„Ich stehe für dieses ganze Haus – mit mir als Intendant wird es eine Schließung des Schauspiels nicht geben!“ Mit dieser kämpferischen Botschaft wandte sich Bonns Generalintendant Bernhard Helmich unmittelbar vor der festlichen Premiere von Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte am 3. Oktober 2026 an sein Publikum, nachdem am Vorabend überraschend städtische Pläne über eine mögliche Abschaffung der Bonner Schauspielsparte laut geworden waren. Helmich verknüpfte in seiner Ansprache den politischen Gehalt der Oper direkt mit der aktuellen Gegenwart: Er betonte am Tag der deutschen Einheit zudem, dass Mozarts Meisterwerk gerade in Zeiten, in denen Extremisten im Land auf dem Vormarsch sind, als unverzichtbares Werkzeug fungiere, um durch Kunst und Bildung „Maß und Mitte“ der Gesellschaft zu verteidigen.

Nach knapp 29 Jahren und weit über 100 ausverkauften Vorstellungen wurde die legendäre Inszenierung von Jürgen Rose – ein zeitloser Publikumsliebling von 1996 bis Juli 2025 – nun endgültig von einer Neuinszenierung abgelöst. Diese bricht mit der barocken Tradition der Vorgängerproduktion und verlagert das Geschehen in eine moderne, artistische Traumwelt. Das gesamte Geschehen entspringt dem Traum des kleinen Tamino, der zu Beginn im Pyjama im Bett liegt. Der Opernchor singt unsichtbar von hinter der Bühne, während er in der früheren Inszenierung noch auftrat. Akrobaten und Tänzer sorgen hingegen in der neuen Produktion des Duos Cécile Roussat und Julien Lubek für Bewegungstheater.
Die Tänzer begleiten den schlafwandelnden Tamino im Pyjama als geheimnisvolle Traumgestalten, umkreisen sein Bett und ziehen ihn spielerisch in seine eigene, fantastische Märchenwelt hinein. Die vordergründige Erzählung vom Prinzen, der auszieht, um eine Prinzessin aus den Fängen eines Bösewichts zu retten, eröffnet ein Gefühlschaos. Der junge Prinz wird von der Königin der Nacht ausgesandt, um ihre Tochter Pamina aus den Fängen des Priesters Sarastro zu befreien, erkennt jedoch bald die wahren Absichten der Mächte und muss gemeinsam mit dem Vogelfänger Papageno Prüfungen bestehen, um die nötigen Erkenntnisse und Tugenden zu erlangen und die Bedeutung von Wahrhaftigkeit, Freundschaft und Liebe zu erkennen. Später werden die artistischen Traumgestalten auch zu tierischen Gefährten.
Während der Interpretation von Arien agieren wechselnde Akrobaten (Marceau Ehrmann, Victor Abreu) an einer vertikalen Stange und vollführen waghalsige Kletterkunststücke in schwindelerregenden Posen.

Das wandelbare Bühnenbild von Élodie Monet setzt auf eine minimalistische Szenerie, die sich durch bewegliche Elemente und Lichtwechsel fließend von einem kindlichen Schlafzimmer über das düstere Reich der Königin der Nacht bis hin zu den strengen Tempelhallen Sarastros verwandelt. Die von Sylvie Skinazi entworfenen Kostüme brechen mit gewohnten Mustern, indem sie die drei Damen in eng anliegende, altägyptisch inspirierte Gewänder mit hohem komischem Potenzial kleiden, während Pamina in einem unkonventionellen, kreisrunden Kostüm auftritt, das die Grenzen zwischen Mensch und lebendiger Puppe fließend verwischt.
Mozart komponierte das Auftragswerk 1791 im Alter von 35 Jahren unter erheblichem Zeitdruck und übernahm selbst am Wiener Theater das Dirigat. Er verstarb im gleichen Jahr an einer schweren Krankheit. Zeitgenössische Kritiker empfanden die Handlung als banal und verwirrend, obwohl die Oper früh zum Erfolg avancierte.
