Die Friedrich-Ebert-Brücke, wie die mittlerweile landesweit bekannte Bonner Nordbrücke mit Bürgerlichem Namen heißt, wird abgerissen. Der aktuelle Abriss kam plötzlich, aber schon seit 2022 wird ein Ausbau der Brücke auf sechs Spuren geplant. Das bedeutet, dass nach einem Ausbau mehr Autos die Rheinquerung nutzen können und der Verkehr im staugeplagten NRW besser fließen kann. Das bedeutet aber auch, dass sich die Autobahnbrücke weiter ins Wohnviertel ausbreitet und viele Anwohner ihr Zuhause verlieren könnten. Um dagegen anzukämpfen, hat sich eine Initiative gegründet: Wir für 4. 4, das heißt vier Spuren statt sechs, denn die Initiative ist nicht gegen einen Neubau, nur die Dimension stellt sie in Frage. Wir vom Bonner Duett haben unser Studio verlassen und uns vor Ort von Erik Sarkissian und Marion Wilhelmy von Wir für 4 durch das Viertel führen lassen, in dem sie leben, und sie haben uns gezeigt, was ein Ausbau auf sechs Spuren konkret bedeutet.
Es hat sich viel verändert beim Thema Nordbrücke, seit wir Mitte Mai das erste Mal Kontakt zur Initiative aufgenommen haben, um einen Vor-Ort-Termin mit ihnen zu vereinbaren. Bis es zum Dreh kommt, ist es Juli – einen ersten Drehtermin mussten wir wegen extremer Hitze absagen. Doch dazwischen kam es zur Sperrung der Brücke am 03.06. In Bonn und der Region führte der völlig unvorbereitete Schritt zum Verkehrschaos. Vor Ort erzählt uns Marion Wilhelmy: “Ich bin ganz normal auf der Arbeit gewesen und plötzlich lese ich via Internet: Die Nordbrücke ist gesperrt.” So richtig glauben konnte sie es nicht. In den Tagen danach sind ohne Ankündigungen und ohne Vorwarnungen Bauzäune aufgestellt worden, berichtet sie weiter. Seitdem geht vor Ort nichts mehr. Die Bushaltestelle wird nicht mehr angefahren, Altglascontainer verschwinden kommentarlos und es kommt auch keine Straßenreinigung mehr. Ansonsten wirkt das Handeln der Entscheidungsträger auf die Anwohner chaotisch. Erst gelingt es, den Bordstein abzusenken, damit die Radfahrer einen neu entstandenen Trampelpfad besser erreichen können, dann steht plötzlich ein neuer Zaun dort und blockiert den Trampelpfad. Die Bordsteinabsenkung führt ins Nichts. Während wir vor Marion Wilhelmys Haus stehen, sehen wir mehrere Radfahrer, die vor versperrten Wegen wieder umdrehen können. Ein junger Fußgänger hingegen lässt sich nicht aufhalten, und klettert einfach über die zwei Meter hohe Absperrung. Er macht es dem Anschein nach nicht zum ersten Mal. Marions Hinweis, dass von der Abrissfirma dort gefilmt würde, ignoriert er, und gibt vor, uns nicht zu hören.
Für Marion Wilhelmy ist der Anblick schon Gewohnheit. Sie sitzt häufig an dem kleinen Gartentisch vor ihrem Haus, und sieht die Radfahrer, die glauben, sie könnten einfach unter der Brücke hindurch, wie es all die Jahre möglich war. Lieber sitzt sie jedoch in ihrem Garten, auf der Rückseite des Hauses, weg von der Straße. Es ist eine kleine Oase, die Marion sich dort aufgebaut hat. Zahllose Blumen und Sträucher bieten einen ganz anderen Eindruck als die Bauzäune vor dem Haus. Als sie uns den Garten zeigt, sind wir begeistert. Sie hat sogar einen kleinen Unterschlupf für eine Igelfamilie gebaut, die sie häufig besucht. Aber auch die Vögel liegen ihr am Herzen, und die Bäume. Eine Schocknachricht war für sie, dass für den Abriss der Brücke der gesamte Baumbestand zehn Meter bis zur Brücke gefällt werden muss, damit die Maschinen ordentlich arbeiten können.
