Artivismus Aktion mit Klimamonster für eine fossil-freie Zukunft zur Feier von 30 Jahre UN-Stadt Bonn

0

“Frieden schließen mit der Natur ist die entscheidende Aufgabe des 21. Jahrhunderts.” – UN-Generalsekretär António Guterres

Ein Monster geht um in Bonn. Es prangert an, dass die Öffentlichkeit und Medien ihren Blick von der Klimakrise abwenden. Das Monster taucht immer wieder im Stadtgebiet auf, um Menschen an die fortschreitende Erderwärmung zu erinnern, bei Stadtteilfesten, Veedelszügen oder auf Kundgebungen – zuletzt bei einer kreativen Artivismus Aktion am Rheinufer zur Feier von “30 Jahre UN-Stadt Bonn”.

Lokale Künstler:innen und Klimanetz-Gruppen hatten am 4. Oktober im Rahmen der Bonner SDG Tage zu einer gemeinschaftlichen Kunstaktion für eine fossil-freie Zukunft am Bonner Bogen eingeladen mit Live Musik, künstlerischen Impulsen und kreativen Aktivitäten unter dem Motto „Make Peace with Nature“. Im Mittelpunkt der Pop-up Ausstellung stand die Klimamonster Pappmaché-Figur des berühmten Karnenalswagenbauers Jacques Tilly vom Düsseldorfer 2024 Rosenmontagszug. Diese wurde von den Bonner Parents4Future “gerettet” und wird seitdem regelmäßig bei lokalen Aktionen im öffentlichen Raum eingesetzt. Das Klimamonster weist darauf hin, dass die Jahre 2023 und 2024 global die heißesten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen waren. Der diesjährige Sommer war in Westeuropa laut dem EU-Klimadienst Copernicus so heiß und trocken wie nie zuvor.

Jeck op Future mit Alaaf und Helau

Mit seinen satirischen Großplastiken nimmt der Düsseldorfer Illustrator und Bildhauer seit Jahrzehnten politische und gesellschaftliche Konflikte scharf ins Visier. Wegen seiner putinkritischen Satiren wurde er im April von einem Moskauer Gericht in Abwesenheit zu einer Haftstrafe von achteinhalb Jahren Straflager verurteilt. Ein neues Buch von Jacques Tilly, Wer hat Angst vor Pappmaché?, das am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellt wurde, dokumentiert mit Fotos und Texten seine Mottowagen-Figuren aus den Jahren 2021 bis 2026. Diese werden immer häufiger auch außerhalb des Karnevals im In- und Ausland genutzt, wie beispielsweise das Klimamoster in Bonn.

Susanne Walter beim Verladen der Tilly Figur (Foto: Sandra Prüfer)

“Wir wollen eine gute Zukunft für uns, unsere Kinder, und mit Respekt vor Mutter Erde. Wir alle, die ehrenamtlichen Klimaschützer:innen, Wissenschaftler:innen, die NGOs und auch manche Politiker:innen arbeiten weltweit daran, mit Vernunft, Fakten und unserem Engagement Positives aufzubauen und zum Guten zu wenden, was die Fossil-Lobby, Superreiche mit zu viel Macht und die Klimaleugner systematisch kaputt machen. Wir geben nicht auf, schließen nicht die Augen, sondern handeln,” so Susanne Walter von der Bonner P4F Ortsgruppe. Es gehe darum, “das größte Kunstwerk, das es gibt, zu schützen und zu bewahren: Unsere Erde, einzigartig, unser aller gemeinsame Heimat, Lebensgrundlage und Zukunft“.

Ko-Kreation für die Mutter Erde

Die Tilly Figur wurde ergänzt von einem 27 m langen Klimastreifen-Zeitstrahl Banner und „Klima? Wandel!“ Verkehrsschildern, die von Design Studierenden der FH Aachen kreiiert wurden, sowie Parachutes For The Planet. Dies sind Spiel-Fallschirme (3,7 Meter im Durchmesser), die von internationalen Künstler:innen und lokalen Gruppen bemalt wurden. Das globale Kunstprojekt wurde 2015 von der internationalen NGO Mother Earth Project ins Leben gerufen. Inzwischen gibt es weltweit über 4200 dieser Fallschirme für die Erde.