In der Neuinszenierung der Bundesstadt erwacht aus den Bildern eines aufgeklappten Buches eine magische, lebendige Welt. Die gesamte Bühne baut auf riesigen Folianten und kunstvollen Pop-up-Bilderbüchern auf. Der monumentale Bücherschrank des anfänglichen Kinderzimmers wandelt sich bald zu Sarastros Tempel der Weisheit. Das Märchen-Singspiel gibt bis heute Rätsel auf und offeriert eine große Zahl an Deutungsmöglichkeiten und reichhaltig viele Lesarten. Bei so viel Buchliebe lohnt es sich, in Werke namhafter Forscher zu blicken, die sich zuletzt noch mit Mozarts wohl bekanntester Oper beschäftigten.
Der Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken deutet 2024 in einer Monografie den Opernklassiker „Die Zauberflöte mit all ihren Unwägbarkeiten, ihren Brüchen, ihren dramaturgischen und handlungslogischen Verstößen […]“ (Laurenz Lütteken, Die Zauberflöte. Mozart und der Abschied von der Aufklärung, S. 217) als krisenhaftes Panorama des späten 18. Jahrhunderts und als Ausdruck einer tiefen Melancholie über das Scheitern rationaler Ordnungen. Mozart setzte ihm zufolge ein offenes, musikalisches Auffangbecken für eine chaotisch werdende Welt um.
Barbara Vinken diskutierte in einer geschlechterkritischen Analyse von 2023 frauenfeindliche Phrasen aus dem Finale des zweiten Aufzugs: „Bald soll der Aberglaube schwinden, bald siegt der weise Mann!“ (II,26:63) und erörterte die andächtigen Initiationsriten des Priesterordens unter Sarastro „angesichts expliziter Misogynie, hierarchischer Heteronormativität und orientalisiertem Rassismus.“ (Vinken, Diva. Eine etwas andere Opernverführerin, S. 89) Die Literaturwissenschaftlerin betrachtet Mozarts Werk auch aufgrund selbstgerechter, starrer und klischeevoller Männerfiguren als entlarvendes, subversives Verwirrspiel, das die patriarchale und misogyne Oberfläche durch musikalische Ironie und geschlechtliche Grenzgänge lustvoll in ein emanzipatorisches Plädoyer für Gender Fluidity verkehrt. So nutzt die Königin der Nacht die Höhe ihrer Stimme, die in der klassischen Rollenverteilung oft für Zerbrechlichkeit oder Opferrollen steht, als Instrument aggressiver Macht und bricht so in die traditionell männliche Domäne der Herrschaft ein.

Die beiden Elternfiguren stehen sich spiegelbildlich in nichts nach. Indem sie sich gegenseitig dämonisieren, offenbaren sowohl Sarastro mit seinem patriarchalen als auch die Königin der Nacht mit ihrem matriarchalen System einen jeweils eigenen, machtgierigen und autoritären Absolutheitsanspruch.
Das Überbedeutsame lastet, glühend. Atemlos, bewegt und betroffen betrachten wir imposante Settings und eine berauschende Bilderwelt voller ironischer Brechungen. Wir lauschen dem transparenten, farbenreichen und pointierten Klang des Beethoven Orchesters unter dem fabelhaften Dirigat von Daniel Johannes Mayr.
Mirko Roschkowski nimmt als Tamino mit biegsamem Körpereinsatz und Flexibilität für sich ein, wenn er sich zu Beginn synchron mit den Tänzern springend bewegt. Mit stimmgewaltigem und klangschön lyrischem Tenor rührt er bei der Arie Dies Bildnis ist bezaubernd schön an. Roschkowskis sympathische Ausstrahlung verleiht seiner Figur einen ganz eigenen Charme.
Nicole Wacker kostet als Königin der Nacht ihre Arien-Momente spielfreudig und in Rage mit gut ausbalanciertem und geschmeidigem Sopran aus. Das rasante, zornbebende Der Hölle Rache bietet sie mit bravourösen Kapriolen, schelmischen Einfärbungen, fabelhafter Atemkontrolle und makellosen Spitzentönen dar.
