So viel Nostalgie war selten. Die großen Jahre des schwedischen Pop-Duos Roxette waren in den späten 80ern, 90ern und zur Jahrtausendwende. Sie haben den Pop der 90er geprägt, ihre Songs und Stimmen waren allgegenwärtig. Auf dem Bonner Kunst!Rasen war der Sound nun glasklar, die Lichtshow dynamisch und die Band von der ersten Note an tight. Gegen 20:10 Uhr eröffnen markante und treibende Riffs von „The Big L.“ den Abend. Der Hit steigert sich mächtig. Die Fans jubeln, singen mit und fühlen sich in die Zeit zurückversetzt.

Christoffer Lundquist, Per Gessle und Dea Norberg von Roxette am 03.08.2026 auf dem KunstRasen Bonn

Per Gessle feuerte mit seiner markanten Gitarre und einem unermüdlichen Grinsen im Gesicht einen Kulthit nach dem anderen ab. Er ist der unumstrittene kreative Kopf und Hauptsongwriter von Roxette. Der heute 67-Jährige verfasste die Texte und die Musik für drei der vier US-Nummer-Eins-Hits im Alleingang. Seine frühere Duo-Partnerin, die Sängerin Marie Fredriksson, starb leider am 9. Dezember 2019 im Alter von 61 Jahren an den Folgen einer langjährigen Krebserkrankung.

Seit dem Start der weltweiten Konzerttournee steht die Schwedin Lena Philipsson als offizielle Sängerin auf der Bühne und hat eine enorme Bühnenpräsenz. Sie versucht dabei bewusst nicht, Marie Fredriksson zu kopieren, sondern interpretiert die Klassiker mit ihrem ganz eigenen, kraftvollen Stil. In Bonn trägt die 60-Jährige mit langem blonden Haar ein glamouröses, knappes und auffälliges Eyecatcher-Minikleid mit vielen Pailletten, die funkelnd und glitzernd das Scheinwerferlicht reflektieren, während Fredriksson in Lederhosen und mit ihrem legendären, platinblonden Kurzhaarschnitt einst androgyne Coolness verkörperte. Philipssons Stil erinnert eher an eine klassische Show-Diva und transportiert den extrovertierten Pop-Glamour der Jahrtausendwende.

Clarence Öfwerman, Dea Norberg und Lena Philipsson von Roxette am 03.08.2026 auf dem KunstRasen Bonn

Während dahingeschlonzte Gitarrensoli und lärmige Opener Energie freisetzen, versinken wir in einem Bilderstrudel, herrlichen Schwüngen und schnappen bald erschöpft nach Luft. Doch dann wird es irgendwie entspannter und softer.

Die Chemie auf der Bühne stimmte spürbar. Unterstützt wurde das Duo von einer erstklassigen Live-Band, die den Songs der späten 80er und 90er Jahre ein modernes, kraftvolles Gewand verpasste. Per Gessle stellt während des Konzertes die langjährigen Wegbegleiter und Original-Musiker, die den Roxette-Sound schon seit Jahrzehnten auf Alben und Welttourneen prägten, vor:

Keyboarder Clarence Öfwerman war von der ersten Stunde (seit 1986) an Produzent von Roxette und steuerte prägnante Synthesizer- und Keyboard-Melodien zu einigen Welthits bei. Gitarrist Jonas Isacsson sorgt für legendäre Riffs und prägte an der Lead-Gitarre das unverkennbare Intro von „The Look“ oder das Solo in „Joyride“. Multiinstrumentalist und Saitenkünstler Christoffer Lundquist stieß in den späten 90ern zur Band, spielte seither auf fast allen Studioalben und co-produzierte viele von Per Gessles Solo-Projekten. Bassist Magnus Börjeson hält seit den großen Comeback-Welttourneen das rhythmische Fundament am Bass zusammen. Schlagzeuger Magnus „Norpan“ Eriksson sorgt live für den nötigen energiegeladenen Antrieb der schnellen Nummern. Background-Sängerin Dea Norberg untermalt die Lieder stimmlich mit Power und bearbeitet schwingend oder klopfend Percussioninstrumente wie Schlägel, Stöcke und andere Resonanzkörper.