Was jetzt abgerissen wird, ist die Vorlandbrücke, also der Teil, der noch an Land zur Strombrücke, der eigentlichen Rheinquerung, hinführt. Der Neubau soll bis 2028 dauern. Der Ausbau der Strombrücke, aber auch der dann neu gebauten Vorlandbrücke und dem Pendent auf der rechten Rheinseite folgt dann kurz darauf. Die Autobahn GmbH hat dafür drei Varianten vorgelegt, die die Brücke unterschiedlich stark verbreitern würden. Sechs Spuren bekommt sie aber in jeder der drei Varianten, denn das sieht der Verkehrswegeplan vor, und den kann nur der Bundestag in Berlin verändern. Im September soll bekannt gegeben werden, welche Variante es nun wird. Aber die Anwohner sind skeptisch, ob dieser Termin eingehalten wird. Für Marion Wilhelmy ist diese Entscheidung zentral, denn in zwei von drei Varianten verliert sie ihre Wohnung, ihren Garten, ihr Zuhause. Aber noch ist das nicht klar. Noch könnte es auch nur zur ersten Variante kommen, und das wäre für die Initiative schlimm genug. Was passiert, wenn ihr Haus tatsächlich abgerissen wird, ob sie eine Entschädigung bekommt, und wie hoch diese ist, hat Marion Wilhelmy konkret noch niemand beantwortet. Und damit ist sie nicht die Einzige.
Schon bevor die Kameras laufen erzählen uns Erik Sarkissian und Marion Wilhelmy alles was es zur Brücke zu wissen gibt. Es war auch schon ein Kamerateam des WDR da, das ZDF auch, und der General Anzeiger berichtet sowieso – und natürlich kommen auch Politiker zu ihnen, von fast allen Parteien. Was ihnen aber am wichtigsten ist, ist die Anwohner zu informieren. Dafür haben sie Führungen angeboten. Die lilafarbene Werbung dafür hing in zahllosen Schaufenstern in Bonn, und so sind auch wir ursprünglich auf die Gruppe gestoßen. Wir bekommen quasi eine private Führung, außerhalb der Reihe, um zu filmen, was sie auf dem Nordbrückenspaziergang zeigen. Zuerst geht es runter in Richtung Rhein, zum Römerbad. Auch das beliebte Freibad ist vom Ausbau betroffen und würde je nach Variante mehr oder weniger Fläche verlieren. Schon jetzt leidet das Bad an der Sperrung, weil es schwerer zu erreichen ist. Für das Freibad ist das verkraftbar, schlechter sieht es für den Friseur und die Eisdiele an der Römerstraße direkt neben der Brücke aus. Die Eisdiele hat wegen der Sperrung geschlossen, es gibt keine Kundschaft mehr. Beide Geschäfte drohen abgerissen zu werden.
Sarkissian und Wilhelmy sind im Viertel bekannt. Während sie uns rumführen rufen uns immer wieder fröhliche Passanten zu. “Wieder am führen?”, “Wie läuft es?” und “Weiter so!” – Erik Sarkissian erzählt, wie ihn die Anwohner mittlerweile von selbst ansprechen, nach Neuigkeiten fragen. Die Rolle als Brückenkomunikator hat er nicht freiwillig übernommen. Eigentlich wäre das die Aufgabe anderer Akteure. Stadt, Ministerium, Autobahn GmbH, Hagedorn, Vonovia, die Liste ließe sich erweitern. Dabei kommunizieren alle diese Akteure. Es gibt Newsletter, Pressekonferenzen, Informationsmessen, punktuell werden Flyer verteilt – aber in der Summe reicht es eben nicht, die Bürger fühlen sich nicht informiert. “Die Leute hier vor Ort – und auch in ganz Bonn – sind gar nicht richtig aufgeklärt worden“, sagt Erik Sarkissian. Und weil er sein Viertel nicht aufgeben will, ist er es jetzt, der vor Ort aufklärt, so gut er kann, obwohl das Haus, in dem er wohnt, und das im Besitz seiner Familie ist, gar nicht abgerissen werden soll, in keiner der drei Varianten. Näher rückt sie allemal. Die Initiative hat auch eine Webseite und einen Instagram-Kanal. Auf der Webseite versuchen sie auch in arabischer, kurdischer und ukrainischer Sprache zu informieren, denn viele Anwohner sprechen kein Deutsch.