Die in Sibirien geborene Maria Vasilevskaya geht als Pamina Koloraturen und sich kraftvoll steigernden Fortissimi geschmeidig an. Sie betört mit darstellerischer wie vokaler Flexibilität, intensivem Vibrato und weichem Timbre. Sie verkörpert die Prinzessin mit Bedacht und katzenhafter Verspieltheit. Mit ätherischem, nur etwas textunverständlichen Sopran singt sie die sanften, ineinander verschlungenen Harmonien von Ach, ich fühl’s, es ist verschwunden federleicht. Ein Kind eine Reihe vor mir protestiert hörbar bei ihrer Verszeile „So wird Ruh’ im Tode sein!“, wenn Pamina droht, sich mit dem für Sarastro bestimmten Dolch ihrer Mutter zu erstechen.
Tobias Schabel wickelt als Sarastro das Publikum mit behäbigen Tempi und kernigem Bass gekonnt ein, wenn er von der Begegnung mit dem Allerhöchsten erzählt. Er leuchtet mit findiger, warmer, dunkler und vereinnahmender Stimme während seiner Arie In diesen heil’gen Hallen meditativ Nuancen aus.
Kathryn Henry, Susanne Blattert und Alicia Grünwald agieren als die drei Damen mal auf leisen Sohlen und im gemäßigten Duktus, mal bannen sie mit Präsenz und flüssigem Tempo. Sie verkörpern die Dienerinnen und Botinnen der Königin der Nacht mit großer darstellerischer wie vokaler Wandlungsfähigkeit.
Ralf Rachbauer zeichnet schlussendlich den Monostatos leidenschaftlich, willensstark und süffisant mit Humor. Während seiner Tenorarie Alles fühlt der Liebe Freuden offenbart er eine ganze Palette an Ausdrucksmöglichkeiten emotionaler Glut.
Zwischen Opulenz, zeitlosen Ingredienzien und zeitgemäßen Fragestellungen entfesselt die neu inszenierte, parabelhaft erzählte Aufführung Poesie, Rasanz und Fantasie. Cécile Roussat und Julien Lubek erwecken Mozarts Klassiker subtil und unterhaltsam mit kühnen Bildern zu neuem Leben, bereichert durch eine delikate und farbenfreudige Klanggestaltung von Daniel Johannes Mayr, Avishay Shalom und der Chorleitung André Kellinghaus.
DIE ZAUBERFLÖTE (03.10.2026, Oper Bonn)
Musikalische Leitung: Daniel Johannes Mayr, Avishay Shalom, André Kellinghaus
Regie: Julien Lubek, Cécile Roussat
Bühne: Élodie Monet
Kostüme: Sylvie Skinazi, Cécile Roussat, Julien Lubek
Licht: Julien Lubek
Choreinstudierung: André Kellinghaus
Einstudierung Kinder- und Jugendchor: Ekaterina Klewitz
Besetzung:
Sarastro … Tobias Schabel
Tamino … Mirko Roschkowski
Pamina … Maria Vasilevskaya
Sprecher … Mark Morouse
Erster Priester / 2. Geharnischter … Martin Tzonev
Zweiter Priester / 1. Geharnischter … Lukas Schmidt
Königin der Nacht … Nicole Wacker
1. Dame … Kathryn Henry
2. Dame … Susanne Blattert
3. Dame … Alicia Grünwald
Papageno … Johannes Mertes
Papagena … Valerie Haunz
Monostatos … Ralf Rachbauer
1. Knabe … Ida Rausche
2. Knabe … Milena Belloche
3. Knabe … Rea Simon
Akrobaten … Marceau Ehrmann, Victor Abreu
Tänzerinnen … Celine Adamczak, Bernadette Fröhlich, Sandra Wohlmuth, Annika Zacherl
Chor des Theater Bonn
Statisterie des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Nächste Termine: 09., 17., 22.10./ 07., 15., 19.11./ 17.12.2026/ 03., 17., 29.01./ 14.03./ 05.06./ 12.07.2027
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