband.
Marillion betraten die Bühne heute nicht als Nostalgie-Maschine, sondern als gut eingespielte, über Jahrzehnte geformte Einheit. Altersgemäß gechillt. Seit mehr als 35 Jahren steht diese Besetzung im Kern zusammen: Steve Hogarth, Steve Rothery, Mark Kelly, Pete Trewavas und Ian Mosley. Mit Fish klappte es beziehungstechnisch nicht lange. Aber die Kernband hat alle immer vorhandenen Auseinandersetzungen, Stildiskussionen und Machtkämpfe gut überstanden. Das allein ist im Rockgeschäft ein Wunder. Respekt schon einmal dafür.
Klangkörper mit kleinen Rissen
Der Livesound war zumindest in meiner Abhörposition nicht immer ideal. Die Bassdrum kam vorne vor der Bühne sehr dominant und anstrengend für meinen Musculus tensor tympani (der Muskel in meinem Ohr, der bei jedem Schlag das Trommelfell zur Lautstärkebegrenzung straffer spannt). Ich habe doch bereut, keine Ohrstöpsel mitgenommen zu haben, und hatte auch ein bisschen Angst für Ernst-Ludwig Hartz, dass die Problemperson auf der anderen Rheinseite heute wieder Grund zur Klage hat. Die Toms dagegen waren an meiner Position kaum zu hören. Ian Mosley (Drummer) wirkte konzentriert, aber sehr in seinem eigenen Kosmos; mit Kopfhörern, fast versunken, eher nach innen gerichtet. Bei so einem dicken Kopfhörer weiß man als Musiker manchmal selber nicht genau, ob man gerade live ist, oder nur zu einem Playback mitspielt. Das hatte Würde, aber auch Distanz und in der fehlenden Kommunikation ein bisschen autistische Züge.
Mark Kelly am Keyboard stand mit einer reglosen Konzentration da, die eher zu Kraftwerk gepasst hätte als zu klassischem Rockpathos. Hinter einer Keyboardburg ist ja immer schwer zu sehen, was der Pianist da eigentlich spielt, und ob z. B. ein Chor gerade in Echtzeit gespielt wird, oder ob es doch ein Sequenzer ist. Pete Trewavas (Bass) wiederum physisch bewegter, spielte die Rolle eines Rockers und hatte dabei ein Gesicht genau zwischen Mike Rutherford von Genesis und Peter Maffay (muss ich mit KI mal versuchen, diese Kombi, ich glaube, da kommt genau er dabei heraus). Bitte entschuldigt. Ich bin Rheinländer und kann die Dinge oft nicht einfach so nehmen, wie sie sind, sondern vergleiche sie gerne mit bereits vorhandenen Eindrücken, um sie in meinem kleinen Gehirn zu verarbeiten.
Die Seele der Kernband scheint Steve Rotherys mit seinen zahlreichen Gitarren. Er spielt nicht spektakulär im Sinne der großen Gitarrenhelden, sondern mit einer präzisen gesanglichen Geduld und vor allem mit viel Geschmack und Einfühlungsvermögen. Seine Linien überzeugen, ohne sich aufzudrängen. Jeder Ton wirkt gesetzt und gehaltvoll, nicht als Pose. Er könnte auch in einer gesetzten Top-40-Coverband spielen, und ich muss mir oft klarmachen, dass jeder dieser wunderbaren Töne ja wirklich von ihm selbst vor vielen Jahren komponiert wurde. Diese Musik lebt von der Substanz, nicht von Virtuosität.
Und dann Steve Hogarth. Im Zentrum, immer präsent. Charismatisch, kehlig, hell, verletzlich, theatralisch – und erstaunlich sicher. Seine Stimme traf die Töne, aber wichtiger noch: Sie traf die emotionale Temperatur der Songs. Er ist Schauspieler, Sänger, Erzähler und Suchender (inzwischen eher demonstrativ Findender) zugleich. Sein enges Hemd barg ein eigenes dramaturgisches Risiko; man empfahl ihm im Stillen ein deutlich weiteres Bühnenoutfit, nicht aus modischen Gründen, sondern aus Sorge, dass es den emotionalen Druck des Abends nicht überstehen könnte. Die stimmliche Kondition jedenfalls war 100 Prozent da.

