Das fühlt sich an, wie ein alter Freund. Ein Begleiter über die Jahre kommt zurück. 60 Jahre, gut gealtert. Moby hat nicht das Gesicht und den Körper eines Superstars. Schmal, keine Haare auf dem Kopf. Er war eigentlich schon immer so. In den 90ern als DJ in New York. Produziert die Musik bei sich zu Hause im Zimmer oder auf Reisen im Hotel. Moby zeigt wie es geht: Gesund leben, schöne Sachen machen. Und immer: Stay hungry, stay foolish (Zitat Steve Jobs- auch so ein Typ). Damit bewahrt man sich diese jungenhafte Verspieltheit. Diese bedingungslose Lust am Spielen, am Leben und ja daran, jeden Morgen frisch und neu aus dem Bett zu steigen und neue Sachen zu entdecken. Bei allem Mist, der so in der Welt passiert, seine Rolle, seine Berechtigung, sein Ikigai oder wie man es auch immer nennen möchte zu finden.
Richard Melville Hall wurde am 11. September 1965 geboren, 6 Monate vor mir. Vielleicht erklärt das einen Teil der eigentümlichen Vertrautheit, mit der ich Moby heute betrachte. Wir sind mit denselben Jahrzehnten älter geworden und haben 1000 ähnliche Dinge, mit denen wir uns beschäftigen. Ähnliche Prioritäten, ähnlichen Tagesablauf. Wir haben erlebt, wie analoge Tontudios verschwanden, Computer die Musikproduktion eroberten und jene Synthesizer und Drum Machines, die zwischenzeitlich als hoffnungslos veraltet galten, schließlich als begehrte historische Instrumente zurückkehrten.

DJ-Sets, WestBam und die Sehnsucht nach echter Transparenz
Heute abend auch dabei: Westbam, alias Maximilan Lenz. Ein alter Freund von Moby von DJ Sets aus New York und jemand, der ihn das erste Mal aus seinem vertrauten Amerika herausgeholt hat. Heraus nach Berlin, Germany in den 90er Jahren, um bei Max zu Hause auf der Couch zu schlafen. WestBam machte den DJ zum Instrumentalisten und die Nacht zum musikalischen Raum; Moby nahm die Maschinen aus dem Club und machte aus ihnen Bestandteile von Songs. Der eine denkt bis heute stärker vom Dancefloor, der andere von Melodie, Klang und Emotion her. Leider vermisse ich bei reinen DJ Sets persönlich immer die Transparenz und Nachvollziehbarkeit: Ok, alle DJs haben Kappen auf (die heissen ja schon so: DJ-Kappen) und Kopfhörer. Und fuchteln wild und aufmunternd im Takt der „aufgelegten“ Musik. Ich würde jedoch gerne sehen, was der Mensch da gerade im Moment wirklich macht. Das war bei Westbam leider nicht möglich. Ein dickes Schwarzes Moltontuch hat sein Setup, seine „Instrumente“ komplett abgedeckt, und mein immer wiederkehrendes Misstrauen, das es eventuell ein komplettes Vollplayback sein könnte, wurde nicht beruhigt. Anders bei Moby: Hier waren wunderbare echte Musiker engagiert, Drums, Bass, zwei phantastische Sängerinnen. Und, hey ich habe schon so viele Heimvideos von Moby gesehen, auch die Entstehung der Songs verfolgt, aber mir war bis gestern nicht klar, wie gut der Kerl Gitarre spielt …

Von Ace Tone zu Roland: Die Evolution der Drum Machines
Um Moby zu verstehen, lohnt es sich, noch einige Jahre weiter zurückzugehen – in eine Zeit, in der eine Drum Machine keineswegs als eigenständiges Instrument galt.
