Das laute, lebhafte Lachen dreier Damen in Sommerkleidern füllt die Linie 63 direkt neben mir. Mit gut gekühltem Wasser, schwerem Rotwein und der Vorfreude auf ein französisches Chanson-Erlebnis sind sie bestens gerüstet. Sie werden den Sommerabend mit ihrem Picknick wohl mit Rheinblick in der Nähe der weit schallenden Live-Location genießen. Wir steigen alle an der Haltestelle Heussallee aus, da die Linie 66, die auch in der Rheinaue hält, gerade saniert wird.

Etwa 6.500 Zuschauer kommen am 15. Juli zu der 1980 in Tours, Frankreich, geborenen Isabelle Geffroy mit dem Künstlernamen Zaz. Der Künstlername steht symbolisch für einen geschlossenen Kreislauf und die Gesamtheit aller Dinge, da er den letzten Buchstaben des Alphabets, dann den ersten und dann wieder den letzten enthält.

Zaz am 15.07.2026 auf dem Bonner Kunstrasen

Zaz beginnt ihr Konzert gegen 19:48 Uhr mit einem atmosphärischen Live-Intro und einer Videoansprache auf der großen Leinwand, indem sie das Publikum direkt auf Französisch anspricht. In ihrer projizierten Botschaft thematisiert Zaz die Angst als eine vom eigenen Verstand erschaffene Illusion, die den Menschen davon abhält, wirklich frei und authentisch zu leben. Sie beschreibt dieses Gefühl als ein Konstrukt, das uns in der Vergangenheit oder in der Zukunft gefangen hält, anstatt uns das Hier und Jetzt erleben zu lassen. Das Video fungiert als eine kollektive Einladung an das Publikum. Sie fordert ihre Zuschauer, diese erfundenen Ängste und die Einsamkeit für die Dauer des Konzerts bewusst loszulassen. Sie betont, dass wir alle unser eigenes Glück und unsere Freude in uns tragen und sie als Gemeinschaft bei dem Konzert teilen möchten.

Auch spätere, ausgefeilte Live-Projektionen, bei denen sich Zaz mitunter selbst filmt, erinnern ein bisschen an legendäre Konzertauftritte der Kanadierin Leslie Feist 2023, die auf ihrer Multitudes-Tournee auch mit Live-Kameras und visuellen Monologen arbeitete. Die augenzwinkernden Selbstinszenierungen der Künstlerinnen haben Massenwirkung. Kurz nachdem die Einleitung verklungen ist, betritt Zaz unter dem Jubel der Zuschauer leibhaftig die Bühne. Nun eröffnet sie den Abend, begleitet von einer vierköpfigen Band mit einem Gitarristen, einem Keyboarder, einem Bassisten und einem Schlagzeuger.

Zaz’ eindringliche, geschmeidige, warme und mitunter raue Stimme vibriert mit charakteristischen Färbungen. Organische Kompositionen von bittersüßer Schönheit sorgen für Nostalgie. Mit Feingefühl tragen verwehende Synthesizer, flatternde, verhallte und schnatternde Gitarren sowie leicht trottende und charmant rumpelnde Percussion die berührenden, selten simplen Melodien.

Zaz am 15.07.2026 auf dem Bonner Kunstrasen

Zaz tritt stilvoll in wechselnden, schwarzen Kostümen auf und setzt sich in Pose. Die 46-Jährige trägt ihre Songs sinnlich und besonnen mit Ernsthaftigkeit, einer klaren Vision und authentischem Spaß an der Performance vor. Sie gebärdet sich tobend mit ekstatischer Ausgelassenheit und mit athletischen Luft-Kicks. Elegant getragene Klangfragmente entfachen cineastisch leichte Funken von Pathos, Adrenalin und Unbeschwertheit. Wabernd harmonierende Arrangements heizen Gefühle von Dringlichkeit und Euphorie an. Die Reibung bleibt über den ganzen Abend spürbar.

Zaz genießt seit 16 Jahren Bühnenerfahrung und trat bereits 2013 und 2019 auf der Open-Air-Bühne im Bonner Stadtteil Gronau auf. Sie zelebriert ihre Songs mit mitreißender Energie und ihre Fans wollen Teil dieser tobenden Ausgelassenheit sein. Die Künstlerin liegt auf dem Bühnenboden oder tänzelt um ihre Musiker. Mit entschlossenen Schritten verlässt sie bald die Bühne und badet im Publikum. Zaz’ flirrende Stimme schwillt an und kommt schwermütig in Wallungen.

