Rock-Nerd der Extraklasse: Steven WIlson auf dem Bonner KunstRasen (Fotos: Sebastian Derix)

Man muss ihn wohl nicht lieben. Ein fleißiger, selbstverliebter Rock-Nerd. Mit den Jahren doch dort angekommen, wo er hin will. Spuren hinterlassend: In der Filmmusik, in der elektronischen Musik, und jetzt als das offizielle, zeitgemäße(?) Aushängeschild des Progressive-Rock. Er selber findet das zwar schön, würde dem aber niemals offiziell zustimmen, denn er mag keine Schubladen, jedenfalls nicht für sich.

Steven John Wilson, 51 Jahre alt, aus London hat gerade in Bonn konzertiert. Mit Band zwar aber hauptsächlich: Selbst. Erstmal voll im Regen. Kann er ja nichts dafür.
Der Mann ist wohl kein Frauentyp: hager, eigentlich unscheinbar. Undefiniert gekleidet. Um sich selbst irgendwie zu erden jedenfalls barfuß, in dem Regen.

Im Publikum auch eher Männer als Frauen: die Bonner Gitarrenfraktion ist zum gemeinsamen Headbanging-Event angetreten.

Erstmal das Drumherum: Die inzwischen allgegenwärtigen Videoleinwände. Hier entschuldigt sich Wilson und stellt klar, dass er normalerweise bei seinen Konzerten einen zig mal größeren Videoscreen hinter sich auf der Bühne hat. Na toll. Schön anzuhören für uns Bonner jedenfalls: Der gepflegte Londoner Tonfall. Anders als Amerika, anders als Liverpool: London eben, gestochen scharf, wie aus dem House of Parlament. Auch trocken im Witz, wenn er barfuß im strömenden Regen verkündet: „At least it is a sunny day“. Oh, dear.

Auf den Videoleinwänden jedenfalls immer wieder etwas surreale, traumartige, teils auch schöne Begleitbilder, die vom musikalischen Geschehen auf der Bühne ablenken. Hübsche Frauen jedenfalls auf den Leinwänden, während Wilson sich abmüht, seine neuen Songs beim Publikum zu platzieren. So wird die Band zeitweise zur Begleitmusik zum Film. Schade auch, dass wir die Musiker gar nicht kennenlernen, Wilson stellt sie während des gesamten Konzertes nicht vor. Das ist nicht vergessen, sondern gewollt so.

Viel wird geschrieben über den ausgefeilten Sound, den der Meister bis in die kleinste Kleinigkeit festlegt. Wilson ist ja live wie im Studio meist sein eigener Toningenieur. Nur bei seinem Projekt „Blackfield“ hat er Altmeister Alan Parsons für Aufnähme und Mischung hinzugezogen.

Bei dieser Art von Musik braucht es das Publikum eigentlich „auf die Fresse“, d.h. in angemessen hoher Lautstärke, fühlbar um die Ohren und um den Bauch. Das war heute leider nicht gegeben. Wahrscheinlich erzwingen Klagen der Nachbarschaft die geringe Lautstärke und „Fühlbarkeit“. Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben: einige Klänge kommen tatsächlich von hinten, d.h. von der Bühne gegenüberstehenden Mixerplattform. Insbesondere einige atmosphärische Keyboardflächen schleichen sich immer wieder von hinten ans Publikum heran.

Sehr aufwändig: Die große Verstärkeranlage ist extra mit mindestens vier unabhängig ansteuerbaren Endstufen für so einen kompletten Surround- mix angelegt. Habe ich so noch nicht bei einem großen Livekonzert gehört. Interessant. Hat aber auch das Potential, vom Geschehen auf der Bühne abzulenken. Insbesondere in der ersten Halbzeit kommt auf der Bühne (alles tolle Musiker) und im Publikum bei teils uninspirierten instrumental- Dinosaurieropern noch nicht so recht Freude auf.

Wilson gibt es zu: Bei dem Song: “People who eat darkness“ ist es nicht er, Wilson, der aggressiv ist, sondern nur seine Gitarre (eine Fender Telecaster). Das reicht nicht an Emotion, um die Massen anzustecken.

Ungewohnt aber irgendwie gut gemacht: Die Leinwand mit Dame singt im Duett mit Wilson. (Foto: Sebastian Derix)

Zwischendurch dann zum Luft schnappen und erholen alle mal auf den Boden legen. Sieht interessant, aber auch irgendwie gewollt aus. Für Soundtüftler interessant sind die intensiven Gitarrenarbeiten, die der Meister am liebsten im Sitzen vor seinen am Boden ausgebreiteten Effektpedalen verrichtet. Wie in einer orientalischen Strassenküche. Hier werden die Geister gerufen, und teils kommen sie dann auch als Klänge aus den Effektpedalen heraus.