Ein Punkt des Spaziergangs ist die Stelle, an der der damalige Verkehrsminister kurz nach der Schließung seine Pressekonferenz gab. Bundespolitik direkt vor der Haustür. Doch was Marion Wilhelmy schade fand: Im Bild waren zwar die Brücke, ein paar Garagenrückwände und etwas Grünes, aber es gab keinen Schwenk ins Viertel. Die Anwohner fühlen sich nicht gesehen. Auch Guido Déus war vor Ort, sowohl bei der Pressekonferenz als auch im Wahlkampf. Seitdem ist es leider noch nicht zu einem neuen Ortstermin gekommen, aber die Initiative ist zuversichtlich, dass der Oberbürgermeister demnächst vorbeikommt. Wir haben die CDU um ein Statement gebeten, nach telefonischer Nachfrage hatte man uns auch ein kurzes Video von Déus in Aussicht gestellt, aber es hat uns leider nie erreicht. Eine Videobotschaft der Grünen haben wir hingegen in unsere Reportage einbauen können. Sie kritisieren den Ausbau auf sechs Spuren, nicht sehr überraschend für eine Partei, die den Autoverkehr generell reduzieren möchte.
In den Wohnvierteln zählt die Initiative auf, wie viele Wohnungen wegfallen. Sie kommt, für Variante 3, auf 90 Wohnungen mit 250 Anwohnern, doch das ist nur eine Hochrechnung, denn sie wissen nicht genau, wie viele Menschen wirklich in den Wohnungen leben. Sie hatten auch noch nicht mit allen Kontakt. Viele Wohnungen gehören der Vonovia, und es ist unklar, ob der Konzern die verbliebenen Wohnungen weiter betreibt, wenn der Großteil der Wohnungen abgerissen wird. Neben den Häusern muss auch ein Spielplatz der ausgebauten Brücke weichen. Wenn die Kameras aus sind, ist die Frustration der Anwohner noch deutlicher zu spüren. Politiker, die in bundesweiten Talkrunden gefragt werden, was man tun kann, um die Krise der Demokratie zu überwinden, antworten oft: “Besser kommunizieren”. Das gelingt hier nicht.
Zwischen Dreh und Veröffentlichung vergehen noch einige Wochen. Manche Dinge, die wir in unserem Video zeigen, existieren nicht mehr, vor allem Bäume. Dafür gibt es vor Ort neue Themen. Der Abriss verstaubt das Viertel. Mit Wasser sollte das verhindert werden, und mit Schutzwänden. Wasser gibt es auch, aber zu wenig. Laut Autobahn GmbH lag das an der Hitze. Unklar ist, ob der Abriss der Brücke die Wohngebäude beschädigt. Es wurde ein Gutachten angekündigt, das den Zustand der Häuser vor dem Abriss dokumentieren sollte. Es beginnt der Abriss, ein Gutachten gibt es nicht. Die Presse berichtet, und dann kommt er doch, der Gutachter. Für manche Schäden könnte es jetzt aber zu spät sein. Die Erde bebt, der Abriss ist allgegenwärtig. Ihre Igel hat Marion seit Beginn der Arbeiten nicht mehr gesehen. Eigentlich wäre jetzt die Zeit, in der die Igelbabys kommen.
Die Reportage kann auf YouTube auf dem Kanal des Bonner Duett geschaut werden:
Diesen Beitrag verfasste Marlon Zewen vom Bonner Duett. Für ihre Anregungen möchte er sich herzlich bei Julia-Isabelle Cavagnet und Antonia Katterle bedanken.