Die Mother Earth Skulptur von Barton Rubenstein am Bonner Bogen blickt auf den UN-Campus. (Foto: Sandra Prüfer)

“Wir feiern an der Uferpromenade bei der Mother Earth Skulptur, die 2020 am Bonner Bogen als ein Symbol für Nachhaltigkeit errichtet wurde, dass letztes Jahr das Ziel erreicht wurde, mindestens ein Exemplar der Skulptur des US-Künstlers und Umweltaktivistens Barton Rubenstein auf jedem Kontinent zu installieren. Sie steht nun dank Citizen Diplomacy in Washington DC, Bonn, Jerusalem, Yaroundé (Kamerun), Guilin (China), Jaipur (Indien), Buenos Aires (Argentinien) und Hamilton (Neuseeland) und verbindet damit Menschen um den Globus,” erläuterte Consuelo Mendez, eine aus Ecuador stammende Künstlerin. Mendez ist Mitgründerin der Artists for Future Bonn/Rhein-Sieg und eine Mother Earth Project Botschafterin. 

Milorad Živojnov und Cato Fluitsma musizieren gemeinsam an der der Rheinpromenade (Foto: Sandra Prüfer)

Das musikalische Programm wurde von Milorad Živojnov gestaltet, ein in Bonn lebender serbischer Journalist und transkultureller Brückenbauer. Er wurde verstärkt von der Amsterdamer Sängerin und Akkordeonspielerin Cato Fluitsma sowie Tobias Braun aus Trier mit atmosphärischen Whale Vs Elephant Elektroklängen. Damit verbanden sie musikalisch die Fluss- und Kulturlandschaften des Rheins und der Donau, die, wie viele europäische Flüsse, im Sommer aufgrund der Trockenheit Rekord-Niedrigwasserstände aufwiesen.

Fossile Energien untergraben SDG Ziele

„Whale Vs Elefant“ DJ Musik am Vater Rhein für Mutter Erde und eine fossil-freie Zukunft (Foto: Philipp Unger)

Das Sekretariat der UN Klimarahmenkonvention (UNFCCC) befindet sich in der UN-Stadt Bonn. Mit der Artivismus Aktion wollten die Künstler:innen und lokalen Gruppen ein Zeichen setzen für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit und gemeinsam ihre Stimmen erheben für einen Fossil Fuel Treaty zum beschleunigten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Denn diese sind die Hauptursache für die Klimakrise und das größte Hindernis für eine nachhaltige, lebenswerte und gerechte Zukunft. Sie untergraben alle 17 UN Nachhaltigkeitsziele (SDGs), wie der “Fueling Failure” Bericht dargelegt.

75 Prozent der weltweiten Emissionen beruhen auf dem Verbrennen von Kohle, Öl und Gas. Europa ist ein besonderer Brennpunkt des Klimawandels. Denn seit den 1980er Jahren erwärmt sich der Kontinent nach Angaben der Weltwetterorganisation WMO ungefähr doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt.

Das Textilkunst Banner wurde von dem Klimaforscher Dr. Harald Sterly gefertigt. Es visualisiert die Erderwärmung seit der Industrialisierung.(Foto: Sandra Prüfer)

Die Fossil Fuel Treaty Initiative ist eine globale Kampagne und diplomatische Initiative, die einen verbindlichen Plan zum Ausstieg aus fossilen Energien fordert. Bonn hat sich Ende 2021 nach einem Bürgerantrag als erste deutsche Stadt der Initiative für einen fossilen Nichtverbreitungsvertrag angeschlossen. Die Stadt hat das Ziel, bis zum Jahr 2035 klimaneutral sein und das 1,5 Grad-konforme CO2-Budget des Pariser Klimaabkommens im kommunalen Einflussbereich einzuhalten. Aufgrund der Haushaltskrise hat die Stadt jedoch massive Sparmaßnahmen angekündigt, von denen auch der städtische Klimplan und Maßnahmen zur Klimaanpassung betroffen sind. Das Programm zur Stadtbegrünung wurde bereits gestrichen.