Wilson postet in den letzten Wochen die Themen für sein aktuelles Album: „from the paranoid chaos of the current era in which truth can apparently be a flexible notion, observations of the everyday lives of refugees, terrorists and religious fundamentalists“. Starker Tobak. Was der Mann sich mit seiner Gitarre so alles zutraut…

Dann doch endlich so etwas wie ein Hit: „Permanating”, seine aktuelle Single. Alle lieben diesen Song. Alle, glaube ich, außer Steven Wilson. Es ist ein im Refrain sehr einfacher, für ihn untypischer Song. Könnte auch vom Electric Light Orchestra und Jeff Lynne (1979) sein.

Wilson fordert das Publikum mit eingeschränkter Überzeugungskraft auf, vom Headbangig zum „Disko dance“ zu wechseln. Wilson freut sich über die vielen Wilson T-Shirts im Publikum. Respekt oder gar Liebe gegenüber den Zuschauern bringt er nicht auf. Noch schlimmer als das Bonner Publikum, so sagt er sinngemäß, sei eigentlich nur noch das Publikum in Essen. Schade. Eigentlich bleibt “Permanating” der einzige „Happy Song“ des Konzertes.

Toll klingt live auch der Song: “Song of I” (feat. Sophie Hunger). Ok, die Drumbox am Anfang ist elektronisch, die muss vom Band kommen. Aber dass große Teile der Gesangsarrangements aus dem Sequencer kommen, ist schade. Dass mehrere Steven Wilsons und Sophie Hungers von der Leinwand aus mitsingen ist schon etwas befremdlich: Entweder ein Musiker ist da, oder er ist nicht da – dann sollte er auch nicht mitsingen…Noch erstaunlicher sind die kräftigen Rhythmusgitarren vom Band, die keiner live spielt. Das sollte bei zwei lebendigen Gitarristen auf der Bühne nicht nötig sein.

Schöne Songs, trotzdem, und klarer druckvoller modernerer Sound in der zweiten Hälfte. Jetzt ist er aus endlich aus dem Dinosaurierrock herausgewachsen und im neuen Jahrtausend angekommen.

Und dann: „Lazarus“: Eine zeitlos schöne Ballade. Danach „the same asylum as before”, „vermillioncore”, und “sleep together“. Fett. Schlüssig. Überzeugend. Jetzt stören auch die Verrückten mit den Masken auf dem Video nicht mehr so sehr.

Publikum und sehr souveräner Schlagzeuger werden gegen Ende nochmal rhythmisch gefordert: Bei „the sound of muzak“ (Porcupine Tree) folgen abwechselnd immer 4/4 und 6/8 Takte aufeinander. Wenn man schnell bis 14 zählt, landet man immer beim Anfang des Taktes. Ist das Prog-Rock?

Die einbrechende Dunkelheit hilft gegen Ende, dass es doch noch ein großartiges Rockkonzert wird.

Die Lyrics: Wahrscheinlich kein großer, Zeiten überdauernder und nie dagewesener Ausdruck (Zitat: “don’t be afraid to die. don’t be afraid to be alive”.) Vielen Dank.
Noch ein Zitat aus einem Song: „These moments, that last forever in you:” Vielleicht.
Ich höre mir gleich morgen nochmal alte und neue Alben an…

Gastautor Johannes Kuchta ist ein Bonner Songwriter und Musikproduzent. Neben seinem Hauptberuf als Neurochirurg betreibt er das Tonstudio und Label “Phonosphere“.

Ein aktuelles Interview mit ihm gibt es hier: www.rheinexklusiv.de/parallele-welten-johannes-kuchta/

Update: 18.07.2018, kleinere Korrekturen

21 KOMMENTARE

    • Über konstruktive Kommentare freuen wir uns immer, deshalb nehmen wir jeden Hinweis auf sachliche Fehler gerne entgegen. Wo genau ist denn ein Fehler in der beschrieben Setlist?

  1. Volle Zustimmung bzgl. des obigen Kommentars. Hr. Wilson hat weder “Blind House” noch “To The Bone” gespielt.

    Interessant auch, dass der Autor schreibt:”die Bonner Gitarrenfraktion ist zum gemeinsamen Headbanging-Event angetreten.” Denn ich habe unter den 1800 Besuchern keine “Gitarrenfraktion” gesehen, die gemeinsam ständig geheadbangt hätten. Bei zwei oder drei Songs sicherlich, aber das war es dann auch.

  2. Richtig Gerhard, selten so einen belanglosen Konzertbeitrag gelesen….
    Der Verfasser hätte sich etwas mehr Hintergrundwissen aneignen sollen und müssen!
    Für die widrigen Verhältnisse hat SW das Publikum sehr gut unterhalten…..es war zu meinen anderen SW Konzerten in diesem Jahr sehr komprimiert, geschuldet der knappen Spielzeit, 22:00…wenn ich das vorher gewusst hätte!!
    Da kann ich gerne auf die Vorstellung der Band verzichten (was er sonst immer macht) und höre lieber einen Song mehr! Nächstes Mal einfach jemanden hinschicken, der etwas mehr Interesse an der Sache hat!

