Nick Cave & The Bad Seeds auf dem Bonner Kunst!Rasen, 25. August 2026
Schon von Weitem rollen wagnerische Klangwellen über den Rhein. Es ist laut. Sehr laut. Die Nachbarn auf der anderen Rheinseite werden vermutlich weniger begeistert sein als die Menschen vor der Bühne.
Nick Cave ist inzwischen 68 Jahre alt. Im immergleichen schwarzen Anzug (den er täglich nach der allmorgendlichen eiskalten Dusche zu Hause wie eine zweite Haut anlegt, um sich sicher und stabil genug für den kommenden Tag zu fühlen) bewegt er sich am Bühnenrand entlang, beugt sich weit über die ersten Reihen, greift nach Händen, fixiert Gesichter und scheint sich von der körperlichen Nähe seines Publikums regelrecht aufzuladen. Seine Bewegungen haben noch immer etwas Raubtierhaftes, gleichzeitig aber zunehmend etwas Pastorales. Nicht der nette Pastor von der Kirche um die Ecke, sondern eher ein australischer Verwandter von Charles Manson.
Cave ist Prediger und Zweifler, Verführer und Beichtender, Zeremonienmeister und Trauernder. Einer, der stellvertretend für andere weinen darf und im nächsten Moment jemanden im Publikum als „fucking bastard“ beschimpft oder fragt: „What the fuck is wrong with you?“ Seltsamerweise klingt selbst das wie eine Liebeserklärung. Kurz darauf sind alle wieder „beautiful people“. Einmal wird ihm sogar eine Telefonnummer zugesteckt. Auch in einer säkularen Messe bleibt vielleicht noch Platz für einen One-Night-Stand. Aber er ist ja glücklich verheiratet.

Ordnung gegen das Chaos
Cave trägt seit Jahrzehnten immer den gleichen Anzug. Die Schuhe dazu bekommt er kostenfrei vom Designer regelmäßig zugeschickt. Das ergibt mehr Zeit für die Kunst. Nach meinem Empfinden ist der Schwerpunkt mehr auf der Kunst, nicht so auf der Musik.
Wenn die Welt chaotisch ist, muss wenigstens ein Teil des eigenen Lebens Ordnung haben. Cave kennt das Chaos: jahrzehntelange Drogenabhängigkeit, Abstürze, Verluste. Heute erzählt er von Ritualen, vom kalten Duschen am Morgen und von Routinen. Und er besitzt ein geradezu beneidenswertes Selbstbewusstsein: Schon als Kind, erzählt er, sei er davon überzeugt gewesen, dass das, was er tue, wichtig sei.
Bescheidenheit wäre fehl am Platz
Fast jeden Song kündigt er entsprechend als „beautiful song“ an.
Bescheidenheit ist seine Sache nicht.
Und vielleicht wäre sie an diesem Abend auch fehl am Platz.
Mit „From Her to Eternity“, „Train Long-Suffering“ und „Tupelo“ trifft die rohe, bedrohliche Welt der frühen Bad Seeds auf die spirituell aufgeladenen Stücke der letzten Jahre. Die alte Aggression ist noch da, aber sie hat Gesellschaft bekommen: Trauer, Zärtlichkeit, Religion und eine fast trotzige Freude am Weiterleben.
Wie außergewöhnlich ist Nick Caves Musik tatsächlich?
Warum diese einfache Musik funktioniert
Reduziert man viele seiner Songs auf ihr musikalisches Grundgerüst, ist das Ergebnis erstaunlich konventionell. Einfache Harmoniefolgen, repetitive Figuren, wenige Akkorde, manchmal minutenlang kaum harmonische Bewegung. Auch Caves Stimme ist technisch keineswegs im klassischen Sinne „schön“.
Und doch funktioniert es.
Vielleicht gerade deshalb.
Cave singt nicht einfach. Er erzählt, droht, fleht, spottet, flüstert und predigt. Ein Song kann bei ihm jederzeit in Theater, Rezitation oder Beichte kippen. Seine Stimme ist weniger Instrument als Charakter.
Der entscheidende, rettende musikalische Gegenpol ist Warren Ellis. Mit Violine, Gitarre, Keyboards und elektronischen Klangflächen öffnet er den Raum um Caves Worte. Töne schweben, flirren und verzerren sich. Aus einem simplen harmonischen Gerüst entsteht plötzlich eine Landschaft.
Auch die Bad Seeds sind weniger Begleitband als ein Organismus. Sie reagieren auf Cave, folgen seinen Bewegungen, lassen Musik anschwellen und wieder zusammenbrechen. Das Entscheidende ist nicht unbedingt, was gespielt wird, sondern wie es sich im Raum entwickelt.