Die frühen Rhythmusgeräte der sechziger und siebziger Jahre waren ursprünglich tatsächlich etwas vollkommen anderes als das, was Hip-Hop, House und Techno später aus ihnen machen sollten. Sie waren häufig Begleitautomaten für elektronische Heimorgeln. Man drückte „Bossa Nova“, „Waltz“ oder „Foxtrot“, spielte darüber seine Akkorde und hatte gewissermaßen einen kleinen automatischen Schlagzeuger im Wohnzimmer.
Einer der Männer, die solche Geräte entwickelten, war der Japaner Ikutaro Kakehashi. Seine Firma Ace Tone stellte elektronische Orgeln, Verstärker und Rhythmusgeräte her und arbeitete eng mit Hammond zusammen. Anfang der siebziger Jahre entstand sogar eine Hammond-Orgel, in die ein Rhythmusgerät unmittelbar integriert war.
1978 erschien die CR-78 CompuRhythm. Auch sie trug ihre Herkunft aus der Orgelbegleitung noch deutlich in sich – bis hin zu Walzer- und Bossa-Nova-Rhythmen –, erlaubte aber bereits das Speichern eigener Patterns. Phil Collins, Blondie, OMD und andere Musiker erkannten, dass ein solches Gerät viel interessanter wurde, wenn man es gerade nicht so benutzte, wie der Hersteller es vorgesehen hatte. 1980 folgte die TR-808 Rhythm Composer. Und mit ihr geschah etwas, das zu den schönsten Irrtümern der Musiktechnikgeschichte gehört. Die 808 scheitert – und verändert deshalb die Musik
Ein glorreiches Scheitern verändert die Musik
Die Ingenieure um Tadao Kikumoto standen vor einem Problem: Mit der damaligen analogen Technik ließ sich ein echtes Schlagzeug nur sehr unvollkommen imitieren. Die Bassdrum klang nicht wirklich wie eine Bassdrum, die Snare nicht wirklich wie eine Snare und die Cowbell erst recht nicht wie eine Kuhglocke.
Nach den damaligen Maßstäben war das ein Mangel. Aus heutiger Sicht war es ein grosses Glück. Denn statt eines schlechten akustischen Schlagzeugs entstand ein neues Instrument mit einer eigenen Klangsprache.
Der Musiker konnte mit sechzehn Tastern selbst Patterns programmieren. Auf der Frontplatte stand deshalb nicht „Drum Machine“, sondern „Rhythm Composer“. Genau dieses von Roland entwickelte TR-REC-Prinzip des Step-Sequencing wird in ähnlicher Form bis heute verwendet. Auch ich habe diese ganzen klassischen Geräte bei mir zum Anfassen und Interagieren bei mir im Studio stehen.
Kommerziell war die Rechnung zunächst trotzdem enttäuschend. Zwischen 1980 und 1982 entstanden nur ungefähr 12.000 TR-808. Dann kamen digitale Drum Machines wie die LinnDrum auf den Markt, die mit echten Schlagzeugsamples wesentlich realistischer klangen. Gegen sie wirkte die analoge Roland plötzlich altmodisch. Die Produktion wurde eingestellt. Und nun begann die eigentliche Karriere der 808.
Gebrauchte Geräte wurden billig. Damit gelangten sie zu jungen Musikern, DJs und Produzenten, die sich eine LinnDrum nicht leisten konnten – und die überhaupt kein Interesse daran hatten, einen Studiotrommler möglichst naturgetreu zu imitieren.
Sie wollten etwas Neues.
Afrika Bambaataas Planet Rock, Marvin Gayes Sexual Healing und bald unzählige Hip-Hop-, Electro-, House- und Popproduktionen machten aus dem vermeintlich unrealistischen Schlagzeug eine neue musikalische Sprache. Die 808 wurde nicht trotz ihres künstlichen Klanges berühmt, sondern wegen dieses Klanges.
