Heißt auf Deutsch: „Ein wahrer Italiener.“
Gemeint ist meist nicht nur die Nationalität, sondern ein Lebensgefühl: jemand, der „typisch italienisch“ wirkt – mit Sprache, Gestik, Musik, Essen, Temperament, Stil, vielleicht auch ein bisschen Klischee.
Bekannt ist die Wendung aus Toto Cutugnos Lied „L’Italiano“, wo sie ungefähr dieses selbstironische, stolze Bild des Italieners beschreibt.
Lorenzo Cherobini alias Jovanotti ist so ein „Italiano Vero“, und er präsentiert sich in Bonn auf dem Kunstrasen am 07.07.2026 ganz wunderbar, überzeugend und voller Energie. Das oben genannte ikonische Lied hat er aber nicht geschrieben. Aus allen Kehlen gesungen wird es an diesem Abend trotzdem.
Wie auf dem Kunstrasen üblich – pünktlich um 19.00 Uhr fängt die Vorgruppe an: Jack Savoretti. Ein typischer italienischer Singer-Songwriter mit einer wunderbaren Stimme. Wenn er spricht. Wenn er singt, wird es allerdings sehr angestrengt. Heiser, über die Grenzen des Machbaren eines menschlichen Gesangsorganes herausgehend. Da ist so viel Elan, Energie und Pose in jedem Laut, dass ich ein bisschen Angst habe, ob er morgen überhaupt noch ein Wort herausbringen kann – so belastet er seine Stimmlippen. Die Songs schön, aber vorhersagbar. Wenn man bei einer aktuellen KI „Singer-Songwriter, englisch, mit italienischem Akzent und Drei-Akkorde-Songs“ eingibt, kommt vielleicht ein Jack Savoretti heraus.
Als Jovanotti die Bühne betritt, merkt man sofort, wer hier der Chef ist. Wer die Zügel der großen Band in der Hand hat. Und bei aller Berechnung, bei aller Verantwortung und demonstrativer Emotion trotzdem immer sympathisch bleibt.
Jovanotti, mit Schlabberhose und Hosenträger, sah erst so lässig aus, als sei er gerade mal kurz aus dem Garten vorbeigekommen. Beim zweiten Liveset dann ein dickes goldenes Stagehemd, das so dick ist, dass man auch bei größerem Energieumsatz keine Schweißflecken bemerken kann.

Diese Hitze an diesem wunderbaren Sommerabend passte zu Lorenzo Cherubini. Er ist ein Künstler der Körpertemperatur: kein distanzierter Pop-Architekt, sondern ein Sänger, Rapper, Tänzer, Erzähler, Animateur, Prediger, DJ und Bandleader, der Musik nicht bloß aufführt, sondern in Bewegung setzt. Man konnte an diesem Abend spüren, dass seine Lieder nicht aus einer einzigen Tradition kommen. Sie kommen aus Hip-Hop, Funk, italienischer Canzone, Weltmusik, Dancefloor, Pop, Straßenfest, Philosophie und Lebenshunger.
Jovanotti, 1966 in Rom geboren, begann als DJ, veröffentlichte 1987 seine erste Single „Walking“ und wurde Ende der 1980er mit „Jovanotti for President“ zu einer der prägenden Figuren eines neuen italienischen Popgefühls. Treccani beschreibt seinen frühen Erfolg mit tanzbarer, unbeschwerter Musik, bevor mit „Una tribù che balla“, „Lorenzo 1992“ und „Lorenzo 1994“ eine stärkere Hinwendung zu inhaltlicher Tiefe und später zu World-Music-Einflüssen begann.
Genau darin liegt seine musikgeschichtliche Bedeutung. Jovanotti hat Hip-Hop in Italien nicht einfach importiert, sondern mediterranisiert. Aus amerikanischen Beats wurden italienische Bewegungsbilder. Seine Musik sagt: Wir sind Körper. Wir sind Rhythmus. Wir sind verletzlich. Wir feiern nicht, weil alles gut ist, sondern weil das Feiern selbst eine Überlebensform ist. Italien wurde nicht als Klischee aufgerufen, sondern als Energieform.
Jovanotti kann ein bisschen Deutsch: „Tanzen-lied“ und „Liebes-lied“. Damit hat er sein gesamtes Repertoire eigentlich schon ganz gut umrissen. Es geht hier nicht um Extreme, um Nischen oder extra-ordinaire Wahrnehmung in den Songs. Einfache Sachen, zu weiten Teilen eben entweder: „Tanzen-lied“ oder „Liebes-lied“.
Damit macht er es uns beim Konzert auch sehr viel leichter. Denn das fast allermeiste versteht man als Nicht-Native-Speaker italienisch gar nicht. So ein italienischer Rap hat, ähnlich wie das amerikanische Original, ja einen sehr hohen Wort-Zeit-Quotienten.
Die Band war vom ersten Ton an überzeugend: Saturnino am Bass. Wirft aus unerfindlichen Gründen während des Konzertes etwa 30 Plektren ins Publikum. Ich habe es mal recherchiert: Eddy van Halen wurde offiziell untersagt, seine Plektren beim Spiel ins Publikum zu werfen, da sich die Zuschauer zu wild beim Einfangen des Souvenirs gestritten und geprügelt haben. Das war heute aber kein Problem, mit dem Prügeln. Adriano Viterbini an der Gitarre, Christian „Noochie“ Rigano und Franco Santarnecchi an Tasten und Elektronik, Carmine Landolfi am Schlagzeug.