Die Dunkelheit als Erkenntnisraum
Die Partitur allein erklärt Nick Cave ebenso wenig wie bei Leonard Cohen oder Tom Waits. Die Dunkelheit nimmt einen groooßen Raum ein. Im Leben und in der Kunst.
Diese Welt war lange vor den persönlichen Katastrophen dunkel. Gewalt, Schuld, Sünde, Begehren, Tod und die Suche nach einem Gott, an den man gleichzeitig glauben und zweifeln kann, ziehen sich seit Jahrzehnten durch Caves Werk.
Man sollte diese Dunkelheit nicht vorschnell mit einer medizinischen Depression verwechseln. Sie ist vielmehr ein Erkenntnisinstrument. Cave steigt dorthin hinab, wo die angenehmeren Teile der Popkultur selten lange verweilen wollen.
Wie lebt man mit Schuld?
Wie viel Verlust hält ein Mensch aus?
Kann man an einen gütigen Gott glauben, wenn die Welt offensichtlich nicht gütig ist?
Und kann etwas schön sein, obwohl man weiß, dass man es verlieren wird?
Als die Fragen Wirklichkeit wurden
2015 wurden diese Fragen auf grausame Weise konkret. Caves 15-jähriger Sohn Arthur stürzte bei Brighton von einer Klippe und starb. Das Album „Skeleton Tree“ war damals bereits weitgehend geschrieben, doch in Andrew Dominiks Film One More Time with Feeling lässt sich beobachten, wie Cave danach überhaupt wieder versucht, Sprache, Musik und Alltag zusammenzusetzen.
Besonders „I Need You“ wirkt wie ein Dokument völliger Schutzlosigkeit. Die Wiederholungen folgen irgendwann weniger einer Songstruktur als dem Versuch eines Menschen, sich mit Sprache an der Welt festzuhalten.
Auf „Ghosteen“ wurde die Trauer weiter, größer und metaphysischer. Kinder, Eltern, Geister, Pferde und leuchtende Zwischenwelten ziehen durch die Musik. Cave versucht nicht, Arthurs Tod zu erklären. Er lässt vielmehr den Gedanken zu, dass Liebe auch nach dem Tod eine Gegenwart behalten kann.
2022 starb mit Jethro Lazenby ein weiterer Sohn. Hinzu kamen der Tod seiner Mutter Dawn und der Verlust langjähriger Weggefährten.
Und dennoch zog Cave sich nicht aus der Welt zurück. Im Gegenteil.
Der Mensch verändert sich um die Wunde
Das ist vielleicht der entscheidende Wandel des späteren Nick Cave. Die Trauer, die einen Menschen isolieren kann, führte ihn zunehmend zur Begegnung mit anderen.
In seinen „Red Hand Files“ beantwortet er seit Jahren Fragen von Lesern über Tod, Einsamkeit, Glauben und Liebe. In Faith, Hope and Carnage spricht er darüber, wie sich durch den Verlust auch seine Vorstellung vom Künstler verändert habe. Ehemann, Vater, Großvater und Mitmensch zu sein, erscheint plötzlich wichtiger als das alte Bild des genialischen Künstlers.
Cave erzählt deshalb keine Geschichte erfolgreicher Heilung.
Die Wunde verschwindet nicht.
Der Mensch verändert sich um sie herum.
Das 2024 erschienene Album „Wild God“ ist folgerichtig kein fröhlicher Gegenentwurf zu „Skeleton Tree“ und „Ghosteen“. Seine Freude kennt die Katastrophe bereits. Sie ist keine Rückkehr zur alten Normalität, sondern eine Entscheidung für das Leben trotz allem.