Songs als Erinnerungsspeicher
Mit „Easter“ kam einer jener Momente, in denen Marillion ihre besondere Kraft ausspielen. Das Lied ist im Grunde einfach, fast kinderliedhaft in seiner melodischen Direktheit, und gerade deshalb funktioniert es live so stark. Das Publikum sang mit, nicht als pflichtschuldige Audience Participation, sondern weil der Song diese Einladung in sich trägt. „Easter“ ist nicht nur ein Stück über Irland, Erinnerung und Hoffnung. Am Bonner Rhein bekam es eine zusätzliche Ebene. Flüsse sind in der Musik nie nur Landschaft. Sie speichern Geschichte, Verlust, Schuld, Schönheit und Wiederkehr.
Hier berührt Marillion etwas, das Progressive Rock im besten Sinn ausmacht: große Bögen, aber keine bloße Größe. Progressive Rock ist eben mehr als komplizierte Taktarten, lange Soli und verschachtelte Formen. Es geht um Dramaturgie, um Stimmungswechsel, um literarische Texte, um musikalische Räume, in denen sich ein Gedanke entwickeln darf. Prog braucht Zeit. Aber Zeit allein genügt nicht.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen „langem Atem“ und „Langatmigkeit“. Langatmig ist Musik, wenn sie dauert, ohne sich zu verändern. Wenn Wiederholungen nur Zeit füllen, wenn Virtuosität nicht mehr dem Ausdruck dient, sondern sich selbst vorführt. Langer Atem dagegen bedeutet: Ein Stück darf wachsen. Es hält Spannung über Dauer. Es nimmt das Publikum mit, ohne es zu hetzen. Marillion gehören zu den Bands, die diesen Unterschied kennen.
„Care“ war einer der weiteren emotionalen Schwerpunkte. Das Stück ist in seiner Grundidee fast ein Anti-Rocksong: keine Pose, kein Triumph, keine Flucht ins Fantastische, sondern Fürsorge, Krankheit, Medikamente, Endlichkeit. Schon der Untertitel „Maintenance Drugs“ öffnet eine ganze Welt: Tabletten, Dosierungen, Nebenwirkungen, Erhaltung, Müdigkeit, Würde.
Hogarth singt „Care“ nicht wie ein Sänger, der eine Geschichte erzählt, sondern wie jemand, der am Bett sitzt. Das ist vielleicht die größte Qualität der späten Marillion: Sie machen aus großen Themen keine plakativen Botschaften, sondern menschliche Zustände. Pflege, Angst, Nähe, Mitgefühl – all das wird mit-gefühlt.
„Season’s End“ kam hymnisch, breit, fast feierlich. Die Band kann diese Art von Pathos immer noch, aber sie weiß auch, wie gefährlich Pathos ist. Bei Marillion bleibt es meist gebunden an Melancholie. Rotherys Gitarrenton war hier wieder der eigentliche Erzähler: keine Überredung, sondern Erinnerung.
„Sugar Mice“ als Zugabe wirkte ohne die („annoying“ – kurzes unkontrolliertes Live-Zitat von Steve Hogarth) Zusatz-Percussion freier, direkter, ehrlicher. Diese Band braucht weniger, nicht mehr.
Marillion ohne Fish zu denken, ist für mich unmöglich. Die frühen Alben – „Script for a Jester’s Tear“, „Fugazi“, „Misplaced Childhood“, „Clutching at Straws“ – gehören zum Fundament des Neo-Prog. Fish war der Narr, der Soldat, der schottische Geschichtenerzähler, der Sänger als Figur. Sein Abgang hätte das Ende der Band sein können.
Dass es nicht so kam, ist die eigentliche Marillion-Geschichte. Steve Hogarth ersetzte Fish nicht, indem er ihn imitierte. Er machte aus Marillion eine andere Band. Weniger Kostüm, mehr Innenleben. Weniger barocke Maske, mehr moderner Schmerz. Die Hogarth-Ära ist inzwischen nicht mehr das zweite Kapitel, sondern der längere Hauptteil dieser Geschichte.
Ich habe „Kayleigh“ an diesem Abend vermisst. Ja, es ist der offensichtliche Hit. Ja, es gehört einer anderen Inkarnation der Band. Aber manchmal darf eine Band sich selbst auch einmal covern. Zumal diese Vergangenheit nicht irgendein Fremdkörper ist, sondern ein Teil der DNA. Hogarth muss Fish nicht spielen, um „Kayleigh“ glaubwürdig zu singen. Er könnte es wie einen alten Brief lesen, der nicht an ihn adressiert war – und den er trotzdem versteht.
„Man of a Thousand Faces“. Von den tausend Gesichtern sah man heute eigentlich nur eines: das des gereiften, großen Sängers, der nicht mehr beweisen muss, dass er alles kann. Und vielleicht ist genau das ein Gewinn. Hogarth gehört zu den großen Stimmen der Rockgeschichte, nicht weil er immer glänzt, sondern weil er Verwundbarkeit zulässt.
Auffällig im Line-up war die zusätzliche „Hybrid“-Percussion. Andy Gangadeen war als alternativer Percussionist dabei, ausgestattet mit zwei Roland-HandSonic-Samplepads. Er hat mit großen Leuten gearbeitet: Incognito, Duran Duran, Faithless, Massive Attack, Spice Girls, Jeff Beck. Ein etwas albernes, überflüssig Raum einnehmendes E-Drumset, das das akustische Schlagzeug als Centerpiece von der Bühne verdrängt hat. Dadurch wollte Marillion live eine weitere Ebene bekommen – weniger „klassischer Percussionist mit Congas“, mehr ein elektronischer Rhythmus-Architekt, der den Progressive-Rock-Sound in Richtung moderner Ambient-, Dance- und Hybrid-Ästhetik öffnet. Eine Verjüngungskur?
Das brachte an manchen Stellen zusätzlichen Druck, an vielen anderen Stellen nahm es ihn eher weg und „verdünnte“ den Groove. Bei „Season’s End“ etwa sollte die Percussion treiben, stand aber wie ein Fremdkörper, wie jemand, der noch mitspielen will, im Raum. Bei „Care“ funktionierte eine einfache Kuhglocke des Sängers durchaus charmant, und insgesamt fragte man sich meist, ob eine Band wie Marillion solche zusätzlichen rhythmischen Stützen wirklich braucht. Ich liebe Percussion, aber meine in diesem Kontext klar: Nein.

Orte, an denen Musik Zeit hat
Wer selbst Progressive Rock macht, weiß, wie schwer es ist, große Formen lebendig zu halten. Mit meiner eigenen Band Voyager IV habe ich diese Sprache ebenfalls gesucht – Klassik, Rock, Mythos, Stimme und Erzählung miteinander zu verbinden. Aber der Vergleich muss bescheiden bleiben: Marillion stehen seit Jahrzehnten auf einer eigenen Ebene. Man hört ihnen zu, um zu lernen, wie man Dauer mit Bedeutung füllt.
Verbindungen und Parallelen gibt es dennoch genug: der Rhein, die Loreley, der lange Schatten von Peter Gabriel und Real World. Marillion haben in Peter Gabriels Real World Studios aufgenommen; wir haben in den gleichen Betten gelegen und die gleichen Instrumente gespielt, in die gleichen Mikrofone gesungen.
Bonn, die Rheinaue, die Nähe zur Loreley (auch eine unvergessliche gemeinsame Erfahrung mit Voyager IV) – das alles ist für Progressive Rock nicht bloß Kulisse. Die Loreley war über Jahre ein mythischer Ort dieses Genres, ein Felsen, auf dem lange Stücke, große Gesten und geduldiges Hören selbstverständlich waren. Dass diese Festivaltradition in ihrer bisherigen Form seit 2024 nicht mehr existiert, ist ein kultureller Verlust. Prog braucht solche Orte. Bühnen, auf denen Musik nicht nach drei Minuten zum Punkt kommen muss. Orte, an denen Publikum und Musiker bereit sind, sich auf einen längeren musikalischen Bogen einzulassen.
Der KUNST!RASEN wurde an diesem Abend für einige Stunden zu einem würdigen Vertreter dieser Tradition. Nicht wie die Loreley, wie ein Tempel hoch über dem Fluss, aber offen, heiß, rheinisch, erwartungsvoll.
Muss man Marillion kennen? Ja. Muss man ihre Alben hören? Ja. Muss man 2026 unbedingt noch in eines ihrer Konzerte gehen? Vielleicht. Dieser Abend war nicht in jedem Moment zwingend. Manches wirkte zu kontrolliert, manches zu zusätzlich, manches war früher vielleicht besser. Und doch gab es immer wieder diese Augenblicke, in denen klar wurde, warum diese Band Bestand hat.
Progressive Rock ist nicht tot. Als Musik des langen Atems. Ein Statement, eine alternative Lebensform als Gegenstück zum Umherzappen und One-Hit-Wundern. Marillion zeigten in Bonn, dass dieser lange Atem noch trägt – mit Würde, Erfahrung und einer Stimme, die noch immer etwas riskiert, immer noch Weltklasse ist. Danke, Marillion, für einen Abend der Kontinuität, der kleinen Widersprüche und der Musik des langen Atems.
Alle Fotos: Marc John