  3. Bei aller vielleicht berechtigten Kritik am Inhalt, wir machen das hier alle unentgeltlich in unserer Freizeit. Der Autor hat lediglich den kostenfreien Eintritt zum Konzert bekommen und berichtet von seinen Eindrücken. Wir sind kein Wilson-Fachmagazin, wir sind nicht einmal ein Musik- oder Konzertmagazin, sondern ein Lokalblog, das ehrenamtlich über das berichtet, was in Bonn passiert.

    Pauschalbeschimpfungen finde ich nicht förderlich. Wenn ihr wirklich an einer inhaltlichen Qualitätsverbesserung interessiert seid, freuen wir uns über jeden Hinweis. Sachliche Fehler bessern wir gerne aus.

  4. Wie gewünscht, hier die Fehler:
    1. Der Song “To the bone” wurde nicht gespielt.
    2. Der Song “Song of unborn” ist nicht von Porcupine Tree, sondern von Wilsons Solo-Album “To the bone”.
    3. Dieser Song wurde als letzte Zugabe gespielt, nicht vor “The sound of muzak”.
    3. “curerent area” muss “current era” heißen.
    4. Sophie Hunger wird einmal mit “f” buchstabiert.
    5. “dont” braucht einen Apostroph > don’t.
    6. “alife” ist falsch buchstabiert > alive.
    7. Diverse andere sprachliche Fehler, die aber nicht relevant sind.

  5. So, ich habe jetzt, am Tag nach dem Konzert die zwei verwechselten Songtitel korrigiert.
    Vielen Dank, Oliver Travel für den Hinweis.
    Ansonsten scheinen einige Kommentatoren ja in den Grundfesten erschüttert.
    Meine Absicht war keine Blasphemie, kein Heruntermachen.
    Hatte ich in der Nacht nicht geschrieben, dass es “doch noch ein grossartiges Rockkonzert” war?
    Freue mich auf konstruktive Diskussion, gerne auch mit anderen Sichtweisen des Konzert.
    Herzliche Grüsse,
    Johannes

    PS: Für alle ganz Genauen hier die chronologische Songliste des Abends:

    Intro (“Truth” short film)
    Nowhere Now
    Pariah
    Home Invasion
    Regret #9
    The Creator Has a Mastertape (Porcupine Tree song)
    Refuge
    People Who Eat Darkness
    Ancestral
    Don’t Hate Me (Porcupine Tree song)
    Permeating
    Song of I
    Lazarus (Porcupine Tree song)
    The Same Asylum as Before
    Vermillion-core
    Sleep Together (Porcupine Tree song)
    Blackfield
    The Sound of Muzak (Porcupine Tree song)
    Song of Unborn

    • Gerne. Und “Permeating” in der Setlist heißt natürlich “Permanating”. Das war vielleicht auch die Rechtschreibkorrektur, steht schließlich korrekt so in der Review ;-)