Zwischen Rockkonzert und Gottesdienst
Beim Titelsong wird das auf dem Kunst!Rasen körperlich spürbar. Chor, Band und Stimme wachsen zu einem großen, hellen Klang. Die religiösen Fragen sind keineswegs beantwortet. Caves Gott bleibt widersprüchlich, wild und vielleicht unerreichbar. Aber Transzendenz wird nun nicht mehr ausschließlich in Schuld und Leiden gesucht, sondern auch in Gemeinschaft.
Für einige Minuten steht man deshalb tatsächlich irgendwo zwischen Rockkonzert, Trauerfeier und Gottesdienst.
Wer sind all diese Menschen?
Auch das Publikum gehört inzwischen zur Inszenierung.
Viele sind zwischen 40 und 65, kultur-, literatur- und kunstaffin, sozialisiert mit Post-Punk, New Wave und Alternative Rock. Menschen, die irgendwann Joy Division, The Cure, Einstürzende Neubauten, PJ Harvey, Leonard Cohen oder Tom Waits gehört haben. Doch längst nicht alle sehen aus wie ehemalige Bewohner eines düsteren Underground-Clubs.
Cave und sein Publikum sind gemeinsam älter geworden.
Mit 25 konnte man ihn hören, weil er gefährlich war.
Mit 40, weil er über Liebe, Begehren und Scheitern sang.
Mit über 60 hört man denselben Mann über Kinder, Tod, Erinnerung und die Frage sprechen, wie man weiterlebt, wenn etwas geschehen ist, das eigentlich nicht geschehen dürfte.
Es wird nicht alles wieder gut
Vielleicht ist Verletzlichkeit der Begriff, der dieses Publikum am stärksten verbindet.
Cave bietet einen Gegenentwurf zum glatten Popstar. Seine Welt kennt Liebe und Begehren, aber ebenso Schuld, Gewalt, Zweifel und Verlust. Er verspricht seinem Publikum nicht: Alles wird wieder gut.
Seine Botschaft ist komplizierter:
Es kann schrecklich sein – und das Leben kann trotzdem Bedeutung behalten.
Darin liegt vermutlich auch die fast kultische Bindung vieler Fans. Das Konzert bietet ihnen einen Ort, an dem Trauer, Erotik, Aggression, Groteske und Lebensfreude gleichzeitig existieren dürfen.

Weeping Songs, Motherfucker
„These are weeping songs, motherfucker“, sagt Cave irgendwann. Das ist eine Diagnose, größenwahnsinnig, selbstbewusst bei aller Verletzlichkeit und vollkommen ernst zugleich.
Denn genau darin liegt die eigentümliche Größe dieses Abends. Nick Cave romantisiert das Leiden nicht. Der Tod eines Kindes macht niemanden zu einem besseren Künstler. Kunst rechtfertigt keine Katastrophe. Sie kann lediglich eine Möglichkeit sein, danach nicht vollständig zu verstummen.
Und vielleicht erklärt das auch, warum diese meist erstaunlich einfache Musik vor Tausenden Menschen eine solche Wirkung entfalten kann.
Nick Cave hat musikalisch nicht das Rad neu erfunden. Er braucht keine komplizierten Harmonien und keine demonstrative Virtuosität. Was er über Jahrzehnte geschaffen hat, ist etwas anderes: eine glaubwürdige Verbindung zwischen einer künstlerischen Figur und dem wirklichen Leben eines Menschen.
Der hagere Mann im schwarzen Anzug (seiner Anzugdesignerin, einer engen Freundin der Familie, beschrieb er, dass er auf der Bühne am liebsten aussehen wollte, wie eine dunkle Spinne mit acht Beinen – Mission accomplished!) ist dabei gleichzeitig Kunstfigur und Mensch. Prediger und Sünder. Überlebender und Entertainer.
Vor allem aber sucht er ständig die Verbindung zum Publikum. Er greift nach dessen Händen – und die Menschen greifen zurück.
Nick Cave hat die Dunkelheit nicht verlassen.
Er hat gelernt, darin auch für uns ein bisschen Licht zu machen. Oder sich zumindest ein bisschen Licht vorzustellen. Genug geweint.


Alle Fotos: Johannes Kuchta (Nahaufnahmen Cave und Ellis KI-bearbeitet)