Klimamonster macht Radfahrer und Spaziergänger an der Rheinpromenade auf die Klimakrise aufmerksam. (Foto: Sandra Prüfer)

Inzwischen unterstützen weltweit über 200 Städte und sub-nationale Regierungen die Fossil Fuel Treaty Initiative, darunter auch der US-Staat Kalifornien, der die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist. Ende April haben 57 Staaten, inklusive Deutschland, an der ersten internationalen Konferenz zur Abkehr von fossilen Energien in der kolumbischen Hafenstadt Santa Marta teilgenommen. An der von Kolumbien und den Niederlanden ausgerichteten Konferenz „on Transitioning Away from Fossil Fuels“ (kurz TAFF) nahmen auch Wissenschaftler:innen, indegene Völker, Vertreter der Zivilgesellschaft, von sub-nationalen Regierungen und Gewerkschaften teil.

Multilaterales Kunstprojekt

Philipp Unger stellt das neue kollaborative „Multilateral Terminal“ Kunstprojekt aus Santa Marta vor. (Foto: Sandra Prüfer)

Der Bochumer Klimaaktivist Philipp Unger präsentierte bei der Klimakunst-Aktion in Bonn ein neues Fallschirm-Projekt mit dem Titel „Multilateral Terminal“, dessen Ausgangspunkt die Santa Marta Konferenz war. „Dort wurde der Fallschirm im Wasser des Río Magdalena gewaschen und symbolisch mit dem Flussraum verbunden. Der äußere Ring des Fallschirms ist von dem kolumbianischen Künstler Ludovico Droogie gestaltet. Seine Linienführung greift den Verlauf des Río Magdalena auf und verweist auf die trügerische Vorstellung einer unerschöpflichen Naturressource,“ erläuterte Unger, der bei Afrika Rise e.V. engagiert ist. Der Verein wurde 2008 von John Magiriba Lwanga gegründet, einem Sänger mit deutsch-ugandischen Wurzeln, der als Mitglied der multiethnischen Reggae- und Hiphop-Band Culcha Candela bekannt wurde.

Die Mitte des Fallschirms sei modular angelegt, so Unger. So entstehe ein Kunstwerk, das mit jeder Station neue Stimmen, Bilder und Perspektiven aufnimmt, von der UN-Stadt Bonn auf dem Weg zur COP31 Klimakonferenz, die im November in der türkischen Stadt Antalya stattfindet, bis zur TAFF Folgekonferenz im Pazifik, die im Juli 2027 von Irland und dem Inselstaat Tuvalu ausgerichtet wird. Aufbauend auf der ersten historischen TAFF Konferenz soll bei der Folgekonferenz der Schritt vom Dialog zur Umsetzung vollzogen werden, um sektorübergreifend internationale Zusammenarbeit für einen schnellen, gerechten und finanziell abgesicherten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas voranzutreiben. Vorreiterstaaten könnten dabei zeigen, dass sich der Ausstieg lohnt, sozial, ökologisch wie auch wirtschaftlich.

Fahrplan zu einer fossil-freien Zukunft

Unger begrüßt es, dass Deutschland als drittes Land (nach Frankreich und den Niederlanden) am 23. September während der UN Vollversammlung in New York einen Fahrplan für die schrittweise Abkehr von fossilen Brennstoffen vorgelegt hat. Der Fahrplan setzt zum einen auf die wachsende Nutzung erneuerbarer Energien in der Stromerzeugung und zum anderen auf die Elektrifizierung von Mobilität, Wärmeerzeugung und industriellen Prozessen mit dem Ziel, bis 2045 klimaneutral zu werden.