  6. Hier eine schöne Zusammenfassung geschrieben von BERNHARD DREGGER, zitiert aus der Facebook Gruppe prog-rock dt als Antwort auf meine gestrige Konzertkritik (ich lerne gerne):
    “Steven Wilson ist mit Abstand einer der fleißigsten und vom künstlerischen Output her der großartigste Künstler unserer Zeit! Sich selbst zu inszenieren liegt ihm völlig fern. Er remixt, produziert, spielt live, macht nebenher noch seine Seitenprojekte wie Bass Communion, Blackfield, etc. hilft mal eben renommierten Bands wie Anathema, Opeth und The Pineapple Thief auf die Sprünge. Dabei ist er vollständig auf dem Boden geblieben, berichtet in allen Interviews und Beiträgen genauestens über das Warum und Wie dessen, was er tut, welche Sicht er auf die POP-/Rockmusik heute im Hinblick auf die Digitalisierung hat und ist gleichzeitig größter Fan von der Musik der 70er und 80er, huldigt seinen Stars von Prince über David Bowie, Jethro Tull, die er ebenso remixed wie King Crimson, Simple Minds, Tears for Fears, die Liste ist unendlich. Steven Wilson besitzt ein unheimlich anmutendes Wissen über alle möglichen LP‘s, deren Besetzung, Produzenten, wann sie wo aufgenommen wurden etc.
    Dass er bei jedem seiner Konzerte barfuß auftritt, mit Brille und sich selbst mehr als Arrangeur und weniger als Musiker sieht sei nur am Rande bemerkt. Er umgibt sich seit geraumer Zeit mit Musikern aus der ersten Reihe begnadeter Fähigkeiten, zuletzt auch Marco Minnemann und Guthrie Govan, seine Langzeit-Mitwirkenden wie Nick Beggs (Kajagoogoo) und Adam Holzmann (Miles Davis Group) seien hier noch erwähnt. Ihm selbst ist das ‚Im-Mittelpunkt-Stehen‘ völlig unangenehm, ich konnte in den letzten 10 Jahren deutlich verfolgen, wie er sich selbst dazu erzogen hat, der Frontman seiner eigenen Solo-Band zu werden.
    Steven Wilson wird völlig zurecht als der King of Progressive Rock bezeichnet, auch wenn er mir selbst vor einigen Jahren sagte, dass er mit dem Begriff Progressive Rock eigentlich nichts anfangen kann.
    Ich habe ihn auf der laufenden Tour bereits 2x gesehen, in Essen und in London und war restlos begeistert, er hat mit seiner beeindruckenden Show die Messlatte erneut höher gesetzt, das Royal Albert Konzert erscheint Ende des Jahres auf BlueRay, DVD, CD, Vinyl.
    Beim gestrigen Konzert hat er sich jedoch völlig zurecht über die Lautstärke- und Zeitbegrenzungen geärgert, die in unserer Stadt dem Veranstalter des Kunstrasen! das Leben immer schwerer machen.
    Schade!
    So schnell werden wir ihn in Bonn nicht mehr begrüßen dürfen.
    Deine Idee, sich ein paar Alben anzuhören, finde ich großartig! Nur wird die Auswahl schwer sein. Daher meine Tipps in folgender Reihenfolge:
    1. To The Bone
    2. The Raven That Refused to sing
    3. Hand Cannot Erase
    Dann Porcupine Tree:
    1.Deadwing,
    2.In Absentia
    3.Fear Of A Blank Planet
    4. Stupid Dream
    5. The Incident
    Blackfield:
    1.Blackfield I
    2.Blackfield II”

  7. … vielleicht auch nicht wirklich konstruktiv aber zumindest ein Kritikpunkt, der mir richtig Schmerzen bereitet hat:
    Die letzten Zeilen des Stücks “Song of Unborn” aus dem Zusammenhang zu reißen und somit die Lyrics von WIlson als “[…] wahrscheinlich kein großer, Zeiten überdauernder und nie dagewesener Ausdruck […]” zu klassifizieren.
    Gerade inhaltlich bezieht Wilson immer wieder deutlich Stellung zu politischen und gesellschaftlichen Themen – das vorletzte Album “Hand.Cannot.Erase” thematisiert gar durchgängig die soziale Entfremdung der Gesellschaft bis hin zum Suizid auf Basis einer realen Story. Mehr Inhalt und Position geht da aus meiner Sicht kaum – das kann eine einzige Textzeile ohne Kontext kaum widerspiegeln. Daher hätte ich mir gewünscht, dass über die Wertung der Qualität dieser einen Textzeile hinaus das “textuelle Gesamtwerk” mit berücksichtigt oder zumindest erwähnt worden wäre.
    Ansonsten ist es interessant, ‘mal einen Konzertbericht von einem Autor zu lesen, der wohl nicht zur eingefleischten Fangemeinde von Steven Wilson zu gehören scheint. Da merkt man – und das sieht man auch an den anderen Kommentaren – dass man als langjähriger “Follower” die Person und das Werk von Steven Wilson als beinahe “untouchable” einsortiert. Da soll noch einer sagen, der Wilson produziere keine Emotionen;-)

    • Den Kommentar kann ich nur unterschreiben. Außerdem noch irritierend die Fehleinschätzung, er würde Permanating nicht lieben – wo er doch besonders stolz auf das Lied ist.
      Viele Fehler im Text sind wohl Sache der Wahrnehmung. Es kam nicht so recht Freude auf? Kein Respekt gegenüber Fans – nur wegen einem augenzwinkernden Kommentar über (in Schland übrigens recht allgegenwärtige) apathische Crowds?

    • Lieber Klaus Recket, ich kenne Alan Parsons persönlich ganz gut. Habe mit ihm in den Kölner Maarwegstudios im letzten Jahr Aufnahmen/ Mixe gemacht und bin danach zeitweise sein persönlicher Gesundheitsberater gewesen. Ich weiss aus persönlicher Erfahrung, wie er arbeitet. Steven Wilson kannte ich zugegebenermassen vor dem Bonner Konzert nicht. Bei einigen Produktionen von Wilson, insbesondere bei Blickfeld hört man Parsons gut heraus. Das besprochene Konzert war aber leider in keiner Weise geeignet, Steven Wilson als leuchtende Fackel in der aktuellen Musiklandschaft zu platzieren.

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