Was für ein wunderbarer Drummer! Carmine „B-Dog“ Landolfi war das rhythmische Kraftzentrum des Abends. Seine Snare hatte diese seltene Mischung aus Wucht, Wärme und Elastizität: nicht nur laut, sondern fleischig, satt und tief im Groove verankert. In seiner körperlichen Art, den Backbeat zu setzen, und in den federnden Ghost Notes erinnerte er mich an Dennis Chambers. Jemand, dem man unbedingt vertrauen kann. Jemand, der nach auch wilden und gewagten Breaks immer ganz genau zusammen mit den anderen auf dem richtigen Akzent landet. Leonardo Di Angilla und Kalifa Kone an Percussion, Gianluca Petrella, Camilla Rolando und Sophia Tomelleri in der Bläsersektion sowie Moris Pradella, Jennifer Vargas und Micol Touadi bei Chor und zusätzlicher Gitarre. Ein tolles Team. Es ist sicher eine Freude für Lorenzo, mit dieser musikalischen Familie auf Tour zu sein: 9.7. Monaco, 10.7. Wien, 11.7. Barcelona, 15.7. Luxembourg, 16.7. Montreux, 18.7. Genk, 24.7. Vaduz. Have Fun!
Gerade im Zeitalter der KI war es ein Glück, eine solche Liveband zu erleben. An diesem Abend war Musik keine Datei, sondern ein Ereignis. Sie arbeitet mit Rhythmus, Atmung, Wiederholung, Berührung, kollektiver Synchronisation. Jovanottis „Penso positivo“ ist deshalb nicht bloß ein Popslogan, sondern fast eine neurophysiologische Formel: Der Körper denkt mit, wenn er tanzt.
Aus aktuellem Anlass möchte ich Jovanotti mal mit Till Brönners Album „Italia, 2025“ vergleichen. Brönner nähert sich Italien aus der Perspektive des eleganten Erinnerns. „Italia“ ist eine Reise in den sonnengetränkten Klang Italiens der 1960er bis frühen 1980er Jahre; die Platte ist Hommage, Klangpostkarte, Jazz-Veredelung, europäische Erinnerung.
Jovanotti dagegen ist kein Blick zurück auf Italien, sondern Italien als Gegenwartskraft. Brönner erzählt Italien wie einen Film in warmem Licht; Jovanotti macht daraus ein Straßenfest, bei dem der Film plötzlich aus der Leinwand springt. Brönner ist für Möchtegern-Italiener. Jovanotti ist für richtige Italiener (s.o. „Italiano vero“).
Am Ende blieb das Gefühl, dass man einen „ragazzo fortunato“ gesehen hatte – aber auch, dass das Glück ansteckend war. Nicht naiv, nicht billig, nicht ironisch gebrochen. Sondern als Entscheidung: trotz Hitze, trotz Müdigkeit, trotz Weltlage, trotz digitaler Überkontamination. Eine Entscheidung zum Glück.
Schon der Name Jovanotti entstand aus einem Missverständnis – aus „Joe Vanotti“ wurde auf einem Club-Plakat „Jovanotti“, und der Fehler blieb. Vielleicht passt kaum etwas besser zu ihm: Dieser Künstler hat immer aus Umwegen Energie gemacht.
Nach einem schweren Fahrradunfall mit gebrochenem Oberschenkel und Knocheninfektion war Jovanotti lange krank und musste sich in die Welt zurücktrainieren. Das ist ihm gut gelungen. Er präsentierte sich heute topfit. Er schrieb damals das Album „Il Corpo humano“:
„Der menschliche Körper, der menschliche Körper,
der weiter reicht als der Blick und als die Hand.
Der menschliche Körper kann aus der Ferne töten,
doch er stirbt in einem Zimmer, wenn man ihm die Hoffnung nimmt.Und die Hoffnung ist das Letzte, was stirbt.
Der menschliche Körper muss aufblühen.
Nie genug – Überleben – welche unermessliche Freude,
wenn der Körper tanzt, wenn der Körper tanzt,
Knie und Ellenbogen, Bauchmuskeln,
Sexualorgane,
Leber und Bauchspeicheldrüse, Rückenmuskeln,Magen und Lungen, neuronale Netze,
Ursprünge aus Sternen – öffne die Flügel.
Tanze, tanze.
Öffne die Flügel und tanze.“
Wenn er von Hoffnung, Tanz und Leben singt, klingt das nicht mehr wie bloßer, gelernter Pop-Optimismus. Es ist keine Kopie von irgendwas. Jovanotti tanzt nicht, weil er sich für unverwundbar hält. Sondern weil er Verletzungen, Angst, Schmerz und dann doch Heilung kennt.
Ja, das ist eine schöne, ansteckende Message: Breite deine Flügel aus und tanze! So kann man sein mit 60. Danke, Lorenzo.
Alle Fotos: Johannes Kuchta