Kein zurück für den Klimaschutz: Das 27 m lange Zeitstrahl-Banner veranschaulicht die Klimakrise. (Foto: Sandra Prüfer)

Bundesumweltminister Carsten Schneider stellte in der Pressemitteilung heraus, dass die aktuelle Weltlage neue Dynamik in die internationale Klimaschutzpolitik bringt: „Nicht nur die weltweiten Wetterextreme zeigen, wie dringend mehr Klimaschutz ist. Immer mehr Ländern wird bewusst, wie teuer und wie gefährlich die Abhängigkeiten von fossilen Energien sind. Wenn die Lage an der Straße von Hormus darüber entscheidet, ob Menschen sich den täglichen Weg zur Arbeit noch leisten können, ist das kein guter Zustand. Wir müssen die Abhängigkeit von fossilen Energien überwinden und wir können sie überwinden. Mit diesem Fahrplan legen wir nicht nur eine Klimastrategie vor, sondern auch eine wirtschaftspolitische Strategie. Das Geld, das wir bisher für den Import von Öl und Gas ausgeben müssen, fließt künftig verstärkt in lokale Wertschöpfung. Die Abkehr von fossilen Energien verbindet Unabhängigkeit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz miteinander. Unser Fahrplan soll international ein Zeichen setzen.“

„Ich finde den deutschen Fahrplan sehr spannend, und er lässt vor der COP31 genügend Zeit, damit noch weitere Fahrpläne hinzukommen können“, sagte Tzeporah Berman, Vorsitzende des Fossil Fuel Treaty Initiative, in einem „We Don’t Have Time“ Interview bei der Climate Week NYC 2026.

COP31 Bike Ride macht Halt in Bonn

Unger berichtete am Sonntag über die COP31 Climate Ride Tour von Belém (Austragungsort der COP30) bis nach Antalya zur COP31, die am 9. November beginnt. Die Tour bringt Klimaengagierte aus aller Welt zusammen, die auf Segelbooten aus Brasilien und mit dem Fahrrad über verschiedene Zubringer-Touren aus Europa in die Türkei reisen. Eine Teilstrecke, von Aachen nach Passau, führt durch Bonn. Lokal Engagierte können sie begleiten auf den Streckenabschnitten von Aachen nach Bonn (25.10.) oder von Bonn nach St. Goar (26.10). Kürzere Strecken seien auch möglich. Nähere Info zu der COP31 (Teil)Fahrrad Tour, die in Deutschland u.a. von Misereor, der Klima-Allianz und dem ADFC Bonn/Rhein-Sieg unterstützt wird, findet sich hier.

„Das Ziel der COP31 Bike Ride Tour ist, die Vorteile des täglichen Radfahrens zur Reduzierung der CO₂-Emissionen hervorzuheben und zehn Vorschläge für Fahrradmaßnahmen in Antalya vorzulegen, die in die Klimapläne der Länder aufgenommen werden sollen,“ so Unger. Auf dem Weg gehe es um die Freude am Radfahren, Gemeinschaft und natürlich Klimagerechtigkeit.

Passant informiert sich über die Erderwärmung mit „Klima? Wandel!“ Verkehrsschildern im Hintergrund. (Foto: Sandra Prüfer)

„Mit der Reise wollen wir die Themen der COP31 nach Deutschland bringen, speziell an die Orte, wo die Transformation tatsächlich stattfindet. Die Orte auf dem Streckenverlauf zeigen besonders deutlich, wo Deutschland beim Klimaschutz vorankommt und wo es noch hakt. Damit entdecken wir den deutschen Beitrag an Weltklimakonferenzen und beschäftigen uns mit den Themen Klimagerechtigkeit, Klimafinanzierung und wie wir mit Spannungen der nachhaltigen Transformation umgehen,“ erläutert Madeleine Wörner, Referentin für Energiepolitik bei Misereor. „Unterwegs sammeln wir außerdem Selbstverpflichtungen von Städten und Gemeinden zur Radverkehrsförderung. In Antalya übergeben wir sie an die COP-Präsidentschaft. Der Gedanke dahinter: Die konkrete Arbeit an der Verkehrswende passiert in Rathäusern, Planungsämtern und Initiativen vor Ort. Genau das wollen wir sichtbar machen.“

Disclaimer: Die Klimakunst Aktion am 4. Okt. wurde von der Autorin mitorganisiert.

KOMMENTIEREN

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein