Bonn tanzt. Am 08. Juli 2026 wurde der Kunst!Rasen in der Gronau für einige Stunden zu einer Bühne der großen Pop-Erinnerungen: mit Rheinluft, Sommerhimmel, Museumsmeile in der Nähe und jenem besonderen Bonner Publikum, das sich zunächst gern etwas zurückhaltend gibt – bis der Groove stärker ist als jede Contenance.
Kid Creole & The Coconuts. Allein dieser Name klingt noch immer wie eine Einladung in eine andere Welt: New York, Karibik, Latin-Club, Broadway-Revue, Calypso-Bar, Funk-Orchester und Comicstrip zugleich. August Darnell, der Mann hinter Kid Creole, ist kein Sänger im gewöhnlichen Sinne. Er ist eine Kunstfigur, ein Dandy, ein Trickster, ein tropischer Conférencier. Mit Hut, Haltung und jenem ironischen Lächeln, das immer andeutet: Diese Show weiß sehr genau, wie künstlich sie ist – und gerade deshalb ist sie wahr. Habe lange keinen überzeugenden Entertainer mit Hut und zitronengelben Anzug gesehen. Gestern habe ich bemerkt, wie sehr ich es vermisst hatte.
Der Zauber dieser Band liegt im Zusammenspiel. Kid Creole steht nie allein auf der Bühne. Er braucht die Coconuts, und die Coconuts brauchen ihn. Sie sind nicht einfach Backgroundsängerinnen, sondern das dramaturgische Zentrum dieses Tropen-Musicals. Sie kommentieren, necken, verführen, widersprechen, treiben an. Fast wie ein griechischer Chor, nur mit mehr Hüftschwung, mehr Glamour und mehr Tempo. Ihre Stimmen, ihre Gesten, ihre Choreografie machen aus den Songs kleine Szenen. Aus Popnummern werden Miniaturen einer karibisch-new-yorkerischen Revue.

„Annie, I’m Not Your Daddy“, „Stool Pigeon“ und „I’m a Wonderful Thing, Baby“ gehören zu den unsterblichen Dancehits jener Zeit – und auf dem Bonner Kunst!Rasen klangen sie nicht wie Museumsstücke, sondern „fresh as hell“.
Der große Nachteil so eines wunderbar ästhetischen und tanzenden „Background“-Trios ist natürlich, dass ich mich die ganze Zeit kaum auf die Musik konzentrieren konnte. So eine perfekt abgestimmte Choreografie in Tigersuits ist optisch schon recht dominant. Da bleibt für den „Rest der Band“ nicht mehr so viel Aufmerksamkeit übrig.
Doch jetzt mal Konzentration: eine überragende Band. Alles hatte Witz, Körper und Timing. Diese Musik lebt vom Blickkontakt, von kleinen Pausen, von genau gesetzten Akzenten, vom Lächeln im Offbeat. Sie lässt sich nicht einfach konservieren. Sie muss gespielt werden.
Wenn Kid Creole & The Coconuts den Kunst!Rasen in eine tropische Theaterbühne verwandelten, dann machten Nile Rodgers & CHIC daraus später eine elegante Disco-Kathedrale. Nile Rodgers ist einer jener Musiker, deren Handschrift man nach zwei Takten erkennt. Sein Gitarrenanschlag ist mehr als ein Stilmittel. Er ist ein kulturelles Signal. Sobald diese trockenen, federnden Funk-Riffs erklingen, weiß der Körper früher Bescheid als der Kopf.

„Everybody Dance“, „Le Freak“, „Good Times“ – das sind keine gewöhnlichen Hits mehr. Das sind kollektive Erinnerungsräume. Man hört sie, und sofort stehen Jahrzehnte Popgeschichte im Raum: Discokugeln, Tanzflächen, Radiosommer, Partys, Jugend, Aufbruch, Eleganz, Sehnsucht. Rodgers spielte diese Songs nicht wie Denkmäler, sondern wie lebendige Versprechen. CHIC klangen präzise, kraftvoll und zugleich erstaunlich warm. Eine Band, die weiß, dass Funk nur funktioniert, wenn Disziplin und Lust zusammenkommen.
Das war nicht immer so. In verschiedenen Interviews erzählt Rodgers, sein Herz habe mehrfach aufgehört zu schlagen – mal ist von sieben, mal von acht Herzstillständen die Rede. Der Kern bleibt derselbe: eine Nacht des Exzesses, Kokain, Alkohol, Kollaps, Erbrechen, Aspirationsgefahr, Krankenhaus. Ein Rock-’n’-Roll-Tod, dem er nur knapp entkam.
Wichtig ist, dass Rodgers diese Geschichte nicht als Mystiker erzählt, sondern als Überlebender. Er schildert sich rückblickend als „high-functioning drunk“, als einen, der trotz massiver Sucht nach außen noch funktionierte. Er nimmt Robert Downey Jr., mit dem er damals unterwegs war, ausdrücklich aus der Verantwortung. Es sei nicht dessen Schuld gewesen, sie hätten gefeiert. Der eigentliche Wendepunkt liegt für Rodgers woanders: Er erkannte, dass er Musik mehr liebte als Drogen und Partys. Seit den 1990er-Jahren lebt er nach eigener Darstellung abstinent von Alkohol, Kokain und anderen bewusstseinsverändernden Substanzen.
Vielleicht sah man deshalb an diesem Abend in Bonn nicht nur einen Hit-Produzenten, nicht nur einen Disco-Architekten, nicht nur einen Mann mit einer der berühmtesten rechten Gitarrenhände der Popgeschichte. Jeder Musiker träumt davon, nur mal einen dieser unsterblichen Welthits zu schreiben. Nile bringt ganze Blumensträuße davon mit. Man sah auch jemanden, der dem eigenen Körper eine zweite Chance abgerungen hatte.
Wer seine regelmäßigen Walks verfolgt, diese fast rituellen Spaziergänge, erkennt darin das Gegenbild zu jener alten Geschichte: früher Nacht, Exzess, Kokain, Alkohol, Herzstillstand; heute Gehen, Tageslicht, Wiederholung, Körperkontrolle, Disziplin. Bei Nile Rodgers ist „in Bewegung bleiben“ längst mehr als eine musikalische Metapher. Es ist Lebensphilosophie.
Nile Rodgers ist Produzent, Gitarrist und Architekt ganzer Pop-Epochen. Sister Sledge, Diana Ross, David Bowie, Madonna, Daft Punk – seine Spuren ziehen sich durch die Musikgeschichte wie glänzende Linien über eine Tanzfläche. Doch auf dem Kunst!Rasen wurde daraus kein Vortrag über Verdienste. Es wurde ein Fest. Ein Fest der Songs, der Körper, der Erinnerungen.
Bonn nahm diese Einladung dankbar an. Man sah Menschen, die anfangs noch mit verschränkten Armen dastanden und später tanzten. Paare, die sich anlächelten. Gruppen, die plötzlich gemeinsam sangen.

Das war vielleicht das Schönste an diesem Konzert: Es lebte nicht von Nostalgie allein. Es zeigte, dass gute Dance-Musik keine Flucht aus der Wirklichkeit ist, sondern manchmal eine besonders kluge Antwort auf sie. Sie erinnert daran, dass Leichtigkeit nicht oberflächlich sein muss. Dass Eleganz und Ekstase zusammengehören können. Dass eine echte Band einen Ort und eine Zeit verwandeln kann.
Die Nacht war warm, die Songs hingen noch in der Luft, und Bonn fühlte sich für einen Moment größer an: weltläufiger, weicher, tanzbarer. Kid Creole brachte den Witz und den tropischen Glamour, die Coconuts das Feuer und die theatralische Raffinesse, Nile Rodgers & CHIC den unsterblichen Groove. Diese ganzen wunderbaren Hits können doch nicht alle von diesem Typ dort mit der Stratocaster-Gitarre kommen? Doch, können sie.
Und Bonn? Bonn hatte genau darauf gewartet und begann zu tanzen.
Alle Fotos: Marc John