Mit ihrem expressiven, mitunter auch wehmütigen Gesang erzählt sie Nachdenkliches zwischen Traurig- und Fröhlichkeit und simple Wahrheiten von lebensbejahender Kraft. Zaz singt in dem neuen Song „Au pays des merveilles“ (Im Wunderland) sowie in „Sains et saufs“ (Gesund und munter) offen über ihre schwere Vergangenheit mit Alkohol- und Drogensucht. Sie beschreibt in „Au pays des merveilles“ die Drogenwelt rückblickend als ein scheinbares „Wunderland“, aus dem sie nur wie durch ein Wunder lebend entkommen ist.

Sains et Saufs“ ist ein hymnischer Aufruf zur Selbstliebe, inneren Heilung und Abgrenzung. Das Lied handelt davon, sich aus toxischen Verbindungen zu befreien, für sich selbst einzustehen und zu erkennen, dass man nur dann von anderen geliebt werden kann, wenn man sich selbst liebt. In „La flamme“ erinnert Zaz an die Pionierinnen der Frauenbewegung, die vor ihr für ihre Rechte eingetreten sind. Sie gedenkt der Frauen, die trotz Unterdrückung Barrieren durchbrochen, Wut in Veränderung umgewandelt und ein neues Selbstbild geprägt haben.

Etwa die Hälfte der performten Songs sind, wie die drei oben genannten, vom aktuellen Album Sains et Saufs, das im September 2025 erschien. Andere vorgetragene Songs der Künstlerin handeln assoziativ vom Aufbruch, von Sehnsüchten und Begegnungen, von der Kunst, der Liebe, von Grenzen und Zweifeln.

Zaz am 15.07.2026 auf dem Bonner Kunstrasen

Zwischen den Songs spricht sie mit dem Publikum in ihrer Landessprache Französisch über Haltung, Identität und Idealismus. Anfangs erprobt sie noch ihre Deutschkenntnisse während der Ansagen. Später bittet sie Besucher, die des Französischen mächtig sind, ihre Ausführungen oder Lyrics denjenigen mit nicht so guten Französischkenntnissen zu übersetzen. Tatsächlich übersetzen einige im Publikum ihren Nebenstehenden dezent das gerade Gesagte oder Gesungene. Während der ersten Zugabe mit „Camarade“ bittet sie die Besucher, mit jemandem, den man nicht kennt, Walzer zu tanzen. Tatsächlich bittet mich eine hinter mir stehende, mir unbekannte Frau zum Tanz.

Ausgeklügelt balanciert die charismatische Sängerin auf dem schmalen Grat großer Gefühle. Ihre vierköpfige Band rockt musikalisch tight und mit fast schon nervöser Präzision ab. Der wuchtige, nuancenreiche Klang enthält stets auch Jazz-Elemente. Das Gesamtbild ist fluffig-luftig, angenehm bodenständig energiegeladen und auch während orchestraler stilvollendeter Gewitter unerbittlich-optimistisch. Die Musiker variieren eingängige Motive, sodass die Musik in kurzen Instrumentalteilen, während Zaz sich umzieht, anders atmet. Elegische Melodien tanzen erhaben euphorisch umeinander.

Zaz schafft unmittelbar zugängliche, organische Songstrukturen zwischen Grooviness und emotionsgeladenen Klangarchitekturen. Die eingängige Motive variieren und entwickelt sich. Die letzte Zugabe ist „Je veux“, der bisher größte Hit der Künstlerin von 2010. Er handelt von der radikalen Absage an Konsum, Materialismus und gesellschaftliche Zwänge zugunsten von echter Freiheit, Liebe und Lebensfreude. Der Abend ist ein Konzerterlebnis, das das Leben voller Intensität, Leidenschaft und Melancholie feierte.

Wegen der Abendröte und den Einschränkungen des öffentlichen Nahverkehrs lässt sich nach Konzertende gegen 22 Uhr eine ganze Masse beglückter Heimreisender auf der Rückfahrt als Radlerkorso am Rhein im letzten Licht ausmachen.

Zaz am 15.07.2026 auf dem Bonner Kunstrasen

Alle Fotos: © Ansgar Skoda.
Mehr Bildeindrücke im Kulturblick-Fotoalbum.

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