Mobys Sound-Code und der Zauber Kaliforniens
Das ist vielleicht die wichtigste Lektion dieser Geschichte: Eine neue Technologie wird kulturell manchmal erst dann wirklich interessant, wenn Künstler aufhören, sie so zu benutzen, wie ihre Entwickler es vorgesehen hatten. Aus der 1972 mit sieben Mitarbeitern begonnenen Roland Corporation entstand einer der bedeutendsten Hersteller elektronischer Musikinstrumente überhaupt. TR-808, TR-909, TB-303, Jupiter-8, Juno-106, SH-101, Space Echo und später die digitalen Roland-Instrumente prägten ganze musikalische Epochen.
Moby gehört zu der Generation, die genau dieses Erbe übernahm. Roland war für ihn ein wesentlicher Bestandteil der Sprache elektronischer Musik: TR-808 und vor allem TR-909, TB-303, Juno-106 und andere analoge Geräte gehörten zu seinem Produktionsinstrumentarium. Auf Play hört man nicht einfach eine Demonstration elektronischer Produktion. Man hört Why Does My Heart Feel So Bad?, Natural Blues oder Porcelain und denkt nicht zuerst an den verwendeten Synthesizer oder die Drum Machine. Man hört eine Stimme. Ein Klavier. Einen Beat. Und plötzlich Melancholie. Das ist Mobys eigentliche kompositorische Begabung: Er vermag mit erstaunlich wenig Material eine emotionale Fallhöhe zu erzeugen, die in einem seltsamen Gegensatz zur Einfachheit seiner Mittel steht.
Ortswechsel: Um 2010 kaufte er zunächst Wolf’s Lair in den Hollywood Hills; 2012 verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt endgültig nach Kalifornien. Bemerkenswert ist, dass er später sagte, der Umzug habe seine Musikproduktion weniger verändert als das schlichte Älterwerden: Auch das kalifornische Studio blieb voller alter Synthesizer, Drum Machines, Gitarren und Verstärker. Los Angeles veränderte jedoch sein Leben. Diese Erfahrung habe ich auch gemacht, als ich 2001 über ein Jahr in Los Angeles, ganz in der Nähe gewohnt, geforscht und mit den gleichen Instrumenten meine Musik gemacht hatte. Über 20 Monate Sonne im Jahr und die Ausgeglichenheit und die für Amerikaner ausgeprägte Weltoffenheit der Los Angelinos (ca 50% spanischsprachig in der Stadt) erwärmen das Herz und lassen die Seele nicht unverändert.

Little Pine und die Strategie des freundlichen Aktivismus
Und bei einem späteren Besuch dort im Jahr 2018 begegnete ich einer anderen Seite Mobys, die mit seiner Musik zunächst wenig zu tun zu haben scheint und bei näherem Hinsehen doch unmittelbar zu ihr gehört. 2018 besuchte ich in Los Angeles Little Pine, Mobys veganes Restaurant im Stadtteil Silver Lake.
Es war kein schriller Prominententreff, wie man ihn vielleicht von einem Restaurant eines internationalen Popstars erwartet hätte. Little Pine war bewusst zurückhaltend gestaltet, in einem weißen Art-déco-Gebäude aus den vierziger Jahren, mit einer fast wohnlichen, kalifornisch entspannten Atmosphäre. An den Wänden fanden sich unter anderem Landschaftsfotografien Mobys; Bücher, Kunst und kleine Gegenstände ergänzten das Restaurantkonzept. Selbst prominente Gäste wie Leonardo DiCaprio, Kristen Stewart oder Miley Cyrus gehörten zeitweise zum Publikum.
Für mich war der Besuch damals zunächst natürlich auch die Begegnung eines Musikers mit einem Ort, den ein anderer Musiker geschaffen hatte. Im Rückblick erscheint Little Pine jedoch fast wie ein Schlüssel zum Verständnis des späteren Moby.
Denn Moby wollte dort nicht einfach zeigen, dass man vegan essen kann. Er wollte Menschen erreichen, die gerade keine Tierrechtsdokumentationen ansehen und sich von moralischen Appellen nicht angesprochen fühlen. Gutes Essen sollte das Argument sein. Er beschrieb diese Strategie selbst als die freundliche, nicht belehrende Seite seines Aktivismus. Und noch ungewöhnlicher war das Geschäftsmodell: Hundert Prozent der Gewinne sollten Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen zugutekommen.