Die Musiker spielten sich durch ein Setlist-gewordenes Best-of-Album. Ob das treibende „Dressed for Success“ oder das energetische „Joyride“ – die Uptempo-Nummern verwandelten den KunstRasen in eine Tanzfläche. Doch Roxette lebten schon immer von den Kontrasten. Die großen, emotionalen Balladen bildeten das schmerzhaft schöne Herzstück des Abends. Auch Songs wie „Listen to Your Heart“ wurden vom Publikum Zeile für Zeile mitgesungen. Hier geriert sich Philipsson als weise Ratgeberin für eine andere Person, die ermutigt wird, auf ihre innere Stimme zu hören und eine ungesunde Beziehung selbstbestimmt zu beenden.

Christoffer Lundquist und Lena Philipsson von Roxette am 03.08.2026 auf dem KunstRasen Bonn

Die Kompositionen des Duos handeln im Kern von den Höhen und Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen, verpackt in eine Mischung aus energetischem Pop-Rock und emotionalen Power-Balladen. Von Herzschmerz und dem Ende der Liebe handelt auch die wohl erfolgreichste Kultballade der Band: „It Must Have Been Love“, bekannt aus dem Kinohit Pretty Woman.

Hier verarbeitet Per Gessle in seinen Lyrics eine Trennung, den Abschied und die Einsamkeit danach. Bevor sie den Song anstimmt, widmet Philipsson Marie einige Worte voller tiefem Respekt, Demut und großer Herzlichkeit. In einem hochemotionalen Moment sagt sie: „I know you miss her a lot. I miss her too. Let’s sing so loud so she maybe can hear us up there.“ Direkt im Anschluss stimmt sie gefühlvoll das Lied an. Als das Publikum den Refrain minutenlang völlig ohne Unterstützung der Band sang, sorgte das für kollektive Gänsehaut und feuchte Augen im weiten Rund. Das Beziehungsende wird zwar betrauert, aber es besteht auch eine klare, fast stoische Akzeptanz der Realität („It’s over now“).

Lena Philipsson tänzelt, während sie singt, mit charismatischer Präsenz über die Bühne und arbeitet sich stimmlich mit unbändiger Energie empor. Sie sucht agil mit ausladenden Gesten und Handbewegungen den direkten Kontakt zum Publikum.

Schnelle Stücke wie das bereits zu Anfang performte „Sleeping in My Car“ erzählen von unbeschwerten Roadtrips, Flirts und sexueller Anziehung.

Roxette am 03.08.2026 auf dem KunstRasen Bonn

Roxette setzen Euphorie-Gefühle und Adrenalin frei, wenn ihre Lyrics die Achterbahnfahrt der Gefühle widerspiegeln – das Gefühl, sich in einer Beziehung selbst zu verlieren oder gegen innere Zweifel ankämpfen zu müssen. In den schnellen Rocksongs sind Frauen keine passiven Objekte der Begierde, sondern sie ergreifen die Initiative. „Dangerous“ handelt von Lebensfreude und sexueller Unbeschwertheit und erzählt von einer unnahbaren, unberechenbaren und extrem anziehenden Femme fatale: „Hold on tight, you know she’s a little bit dangerous“. In „The Look“ wird eine Frau beschrieben, die durch ihr pures Auftreten, ihren Style und ihre Attitüde die totale Kontrolle über den Raum hat („She’s got the look“, „She moves like a hammer“). Sie wird als faszinierend, wild und unnahbar dargestellt.

Die Energie der Zugabe sorgt mit rhythmischem Drive und anschmiegsamem Groove dafür, dass sich die Konzertbesucher ausgelassen in den Song fallen lassen können: ein ekstatischer Triumph.

Per Gessle macht nur wenige unterhaltsame Ansagen, wirft jedoch als exzentrischer Entertainer fortwährend Gitarren-Plektren (Guitar Picks) ins Publikum. Als leidenschaftlicher Musiker nutzt er bei fast jedem Konzert die Gelegenheit, eine große Menge dieser speziell für die jeweilige Tour designten Plektren an die Fans in den vorderen Reihen zu verteilen.

Am Ende des zweistündigen Konzerts bleibt ein erschöpftes, aber glückliches Publikum zurück. Roxette haben an diesem Abend nicht nur alte Erinnerungen geweckt, sondern bewiesen, dass ihre Songs auch Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung nichts von ihrer Magie, handwerklichen Klasse oder emotionalen Durchschlagskraft verloren haben.

Alle Fotos: © Ansgar Skoda.
Mehr Bildeindrücke im Kulturblick-Fotoalbum.

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