Little Pine war damit weniger ein klassisches Prominentenrestaurant als ein philanthropisches Projekt in Form eines Restaurants. 2020 zog sich Moby aus dem operativen Restaurantgeschäft zurück; Die Pandemie traf die Gastronomie hart.
Punk-Ethos, innere Haltung und das Leben im Hier und Jetzt
Moby wurde 1984 Vegetarier und lebt seit 1987 vegan. Wieder eine Parallele: Ich bin wie Moby etwa zur gleichen Zeit vom Fleischessen weg. Und bin seit dem glücklich damit.
Mobys Veganismus begann lange bevor vegane Ernährung ein gesellschaftlicher Trend oder Bestandteil prominenter Selbstvermarktung wurde. Und sein Engagement geht erheblich über Ernährung hinaus. Die Gewinne von Little Pine unterstützten Organisationen wie Mercy For Animals, Farm Sanctuary, die Humane Society of the United States, den Physicians Committee for Responsible Medicine, PETA, Sea Shepherd und den Animal Legal Defense Fund.
Besonders bemerkenswert ist, dass er auch Teile seines eigenen musikalischen Archivs monetarisiert hat, um das Geld anschließend wegzugeben: Instrumente, DJ-Equipment und Teile seiner Plattensammlung wurden verkauft, wobei Erlöse unter anderem dem Physicians Committee for Responsible Medicine zugutekamen.
Sein vielleicht persönlichstes Projekt ist jedoch der 2023 erschienene Punk Rock Vegan Movie. Moby schrieb und inszenierte den Dokumentarfilm, komponierte die Musik und arbeitete teilweise selbst als Kameramann und Animator. Darin verfolgt er die überraschend enge historische Verbindung zwischen Punk, Hardcore, Veganismus und Tierrechtsbewegung. Ein Luxus den er sich heute leistet, ist es, mit einem eigenen veganen Koch auf Tour zu gehen, so hat es mir der Konzertveranstalter berichtet.
Punk bedeutete für Moby nie nur verzerrte Gitarren. Punk bedeutete, vermeintliche Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen. Warum muss Musik so klingen? Warum muss ein Musiker sich so verhalten? Warum sollte eine Drum Machine ein echtes Schlagzeug imitieren? Und schließlich: Warum halten wir es für selbstverständlich, Tiere zu essen? Diese Fragen gehören bei ihm erstaunlich eng zusammen.
Der Moby von heute unterscheidet sich radikal von dem Weltstar der Jahre nach Play. Der Erfolg brachte ihm damals nicht nur Anerkennung und Geld, sondern auch Alkohol, Drogen und einen zunehmend selbstzerstörerischen Lebensstil. Seit 2008 lebt er nüchtern. Heute wirkt sein Alltag beinahe wie eine Gegenbewegung zu dieser Vergangenheit: Los Angeles, Wandern, Meditation, Tiere, Studioarbeit und ein zunehmend zurückgezogenes Privatleben. Selbst seine öffentliche Arbeit verbindet er immer häufiger mit Aktivismus. Noch 2025 lud er etwa Jane Goodall zu einem ausführlichen Gespräch über Natur, Verantwortung und die Frage ein, wie der Einzelne gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann. Das gemeinsame Video hierzu hat er gestern an prominenter Stelle beim Konzert gezeigt. Die großen Tätowierungen ANIMAL RIGHTS auf seinen Armen und VEGAN FOR LIFE am Hals wirken dabei fast wie die endgültige Aufhebung der Grenze zwischen privater Überzeugung und öffentlicher Person. Moby kann dieses Thema buchstäblich nicht mehr ablegen.
Welcome back, my friend. You are doing the right thing. Schön, das du noch da bist.
Alle Fotos: Marc John



